Corona in der SchweizSelbst-Triage verhindert Kollaps der Spitäler – Wallis weist ersten Patienten ab
Wie schon in der ersten Welle der Pandemie dürfte die Hälfte der Todesfälle auf Bewohner aus Altersheimen fallen. Einige stellen sich gegen eine Einweisung ins Spital. Im Wallis musste ein über 80-Jähriger mit Corona-Symptomen abgewiesen werden.
In den ersten Kantonen sind die Spitäler am Anschlag: In Solothurn werden derzeit die Intensivpflegestationen aufgestockt. Am Freitag standen 15 Plätze zur Verfügung – 17 Personen hätten einen gebraucht. Überlastet war auch das System im Jura: Patienten wurden nach Basel verlegt. Bald schon stellt sich vielerorts die schwierigste Frage überhaupt. Wer erhält die letzten Plätze? «Niemand will so etwas entscheiden müssen», sagt Professorin Tanja Krones, Leiterin Klinische Ethik am Zürcher Universitätsspital, in der «SonntagsZeitung».
Im Wallis müssen die ersten Patienten abgewiesen werden. Ein über 80-Jähriger wurde mit schwersten Corona-Symptomen ins Kantonsspital Sion eingewiesen. Behandelt aber wurde er nicht mehr: «Normalerweise hätten wir diese Person aufgenommen, damit sie mindestens eine minimale Überlebenschance hat», sagt Bienvenido Sanchez gegenüber der «NZZ am Sonntag»
Keine Behandlung über 85
Sanchez ist stellvertretender Leiter der Abteilung Intensivmedizin und sagt: «In der aktuellen Situation aber halte ich die letzten Betten lieber für Fälle frei, wo mehr Hoffnung besteht.» Eigentlich hätte das Spital Sion Platz für vier weitere Intensivbetten. Nur: Es fehlt das Personal.
Sanchez handelt gemäss den Richtlinien zur «Triage bei intensivmedizinischen Behandlungen bei Ressourcenknappheit». Darin heisst es zwar, dass das Alter grundsätzlich keine Rolle spielen darf bei der Behandlung des Coronavirus.
Trotzdem ist es so, dass ältere Menschen bei einer Ressourcenknappheit an Betten nicht mehr aufgenommen werden – dann nämlich, wenn sie über 85 Jahre alt sind. Auch Patienten über 75 Jahre werden in diesem Stadium der Ressourcenknappheit nicht mehr aufgenommen, wenn sie an Leberzirrhose, chronischem Nierenversagen oder Herzinsuffizienz leiden.
Doch der gebannte Blick auf die Intensivstationen zeigt nur die eine Hälfte des Geschehens. Denn genau wie im Frühling spielt sich ein Grossteil des Covid-Dramas derzeit in den Altersheimen ab. Krones warnt: «Es besteht die Gefahr, dass bereits ausserhalb des Spitals dazu geraten, beziehungsweise entschieden wird, dass Patienten nicht ins Spital verlegt werden – auch um das System zu schonen.» Diese sogenannte «stille» Triage aber dürfe nicht passieren, so Krones. Mit Triage bezeichnen Mediziner die Einstufung von Patienten nach ihren Aussichtschancen auf Genesung.

Im Februar beim Berner Inselspital: War man in einem entsprechenden Risiko-Land, musste man rechts anstehen. (28. Februar 2020)
KeystoneAuf Altersheime ausweichen
Einige der Betagten wollen aber auch selbst meist nicht auf die Intensivstation, man spricht dann von einer Selbst-Triage. «Den meisten sind noch die Bilder aus Italien präsent mit den überfüllten Stationen. Das schreckt natürlich ab», erläutert Alois Haller, Chefarzt Zentrum für Intensivmedizin am Kantonsspital Winterthur in der «SonntagsZeitung».
Werden die Bewohner dennoch vermehrt aus den Heimen in Spitäler gebracht, könnte die Situation schnell eskalieren. Der Kollaps drohe aber auch, wenn Spitäler umgekehrt auf Altersheime ausweichen, das heisst, Covid-Patienten dorthin verlegt werden. Ein Altersheim im Kanton Zürich habe eine solche Anfrage gemäss der Zeitung erhalten.