Ukraine-KriegSchweizer Eltern bangen um Leihmutter-Babys aus der Ukraine
Der Krieg in der Ukraine führt zu einem Drama um die boomende Leihmütter-Industrie. Jetzt hat die Schweiz fünf Babys die Einreise ermöglicht.
Darum gehts
«Statt des erwarteten Babyglücks bringt der Krieg in der Ukraine unseren Wunscheltern nur panische Angst»: In einem Facebook-Post warnt die ukrainische Firma BioTexCom diese eindringlich davor, schwangere Leihmütter auf eigene Faust aus dem Land zu holen. Die Klinik vermittelt kinderlosen Paaren und Einzelpersonen aus der ganzen Welt ukrainische Leihmütter, welche die Kinder zur Welt bringen und danach zur Adoption freigeben. Das Problem: Leihmutterschaft ist in vielen Ländern illegal, auch in der Schweiz (siehe unten).
«Die Geburt des Kindes ausserhalb der Ukraine ist nicht legal und wird rechtliche Konsequenzen haben», schreibt die Firma offen. Und: «Die Leihmutter wird als Mutter gelten und der Versuch der Übergabe des Kindes wird als Kinderhandel bezeichnet. Sie werden nie als Eltern des Kindes anerkannt.»
Die Wunscheltern, deren Leihmütter kurz vor der Geburt stehen, stehen also vor einem Dilemma: Die Mütter in der Ukraine lassen und den Gefahren des Kriegs aussetzen, oder versuchen, sie über die Grenze zu bringen, wo eine legale Adoption nicht mehr möglich wäre.
«Paare aus allen deutschsprachigen Ländern hier»
Wie Heute.at vor wenigen Tagen berichtete, waren zu diesem Zeitpunkt auch Paare «aus allen deutschsprachigen Ländern» in der Ukraine, um Eltern zu werden. Das bestätigte eine Firmensprecherin gegenüber der Zeitung. Die Firma postete letzte Woche ein Video eines voll ausgestatteten Luftschutzbunkers, in dem sie Leihmütter und die künftigen Eltern von Babys unterbringen. Zu sehen sind grosse Busse der Firma, mit der Dutzende Menschen in den Bunker gebracht werden.
Auch mehrere Schweizer Paare haben in den letzten Tagen Babys von ukrainischen Leihmüttern aus Kiew geholt. Ingrid Ryser, Informationschefin des Bundesamts für Justiz (BJ), sagt: «Aufgrund der schwierigen Situation in der Ukraine wurde in einigen Ausnahmefällen die Einreise der Kinder vor Abschluss des Zivilstandsverfahrens erlaubt.»
Konkret seien fünf Babys in die Schweiz gelassen worden, obwohl die rechtlichen Angelegenheiten in der Ukraine noch nicht abgeschlossen waren – die Schweiz hat ihr Botschaftspersonal schon länger abgezogen. Im Vordergrund stehen laut Ryser das Wohl und die Interessen der betroffenen Kinder. «Das Kindesverhältnis muss jedoch unmittelbar nach Einreise in die Schweiz rechtmässig hergestellt und eingetragen werden.»
Telefonleitungen sind tot, E-Mails bleiben unbeantwortet
Wie die Situation vor Ort mittlerweile aussieht, ist schwierig zu beurteilen. Die Telefonnummern der Firma funktionieren nicht mehr, Mails bleiben unbeantwortet. Auch ist unklar, ob sich weiterhin Schweizerinnen und Schweizer in der Ukraine befinden, um nach den Leihmüttern oder ihren Babys zu schauen.
Für Carolin Schurr ist klar: «Der Krieg in der Ukraine spült lediglich Missstände an die Oberfläche, die schon seit Jahren existieren.» Schurr leitet die Abteilung Sozial- und Kulturgeographie an der Uni Bern und hat intensiv zum Thema Leihmutterschaft geforscht, das auch in Mexiko und den USA ein Business ist.
Illegal, aber akzeptiert
«Missbrauch ist ein grosses Problem»
Schurr sieht zwei Hauptprobleme: «Weil es keine internationale Regelung gibt, ist Missbrauch gerade in ärmeren Ländern wie der Ukraine oder zuvor Thailand ein grosses Problem», sagt sie. Dazu komme die Ungleichbehandlung der Leihmütter und der Babys: «Die Leihmütter in der Ukraine erhalten in der Regel nur einen Bruchteil des Geldes, welches westliche oder chinesische Kunden bezahlen. Sobald sie das Kind geboren haben, interessiert sich niemand mehr für sie.»
Dabei sind Folgeschäden bei den Leihmüttern aufgrund der Hormontherapie und der Schwangerschaft laut Schurr keine Seltenheit. «Das reicht von körperlichen Problemen wie eigener Unfruchtbarkeit bis hin zu Traumata, weil das Neugeborene den Leihmüttern kurz nach der Geburt weggenommen wird.» Die Forschung fordere deshalb schon lange international gültige Regeln.