Richtiger SprachgebrauchOlympiade – was genau ist damit gemeint?
Besserwisser versichern einem gern, das Wort «Olympiade» bezeichne nur den Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, nicht aber die Spiele selbst. Haben sie recht?
Stellen wir uns vor, dass zwei fiktive Personen, nennen wir sie A und B, einen kurzen Dialog führen. A sagt: «Wenn ich nach Hause komme, setze ich mich sofort vor den Fernseher und schaue Olympiade.» B, der in Vorwegnahme seines kommenden Triumphs schon über das ganze Gesicht strahlt, entgegnet: «Olympiade? Weisst du denn nicht, dass dieses Wort nur den Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen bezeichnet? Du hättest sagen sollen: ‹Ich schaue die Olympischen Spiele.›!» Nun erkennt A B.s geistige Überlegenheit kleinlaut an und gelobt, das Wort nie wieder falsch zu verwenden.
Man darf vermuten, dass solche Gespräche zurzeit überall auf der Welt geführt werden. Die Frage ist aber, ob A die Flinte nicht zu schnell ins Korn geworfen hat.
Die Olympische Charta
Wenn wir uns am Sprachgebrauch der Olympischen Charta orientieren, hat B eindeutig recht. Dort heisst es nämlich: «Eine Olympiade ist eine Periode von vier aufeinanderfolgenden Jahren, die am 1. Januar des ersten Jahres beginnt und am 31. Dezember des vierten Jahres endet.» Da die erste Olympiade (der Neuzeit) am 1. Januar 1896 begann, befinden wir uns zurzeit in der 31. Olympiade.
Unbestreitbar ist aber auch, dass die meisten Leute schlicht die Olympischen Spiele meinen, wenn sie das Wort «Olympiade» verwenden. Dafür können sie ebenfalls gewichtige Belege ins Feld führen.
Zwei griechische Autoren
Herodot von Halikarnassos, der von 490 bis 424 v. Chr. lebte und schon in der Antike als «Vater der Geschichtsschreibung» bezeichnet wurde, verwendet das griechische Wort «Olympiás», Genitiv «Olympiádos», von dem Olympiade abgeleitet ist, an mehreren Stellen seines umfangreichen Werks (z. B. 7, 206, hier das griechische Original und eine englische Übersetzung). Jetzt kommt die Überraschung: Er meint damit immer die Olympischen Spiele, kein einziges Mal den Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen.
Genauso gebraucht der Chorlyriker Pindar (522–445 v. Chr.), einer der grössten griechischen Dichter überhaupt, das Wort, während die Bedeutung «Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen» erst bei dem vergleichsweise unbedeutenden Timaios von Tauromenion (345–250 v. Chr.) belegt ist. Auf diesen haben sich die Väter der neuzeitlichen Olympischen Spiele wohl berufen, als sie das Wort in ihrem Sinn definierten.
Wenn Sie also die Olympischen Spiele meinen, wenn sie «Olympiade» sagen, müssen Sie sich nicht dafür schämen – Sie haben zwei der wichtigsten griechischen Autoren auf Ihrer Seite.