Tsunami-Überlebende«Sie rettete meinen Mann und starb dann»
Die Nidwaldner Anita und Raymond Moor haben den Tsunami im thailändischen Khao Lak überlebt. Heute erzählt sie von dem Tag, der das Leben des Ehepaars verändert hat.
Anita Moor und ihr Mann Raymond sitzen beim Zmorge im traumhaften Sofitel Blue Lagoon Hotel in Khao Lak. Es ist der 26. Dezember 2004, morgens um 10 Uhr. Das Buffet ist schon fast beendet. Plötzlich fängt das Meer an sich zurückzuziehen. Felsen und Steine kommen zum Vorschein. Anita blickt auf und entdeckt im Augenwinkel etwas am Horizont.
Frau Moor, wann merkten Sie, das etwas nicht stimmte?
Ich sah etwas Weisses am Horizont. Es sah aus wie Gischt. Ich sagte zu meinem Mann: «Lass uns ans Meer hinuntergehen, das ist ein Naturschauspiel.» Er blickte mich an und sagte: «Renn um dein Leben. Das ist eine Springflut.» Also rannten wir.
Und dann?
Ich habe zurückgeschaut und sah diese Wand auf mich zukommen. Eine Welle war es ja weniger als eine echte Wand aus Wasser. Ich habe dann noch gehört, wie die Druckwelle der Wassermassen die Fenster aus den Rahmen sprengte. Dann sackte mir der Boden unter den Füssen weg. Ich dachte: Jetzt muss ich sterben.
Anita Moor wird bewusstlos. Rund 500 Meter spült die trübe Masse aus Salzwasser, Schlamm und Sand sie landeinwärts. Ihr Mann, Raymond Moor, wird beim Aufprall der Wassermassen von ihr getrennt und in eine andere Richtung geschwemmt. Weiter landeinwärts katapultiert die Welle Anita Moor an die Oberfläche. Wieder bei Bewusstsein, findet sie sich auf einem Trümmerteil wieder.
Was ist das nächste, an das Sie sich erinnern?
Die Wassermassen schleuderten mich gegen den Balkon im zweiten Stock eines der Ressortgebäude. Ich konnte mich am Geländer hochziehen und kletterte aufs Dach. Der Sog der Massen war enorm: Ich sah, wie das Wasser sogar den massiven Jeep, den wir gemietet hatten und der etwa einen Kilometer im Landesinneren parkiert war, aufs Dach drehte.
Unterdessen treibt Raymond Moor allein in den Fluten. Er wird unter Wasser gedrückt, weiss nicht mehr, was oben und unten ist. Trümmerteile verletzen ihn schwer an einem Bein und am Kopf. Er hört auf, Töne um sich herum wahrzunehmen. Er ist dem Tod jetzt ganz nah. Da wird er, wie bereits seine Frau, aus dem Wasser katapultiert. Auch er landet bei einem Balkongeländer. Eine Thailänderin, die zum Zeitpunkt des Tsunamis im Inneren des Gebäudes die Betten im Zimmer gemacht hat, zieht ihn aus dem Wasser.
Frau Moor, was passierte dann?
Die Thailänderin rettete noch drei weitere Personen aus den Fluten. Als sich das Wasser langsam zurückzog, rissen die Wogen alles mit sich: Menschen, Autos, Trümmer. Ein Bub trieb in den Fluten und rief lauthals um Hilfe. Die Frau sprang hinunter und wollte auch den Jungen retten. Sie hielt ihn schon im Arm. Dann wurde sie von den Trümmern zugedeckt. Beide kamen ums Leben. Mein Mann musste das alles mitansehen.
Sie waren also auf dem Balkon. Was passierte dann?
Es war, als wäre die Welt stehen geblieben. Die Luft knirschte und es herrschte eine apokalyptische Stimmung. Ich sah keinen Menschen um mich herum. Ich fühlte mich komplett allein und dachte fortan: Wo sind all die Menschen? Es war immerhin ein Riesenresort gewesen.
Und dann?
Als die Wassermassen sich zurückzogen, kamen die ganzen Leichen zum Vorschein.
Wie haben Sie sich aus der Situation gerettet?
Ich bin durch das Zimmer aus dem Gebäude herausgelangt. An der Rezeption des Hotels versammelten sich alle, die überlebt hatten. Ich suchte meinen Mann, fand ihn aber nicht. Irgendwann sah ich ihn, gestützt von einem Thailänder schleppte er sich in Richtung Hotel.
Die Moors gingen zwei Kilometer zum nächsten Medical Center des Ortes. Notdürftig näht man Raymond Moor seine Wunden – ohne sterile Instrumente oder Betäubung. Von dort bringen die lokalen Thais sie mit ihren Fahrzeugen in die nächst-grössere Stadt Takuapa. Die Fahrt geht durch den Dschungel, die Strasse ist verschüttet. Dort angekommen, setzt man sie auf eine Liste: «Verletzt, nicht verstorben». Nach zwei Nächten auf dem Boden in Takuapan fliegen die Moors endlich mit dem ersten Flugzeug, das Thailand verlässt, zurück in die Schweiz. Noch im Flugzeug wird Raymond Moor unter Morphium notopertiert. Er hätte sonst nicht überlebt.
Unterdessen sind ihre körperlichen Wunden geheilt – die Aufarbeitung dessen, was am 26. Dezember 2004 geschehen ist, ist aber noch lange nicht beendet. Sind Sie seit dem Tsunami wieder nach Thailand zurückgekehrt?
Ja, wir fahren jedes Jahr zurück. Im ersten Jahr hat es sich schon komisch angefühlt. Wir haben vor unserer Abreise Rücksprache mit unseren psychologischen Therapeuten gehalten und die haben uns empfohlen, die Reise anzutreten. Vor Ort führen wir jedes Jahr dieselben Rituale durch. Ganz für uns. Wir zünden Kerzen an und schicken Blumen ins Wasser. Dieses Jahr ist es etwas anders: Da besuchen wir die offizielle Gedenkfeier in Khao Lak.
Für die Moors fühlt es sich immer noch wie ein Wunder an, dass sie am Leben sind. Es sei, als hätten sie ein zweites Leben geschenkt bekommen, sagt Anita Moor leise.
Tsunami in Khao Lak
Khao Lak ist eine beliebte Reisedestination bei westlichen Touristen. Beim Tsunami kamen mehrere hundert Touristen ums Leben.
Vielen wurde es zum Verhängnis, dass sie zum Meer hinunter liefen, als sie den Tsunami am Horizont erblickten. Khao Lak ist flach, ohne vorgelagerte Inseln. Deshalb rollte die Welle mit einer Höhe von fast 13 Meter.