Rätsel um mysteriöse Post im Briefkasten gelöst?

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Ermatingen TGRätsel um mysteriöse Post im Briefkasten gelöst?

Ein Mann fand letzten Monat in seinem Briefkasten einen Cartier-Ring mit Echtheits-Zertifikat. Er war nicht der einzige. Nun gibt es eine mögliche Erklärung.

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Diese Postsendung hat Elmar Borucki aus Ermatingen Mitte Januar bekommen. Es ist ein Ring der Marke Cartier mit einem Zertifikat dazu.
Auch andere Leute aus verschiedenen Ländern haben die gleiche Post bekommen und wollen erfahren, warum.
Das Zertifikat stammt angeblich von einem Juwelier in Hong Kong.
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Diese Postsendung hat Elmar Borucki aus Ermatingen Mitte Januar bekommen. Es ist ein Ring der Marke Cartier mit einem Zertifikat dazu.

Elmar Borucki

«Im ersten Moment war ich erschrocken und habe mich gefragt, was das soll», sagte Unternehmer Elmar Borucki aus Ermatingen Mitte Januar. Er hatte einen Ring der Marke Cartier im Briefkasten. Ebenfalls im Umschlag war ein Zertifikat, das dem Ring einen Wert von über 15'200 Hongkong-Dollar (fast 1900 Franken) attestiert, aber keine Rechnung. Borucki geht bis heute davon aus, dass der Ring nicht echt ist.

Wie sich zeigte, haben mehrere Personen auf der ganzen Welt dieselbe mysteriöse Post erhalten. Auch sie gehen von einer Fälschung aus, wie ein Blick in Internetforen zeigt.

Antworten erhalten

Borucki war verunsichert. Er wusste nicht, was los ist, ob plötzlich ein Schlägertrupp vor der Tür steht und Geld eintreiben will. Am Donnerstag nun die Wendung. «Möglicherweise habe ich die Lösung für das Verschicken des Ringes gefunden. Ich glaube, es handelt sich um die sogenannte Brushing-Masche», sagt er gegenüber 20 Minuten. Dabei verschicken Verkäufer von Portalen wie Alibaba Sendungen an irgendwelche Personen. Diese haben aber gar nichts bestellt. Die Verkäufer selbst tätigen die Bestellung im Namen des Empfängers. Eine Rechnung wird nicht verschickt.

Der Vorteil: Durch die gefälschte Bestellung kann der Besteller den Verkäufer – also der Händler sich selbst – bewerten. Diese fällt logischerweise positiv aus und somit tritt der Händler positiv in Erscheinung und rückt in den Suchergebnissen auf der jeweiligen Plattform nach oben.

«Ich habe mich mit mehreren Betroffenen ausgetauscht und so versucht das Rätsel zu lösen», so der 48-Jährige aus Ermatingen. Von einer Aufforderung für eine Bezahlung habe nie jemand gesprochen. Auch deshalb sei er auf die Brushing-Masche gekommen.

Experte glaubt an Brushing

Jean-Claude Frick, Digitalexperte bei Comparis.ch, stimmt Borucki zu: «Das ist ein klassischer Fall von Brushing». Plattformen wie Alibaba oder Amazon seien durch Algorithmen gesteuert. Wenn der gleiche Händler innert kurzer Zeit das gleiche Produkt oft verkauft, rutscht er bei den Suchergebnissen nach oben. «Auf den Cartier-Ring bezogen heisst das: Wenn jemand auf der Plattform nach einem Ring sucht, wird der Cartier-Ring dank den gefälschten Bestellungen weit oben erscheinen», so Frick.

Die Masche ist laut dem Digitalexperten relativ weit verbreitet, besonders bei Alibaba. Der Betreiber dieser Firma sei in China deswegen sogar vor Gericht gestanden. Er musste vor Gericht versprechen, dagegen vorzugehen. Das sei aber sehr schwierig, da die Händler genau wüssten, wie sie ihre Spuren verwischen können, meint Frick.

Plausibel erscheint die Erklärung auch aufgrund von Aussagen des Schmuckherstellers Cartier. Die Medienstelle von Cartier Schweiz versichert nämlich, dass die verschickten Ringe nicht echt seien. Bei Cartier sei das Problem mit den Ringen bekannt und man nehme es sehr ernst.

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