StatistikSo viele Gewalttaten begehen Ausländer in der Schweiz
Gewaltdelikte mit Messern nehmen zu, insbesondere bei jungen ausländischen Tätern. Woran liegt das? Ein Experte ordnet ein.
Darum gehts
Eine Welle von Messerstechereien unter Jugendlichen erschüttert die Schweiz.
Die Zahlen zeigen: Insbesondere die Jugendgewalt nimmt seit Jahren wieder zu.
Ausländerinnen und Ausländer sind im Schnitt häufiger gewaltbereit.
Experte Dirk Baier erklärt, woran das liegt – und was dagegen unternommen werden kann.
Seit 2015 nimmt die Jugendgewalt stetig zu. Insbesondere die Zahlen zu unter 25-Jährigen Beschuldigten von Tötungen oder versuchten Tötungen und schweren Körperverletzungen mit Schneid- und Stichwaffen sind 2020 im Vergleich zu 2019 gestiegen: Von 42 auf 75 Beschuldigte für Tötungsdelikte (inkl. Versuche)
und von 45 auf 68 Beschuldigte für schwere Körperverletzung. Und auch 2021 vergeht kaum eine Woche, in der nicht von einer Messerstecherei unter Jugendlichen berichtet wird. «Das Tragen von Messern ist für junge Männer attraktiver geworden. Ein Messer ist ein gutes Mittel, um Männlichkeit auszudrücken», analysiert Gewaltforscher Dirk Baier.
Ein Blick in die Zahlen zeigt auch: Die Täter sind häufig keine Schweizer. Von den 270 beschuldigten Personen für (versuchte) Tötungsdelikte, die 2020 in der Schweiz registriert worden sind, sind 99 Schweizerinnen und Schweizer. Das entspricht knapp 37 Prozent der Beschuldigten. Der Rest fällt auf ausländische Beschuldigte, die entweder in der Schweiz wohnen, aus dem Asylbereich kommen oder aus anderen Gründen in der Schweiz waren, etwa Touristen.
Bei Tötungsdelikten öfter junge Ausländer beschuldigt, als junge Schweizer
Auch bei schweren Körperverletzungen machen Schweizerinnen und Schweizer weniger als die Hälfte der beschuldigten Personen aus. Bei 317 der insgesamt 712 beschuldigten Personen (45 Prozent) handelt es sich um Schweizerinnen und Schweizer. Der Ausländeranteil an der ständigen Wohnbevölkerung betrug Ende 2020 25,1 Prozent.
Betrachtet man lediglich die unter 25-Jährigen, relativiert sich dieses Bild allerdings: Schwere Körperverletzungen wurden seit 2015 jedes Jahr öfter von Schweizerinnen und Schweizern begangen als von Ausländerinnen und Ausländern. 2020 waren fast exakt die Hälfte der Beschuldigtne Schweizerinnen und Schweizern. Bei den Tötungsdelikten halten sich die Zahlen im Schnitt auch in etwa die Waage, wobei 2020 über alle Altersklassen hinweg mehr Ausländerinnen und Ausländer als beschuldigte Personen registriert wurden. 63 Prozent im Vergleich zu 37 Prozent von Schweizerinnen und Schweizer. Da die ausländische Wohnbevölkerung lediglich rund einen Viertel der gesamten Bevölkerung ausmacht, wurden auch bei jungen Beschuldigten überdurchschnittlich viele Taten von Ausländerinnen und Ausländern verübt.
Für Dirk Baier, Gewaltforscher an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, gibt es zwei Erklärungsansätze dafür, dass Personen ausländischer Herkunft häufiger Gewalt anwenden. Er hält aber fest: «Ausländer begehen zwar häufiger Gewaltdelikte, das heisst aber nicht, dass Schweizer das nicht auch machen würden.»
Einerseits nennt Baier das durchschnittlich tiefere Bildungs- und Einkommensniveau und schlechter bezahlte Jobs: «Diese ökonomische Benachteiligung kann zu einer entsprechenden Reaktion führen: Was man sich nicht kaufen kann, beschafft man sich dann etwa durch einen Raub.» Dazu komme, dass Menschen, die ökonomisch schlechter gestellt sind, eher in den öffentlichen Raum gedrängt würden: «Sie leben in kleineren Wohnungen und oft mit mehreren Geschwistern zusammen. Wer sich viel im öffentlichen Raum aufhält, gerät auch eher in Konflikte, die in Gewalt eskalieren können.» Auch Frust spielt hier laut Baier eine Rolle.
«Es gibt auch Schweizer, die schnell zuschlagen»
Andererseits spricht Baier von «sozial-kulturellen» Gründen: «Das umfasst etwa die familiäre Situation, in der jemand aufwächst. Wenn er oder sie eine Form von Erziehung geniesst, die durch Dominanz des Vaters gekennzeichnet ist, der selber Gewalt einsetzt und ein bestimmtes Bild von Männlichkeit verwirklicht, wird dementsprechend sozialisiert.» Auch eine zu verteidigende Ehre oder der Schutz der Familie führten dazu, dass Personen ausländischer Herkunft schneller auf aggressive Reize reagierten. «Diese Unterschiede muss man benennen, auch wenn es immer schwierig ist, zu sagen, wo kulturelle Unterschiede bestehen.» Baier betont: «Es gibt auch Schweizer, die der Meinung sind, sie müssten jeden schlagen, der sie schräg anguckt.»
Studien haben laut Baier gezeigt: «Wenn man Jugendliche befragt, die in etwa dieselben Einstellungen und Ausgangsbedingungen haben, sieht man auch keine Unterschiede mehr im Gewaltverhalten von Schweizer und ausländischen Jugendlichen.» Die erhöhte Gewaltbereitschaft von Ausländerinnen und Ausländern habe also nichts mit Biologie oder den Genen zu tun. «Sie ist durch äussere Umstände hergestellt – und folglich kann man auch etwas dagegen tun.»
«Frühzeitige Bildung kann helfen»
Ein erfolgversprechender Ansatz ist für Baier, Kinder mit Migrationshintergrund frühzeitig an das Bildungssystem heranzuführen, etwa über den Sprachunterricht. «Wer die Sprache des Landes, in dem er oder sie lebt, versteht, kann sich eher verständigen und diskutieren und muss weniger auf Gewalt zurückgreifen.» Auch die erwähnten Benachteiligungen in der Bildung und im Berufsleben können laut Baier dadurch ausgeglichen werden.
Baier plädiert dafür, auch viel stärker zu vermitteln, dass in Familien auf Gewalt und Aggression verzichtet werden soll. «Hier könnte die Schweiz noch viel machen, die Zurückhaltung, sich in familiäre Belange einzumischen, ist noch sehr gross.» Es bräuchte laut Baier ein ganz klares Bekenntnis zur gewaltfreien Erziehung in allen Familien.
Liste der Delikte gegen Leib und Leben nach Nationalität
2020 wurden insgesamt 18’568 beschuldigte Personen er ständigen Wohnbevölkerung für Delikte gegen Leib und Leben registriert. Davon sind 10’441 Personen Schweizerinnen und Schweizern und 8127 Ausländerinnen und Ausländer. Das Bundesamt für Statistik führt eine Liste nach Nationalitäten. Personen aus diesen zehn Ländern sind unter den Beschuldigten am häufigsten vertreten:
1. Portugal 1014
2. Italien 866
3. Übrige Nationalitäten 827
4. Kosovo 656
5. Deutschland 589
6. Türkei 435
7. Frankreich 398
8. Serbien und Montenegro 385
9. Nordmazedonien 328
10. Spanien 289
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
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