Daniele Ganser an Steiner-Schule«Brandgefährlich, einen solchen ‹Wissenschaftler› an Schule einzuladen»
Am Mittwoch redete der umstrittene «Friedensforscher» Daniele Ganser an der Basler Steiner-Schule über den Krieg in der Ukraine. Zuvor war dort schon Frithjof Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte, zu Gast. Jetzt bereut er seinen Auftritt.
Darum gehts
An der Basler Rudolf Steiner Schule Jakobsberg durfte am Mittwoch der umstrittene Basler «Friedensforscher» Daniele Ganser vor rund 150 Schülerinnen und Schülern einen Vortrag über den Ukraine-Krieg halten. Historiker Ganser gilt als Verschwörungstheoretiker. Er verurteilt zwar den russischen Angriff auf die Ukraine, in seiner Erzählung wird aber Moskau zum Opfer. Gansers Auftritt wurde im Vorfeld offenbar nicht gross angekündigt. Die Schulleitung erreichten mehrere empörte Zuschriften von entsetzten Eltern, die davon erst am Mittwoch erfahren hatten.
Entsetzt ist auch Frithjof Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel. Am 17. März hielt der ausgewiesene Osteuropa-Experte auf Einladung einer Geschichtslehrerin an der Basler Steiner-Schule einen Vortrag über den Krieg in der Ukraine. Jetzt sagt er: «Hätte ich damals gewusst, dass die Rudolf Steiner Schule auch noch Daniele Ganser zu einem Vortrag einlädt, hätte ich mich strikt geweigert, an einer solchen Reihe mitzuwirken.»
«Ganser fehlt jegliche fachliche Expertise, um über dieses Thema öffentlich zu sprechen.»
Ganser, so Schenk, sei ein bekannter Verschwörungstheoretiker, seine Thesen zu den Hintergründen des Ukraine-Krieges seien «unhaltbar» und ausserdem fehle ihm «jegliche fachliche Expertise, um über dieses Thema öffentlich zu sprechen. Herr Ganser habe nie zu Osteuropa geforscht, er spreche weder Russisch noch Ukrainisch und kenne die Region nur aus den Medien und aus der Sekundärliteratur, so Schenk. «Ich halte es aber vor allem deshalb für brandgefährlich, einen solchen ‹Wissenschaftler› an eine Schule einzuladen, weil er seinem jungen Publikum – wie alle Verschwörungstheoretiker – scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen zum Weltgeschehen präsentiert und im Fall des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine immer wieder Positionen der russischen Staatspropaganda verbreitet.»
Die Basler Rudolf Steiner Schule hält in einer Stellungnahme fest, dass zum Zeitpunkt von Schenks Referat noch nicht festgestanden habe, dass Daniele Ganser eingeladen werde. «Wenn dieser falsche Eindruck entstanden ist, tut uns das leid», sagt Daniel Thiel von der Konferenzleitung der Schule. Die Fortsetzung der Vorträge zum Krieg in der Ukraine sei angedacht. In einer ersten Mitteilung zum Auftritt Gansers hielt die Schule zudem fest, dass der umstrittene Historiker auf den Wunsch von Schülerinnen und Schülern der zwölften Klasse eingeladen worden sei. «Die Schulleitung war sich darüber im Klaren, dass es kontroverse Ansichten zu den Thesen von Daniele Ganser gibt», so Schulleitungsmitglied Daniel Thiel.
Wie Ganser selbst gegenüber 20 Minuten sagte, hätten die Schülerinnen und Schüler im Anschluss an sein Referat auch kritische Fragen gestellt.
Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?
Hier findest du Hilfe für dich und andere:
Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)
Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK, Tel. 058 400 47 77
Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Anmeldung und Infos für Gastfamilien:
Schweizerische Flüchtlingshilfe, Tel. 058 105 05 55