Nach Warnung von BundesratMüssen Elektroautos bei einer Stromkrise in der Garage bleiben?
England dreht E-Auto-Fahrern den Saft für neun Stunden am Tag ab. Auch in der Schweiz drohen Einschränkungen für private Ladestationen in einer Stromkrise.
Darum gehts
Private Ladestationen für E-Autos kriegen in England ab 2022 für neun Stunden keinen Strom.
So soll das Stromnetz vor Überlastung geschützt werden.
Auch in der Schweiz sind Einschränkungen für E-Autos denkbar, weil es im Winter zu wenig Strom geben könnte.
Dann würde das Laden für Elektroautos teurer werden.
Strom statt Benzin: E-Autos sind weltweit auf dem Vormarsch. Doch jetzt erhält der Trend einen möglichen Dämpfer. So will etwa Grossbritannien privaten Ladestationen ab 2022 während neun Stunden pro Tag den Saft abdrehen, wie die britische Tageszeitung «Times» berichtet. Das soll mögliche Blackouts verhindern.
Ähnliche Pläne gibt es auch in Deutschland. Dort warnen Netzbetreiber ebenfalls davor, dass E-Autos das Stromnetz überlasten könnten, wie «Focus» schreibt. Auch auf Schweizer Elektroauto-Fans könnten harte Zeiten zukommen. Denn der Bund warnt zurzeit vor einer gefährlichen Stromknappheit im Winter.
Anders als in England sind hierzulande nicht die Netze überlastet, sondern es könnte an Strom fehlen. Kommt es zu Strommangel, kann der Bundesrat Verbrauchseinschränkungen erlassen, wie es vonseiten des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung BWL heisst. Dabei könnten auch bei der E-Mobilität Einschränkungen erforderlich sein.
Aufladen könnte richtig teuer werden
Kommt es zu grösserem Strommangel, wäre das vergleichbar mit der Ölkrise der 1970er-Jahre, erklärt Marc Scherer, Experte für das europäische Stromnetz: «Damals durften beispielsweise mal Autos mit geraden Zahlen auf dem Nummernschild fahren, dann wieder die mit ungeraden Zahlen. Sowas könnte man auch bei E-Autos anordnen.»
Zudem könnte die Menge und Dauer des Strombezugs für Elektroautos teurer werden. «Wer mehr laden will zu einer speziellen Zeit, muss dann übermässig viel mehr für den Strom bezahlen», so Scherer. Dadurch würden E-Autos automatisch weniger geladen werden.
Es sei aber unwahrscheinlich, dass es so weit kommt. Denn es gebe bereits technische Lösungen, damit Elektroautos untereinander den Strombezug koordinieren können. «Normale Hausanschlüsse können auch gar nicht immer so viel Strom liefern. Dafür müssten erst alle Hausbesitzer ihren Stromanschluss erweitern», erklärt Scherer.
Saft abdrehen ist keine Lösung
Dass Elektroautos ein Problem bei Stromknappheit darstellen könnten, bestätigt auch Christina Marchand, Strommarkt-Expertin an der ZHAW: «Problematisch wird es, wenn jede Privatperson eine eigene Ladestation in der Garage installiert.»
Es sei aber keine Lösung, den Ladestationen für mehrere Stunden am Tag den Saft abzudrehen, so Marchand. Stattdessen brauche es intelligente Ladesäulen für Privathaushalte. «Solche Stationen messen aktiv den Zustand des Stromnetzes und passen sich an», erklärt Marchand.
Ist im Netz zu wenig Strom verfügbar oder ist es überlastet, lädt die Säule einfach langsamer und benachrichtigt die Besitzerinnen und Besitzer per SMS darüber. Wichtig dabei sei, dass diese intelligenten Stationen gemeinsam mit den zuständigen Behörden und den regionalen Stromverteilern installiert werden.
Zudem dürfe nicht vergessen gehen, dass Elektroautos selber Speicher sind: Wer sein E-Fahrzeug also mal nicht braucht, kann es ans Netz hängen und so Strom zurück ins System speisen. «Das ist besonders nützlich, wenn zu einer bestimmten Tageszeit viel Strom benötigt wird», sagt Marchand.
Allgemein gebe es für jede Energieversorgung Risiken. So könne auch Benzin oder Gas plötzlich knapp werden. «Und dort sind wir zu 100 Prozent vom Ausland abhängig.» Beim Strom habe es die Schweiz selber in der Hand, eine stabile Versorgung sicherzustellen.
Viele E-Autos überlasten das Netz:
Auch ohne Stromkrise stellt die Elektromobilität in Zukunft eine Herausforderung dar. So rechnet der Bund bis 2050 mit einer vollständigen Elektrifizierung aller Personenwagen. Das wären 3,6 Millionen Autos. Zum Vergleich: Heute gibt es erst 70’223 E-Fahrzeuge laut Bundesamt für Statistik. Eine Herausforderung wird dann die Netzbelastung sein, wie es vonseiten des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE heisst. Denn laden alle gleichzeitig ihr E-Auto, könnte es in gewissen Situationen zu einer Netzüberlastung kommen. Um das Netz auch dann stabil zu halten und die Mobilitätsbedürfnisse der E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer trotzdem zu erfüllen, könnte dann die Ladeleistung durch den Netzbetreiber gedrosselt werden.
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