Verlängerung von Lieferstopp: Nord Stream 1 steht still – das bedeutet die Gas-Drosselung für die Schweiz

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Verlängerung von LieferstoppNord Stream 1 steht still – das bedeutet die Gas-Drosselung für die Schweiz

Die Ostsee-Pipeline ist am Samstag immer noch ausser Betrieb. Solange die Nachbarländer ihre Gasspeicher füllen, könne dies der Schweiz vorerst nichts anhaben, so das Bundesamt für Energie. Sich auf die Reserven in der EU zu verlassen sei naiv, entgegnet die Economiesuisse.

Seit dem frühen Mittwochmorgen fliesst kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland. 
Laut Gazprom muss die letzte verbliebene Turbine in der Kompressorstation Portowaja alle 1000 Arbeitsstunden gewartet werden.
In der Vergangenheit hatte Russland auf eine in Kanada gewartete Turbine als Grund für die reduzierte Lieferung verwiesen.
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Seit dem frühen Mittwochmorgen fliesst kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland. 

AFP

Darum gehts

Der Nachrichtendienst des Bundes warnte bereits in der Vergangenheit vor einem russischen Gas-Lieferstopp. Nun steht Nord Stream 1 still, entgegen der Ankündigung, dass das Gas am Samstag wieder durch die Ostsee-Pipeline fliessen würde. Der russische Staatskonzern Gazprom kommunizierte in einem Statement, das am Freitagabend auf Telegram und Twitter veröffentlicht wurde, dass es im Rahmen von angeblichen Wartungsarbeiten zu einem Ölaustritt gekommen sei. Bis zur Behebung des Lecks müsse der Gasdurchfluss gestoppt werden, so Gazprom.

Wann die Pipeline ihren Betrieb wieder aufnimmt, ist nach wie vor unklar. Nord Stream 1 sei «unter falschen Vorwänden» stillgelegt worden, kritisiert indes ein EU-Kommissionssprecher auf Twitter.

In einem Statement stellt das deutsche Bundesministerium klar, dass es sich auf die «Unzuverlässigkeit Russlands» bereits in den vergangenen Wochen eingestellt und dementsprechend gehandelt habe. In einer Pressemitteilung betonte eine Sprecherin, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland gewährleistet sei. 

Schweiz hat Gasreserven im Ausland beschafft und eingelagert

Und die Schweiz? Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie (BFE) beschwichtigt. «An der Ausgangslage der Schweiz ändert der Lieferstopp derzeit nichts», sagt sie zu 20 Minuten. Die Schweiz habe Gasreserven im Ausland beschafft und dort eingelagert. Vor einer Woche hat die Gasbranche diese Beschaffungen für den Notfall abgeschlossen. «Die aktuelle Situation hat aus diesen Gründen keinen unmittelbaren Einfluss auf die Reserven im Ausland.» Anders gehe es europäischen Nationen, die ihre Gasspeicher noch nicht gefüllt haben. Wie lange der Unterbruch dauern wird, sei schwer abzuschätzen. «Die Behörden beobachten und haben die weitere Entwicklung der Lage genau im Auge», so Zünd.

Ein Blick auf die aktuelle Datenlage in Deutschland zeigt, dass der Füllstand der Gasspeicher derzeit dem üblichen Anstieg entspricht. Mit 85 Prozent liegt er im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Die Gasspeicher in Frankreich sind bis zu 90 Prozent gefüllt. Ziel der beiden Länder ist es, die Speicher bis im Winter ganz zu füllen.

«Sich im Winter auf Gaslager in Europa zu verlassen, wäre naiv»

Für die Schweiz, die ihr Gas vor allem aus den beiden Nachbarländern bezieht, ergebe dies eine gute Prognose, so Thomas Hegglin, Mediensprecher des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie, gegenüber 20 Minuten: «Man kann nicht von einer Entspannung sprechen. Aber es sind positive Signale.» Direkte Konsequenzen habe der Lieferstopp für die Schweiz nicht. «Unmittelbare Folgen» seien hierzulande nicht zu erwarten, auch wenn Nord Stream 1 in den kommenden Tagen stillgelegt bleibe, so Hegglin. Für Deutschland werde es dennoch anspruchsvoller, seine Reserven plangemäss bis zum 1. November zu 95 Prozent zu füllen.

Indes warnt Economiesuisse: «Sich für den Winter auf die Gaslager in Europa zu verlassen, wäre naiv.» Die Gasspeicher dienen lediglich zur temporären Überbrückung. Diese decken in Deutschland rund 30 Prozent des Winterbedarfs, so Rudolf Minsch, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Wirtschaftsverbandes. «Im Notfall können wir uns nicht einfach auf die Reserven im Ausland verlassen. Wenn von Russland gar nichts mehr kommt und Putin uns den Gashahn zudreht, dann könnte die Schweiz im Dunkeln sitzen», betont Minsch gegenüber 20 Minuten.

Welche Massnahmen greifen bei Gasengpass

Falls ein Gasengpass eintritt, stehen der wirtschaftlichen Landesversorgung vier Massnahmen zur Verfügung, um den Verbrauch zu senken. Als erstes würden die Bevölkerung und die Wirtschaft dazu aufgerufen, Gas zu sparen. Tritt trotzdem eine Mangellage ein, würden sogenannte Zweistoffanlagen auf Öl umgeschaltet. 

In einem dritten Schritt würden schrittweise Verbote und Beschränkungen ausgesprochen werden. Dann dürften etwa keine Schwimmbäder und leeren Räume mehr beheizt werden. Als letzte Massnahme würde eine Kontingentierung erfolgen. Betroffen wären alle Betriebe und Einrichtungen ausser die Haushalte und «grundlegende soziale Dienste» wie Spitäler, Altersheime, Polizei, Feuerwehr oder die Trinkwasserversorgung. Der Bundesrat betont, dass diese Massnahmen erst im Fall einer schweren Mangellage in Kraft treten.



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