Schokokuss: Schwarze Aktivistin will M-Kopf wieder im Migros-Regal sehen

Aktualisiert

SchokokussSchwarze Aktivistin will M*****-Kopf wieder im Migros-Regal sehen

Der Schokokuss sorgt erneut für Diskussionsstoff. Joyce Küng, «Weltwoche»-Autorin und Person of Colour, provoziert mit Migros-ähnlichem Logo auf T-Shirt. Die Aktion könnte rechtliche Konsequenzen mit sich bringen.

Das von Joyce Küng entworfene T-Shirt sorgt erneut für Gesprächsstoff, wenn es um den Schokokuss geht. 
Küng ist der Ansicht, dass es schwarzen Menschen nicht helfe, wenn ein Süssgebäck aus den Regalen verbannt wird.
Die Migros hat im Sommer 2020 die Dubler-M****köpfe aus den Regalen verbannt.
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Das von Joyce Küng entworfene T-Shirt sorgt erneut für Gesprächsstoff, wenn es um den Schokokuss geht. 

Screenshot/The Voice of Jar

Darum gehts

Ein T-Shirt mit der Aufschrift «Nigros» entfacht die Rassismus-Debatte um den «M*****-Kopf» aufs Neue. Bis auf den Anfangsbuchstaben und das «O» in Form eines Schokokusses ist die Aufschrift unverkennbar dem Migros-Logo nachgeahmt. Hinter der Aktion steckt die schwarze «Weltwoche»-Autorin Joyce Küng.

Die Diskussion um die kulturelle Aneignung einer Reggae-Band habe bei ihr das Fass zum Überlaufen gebracht, sagt sie gegenüber 20 Minuten. «Bereits als die Migros vor zwei Jahren den M*****-Kopf aus dem Sortiment nahm, hatte ich die Idee des T-Shirts. Der Vorfall in Bern ermunterte mich dazu, es herzustellen und zum Verkauf anzubieten», sagt Küng. Auch wenn die Beweggründe der Migros nobel seien, sei es nicht in Ordnung, Geschichte zu streichen.

Es helfe schwarzen Menschen nichts, wenn ein Süssgebäck aus den Regalen verbannt werde. Man müsse die Geschichte des Wortes «M***» erzählen und darauf sensibilisieren. «Die Migros trägt dazu bei, dass die Geschichte einer Minderheit in Vergessenheit gerät», sagt Küng. Darauf wolle sie mit dem T-Shirt aufmerksam machen. «Mir ist bewusst, dass das T-Shirt provokativ ist. Nigros erinnert aber höchstens an die italienische Übersetzung der Farbe schwarz.»

«Geschichtskenntnisse fehlen in gewissen Kreisen»

Historiker Christian Koller kann die Ansichten Küngs, dass Minderheiten in Vergessenheit geraten, nicht teilen. Im Gegenteil. «Das Unverständnis, das im Zusammenhang der Umbenennung einiger Produkte in gewissen Kreisen laut geworden ist, zeigt, dass gerade dort die entsprechenden Geschichtskenntnisse ganz offensichtlich fehlen und somit nichts in Vergessenheit geraten kann.»

Viel wichtiger sei es, das Wort «M***» zu problematisieren und auf die Zusammenhänge mit Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus hinzuweisen. «Auch sollten diese Themen vermehrt im Schulunterricht, Museen und Stadtführungen bekannt gemacht werden. Dort ist ihr Platz – und nicht im Migros-Sortiment», sagt Koller.

Ebenfalls wenig Verständnis für die Aktion von Küng hat Celeste Ugochukwu vom Afrika-Diaspora-Rat Schweiz. «Mich verwundert es, dass die Urheberin des T-Shirts die Geschichte Afrikas und der schwarzen Menschen negativ beibehalten will. Die logische Konsequenz von Küngs Ansichten wäre, dass schwarze Menschen weiterhin als Sklaven und Sklavinnen angesehen werden sollen», sagt Ugochukwu.

Küng will am Verkauf festhalten

Nur zehn Tage nach dem Verkaufsstart erhielt Küng Post von der Rechtsabteilung der Migros-Gruppe. Diese forderte die Journalistin auf, unverzüglich den Verkauf des T-Shirts einzustellen. Zu den genauen Gründen wollte sich Mediensprecher Marcel Schlatter gegenüber 20 Minuten nicht äussern.

Das Mail der Rechtsabteilung an Küng liegt 20 Minuten jedoch vor. Mit der Aufschrift verletze sie nicht nur die Urheber- und Markenrechte, sondern auch die Persönlichkeitsrechte der
Migros. «Kunden und Kundinnen könnten irrtümlich annehmen, es bestehe eine Geschäftsbeziehung zwischen ihrer Bewegung und der Migros-Gruppe.» Eine solche «missbräuchliche und rufschädigende Verwendung unseres Markenlogos» könne man nicht hinnehmen, heisst es weiter.

Die Chancen, dass das T-Shirt bald nicht mehr zu kaufen sei, stünden gut, sagt Markenrechtsexperte Sigmund Pugatsch. «Bei der Bezeichnung ‹Migros› handelt es sich um eine Marke, welche in mehrfacher Form markenrechtlich geschützt ist. Die Farbe Orange ist dabei gleichfalls geschützt.» Küng verletze mit dem Shirt das Markenrecht.

Aber nicht nur das: «Durch die Voranstellung des ‹N› anstatt ‹M› vor der Marke wird das Unternehmen Migros zusätzlich verunglimpft, indem dieses als rassistisch dargestellt wird.» Das könnte strafrechtliche Folgen haben.

Joyce Küng hält am Verkauf des T-Shirts fest. Einen Rechtsstreit mit der Migros wolle sie jedoch nicht. Nötigenfalls werde sie das T-Shirt so ändern, dass keine Urheber- und Markenrechte mehr verletzt würden.

Was hältst du von der Aktion von Joyce Küng?

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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