Live aus dem Chefinnenbüro«Es ist bedenklich, dass Gesetze in der Schweiz nicht mehr durchgesetzt werden»
Unternehmerin, Nationalrätin und SVP-Vizepräsidentin: 20 Minuten traf Magdalena Martullo-Blocher am Montagmittag zum Talk. Hier kannst du ihn nachschauen.
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Ende
Damit ist das Interview vorbei. Schön warst du dabei. Magdalena Martullo-Blocher sagte im Talk, dass sie eigentlich Martullo heisst, den Zusatz mit dem Familiennamen Blocher gaben ihr viele, als sie in die Politik einstieg. Ihr berühmter Vater liess ihr freie Wahl bei der Karriere, trotzdem wurde sie dann über Nacht seine Nachfolgerin im Unternehmen. Dort lehrt sie die Angestellten immer noch ihre zum Kult gewordenen 7 Thinking Steps. Martullo ärgert sich darüber, dass die Schweiz Sanktionen gegen Russland verhängt hat und sagt, die Schweiz solle sich nicht wie Deutschland von den USA bestimmen lassen, wie es gegen Russland und bei der Energieversorgung vorgeht. Morgen findest du eine Zusammenfassung in der Zeitung. Falls du Vorschläge für ein Interview hast, Kritik oder Anregungen, dann melde dich via Mail an wirtschaft@20minuten.ch
Maske im Parlament
Sie waren im März 2020 die erste, die im Bundeshaus eine Maske trug – und später mussten dann alle Masken tragen und auch der Bund änderte seine Strategie und empfahl das Maskentragen. Werden Sie in der Wintersession wieder eine Maske tragen?
«Nein, das Virus hat sich abgeschwächt und man kennt es jetzt besser. Wir hatten auf Masken gesetzt, das war gut, ich bin überzeugt, dass Masken der beste Schutz gegen Ansteckungen sind, aber ich bin kein Maskenfetischist. Wir haben damals die ganze Schweiz mit Masken versorgt. Der Bundesrat hat nicht gut agiert in der Corona-Krise. Wir haben grosse Pharmafirmen, die Bescheid wussten, das hat man einfach beiseite gewischt.»
Stromversorgung in der Schweiz
Wie würden Sie die Schweizer Stromversorgung sichern?
«Wir sagen schon lange, dass es ein Konzept für die nächsten 15 Jahre braucht. Man muss den Verbrauch untersuchen, der war sinkend, aber ist allein wegen der Zuwanderung steigend. Was ist mit den Regulierungen etwa bei der Wasserkraft? Was haben wir zur Verfügung? Wenn wir die AKW vom Netz nehmen müssen, haben wir uns jetzt darauf vorzubereiten. Es braucht ein Gesamtkonzept, über welches das Volk abstimmen kann, über es wird nichts getan. Der Bund setzt jetzt auf ein Ölkraftwerk in Birr und Solarenergie in den Alpen, doch das wird unser Versorgungsproblem nicht lösen. Wir brauchen viel mehr Energie. Der Bundesrat soll jetzt Konzepte zur Versorgung mit Vor- und Nachteilen vorlegen, das Volk kann dann entscheiden. Ein neues AKW, das CO2-frei ist, gehört sicher auch dazu.»
Privates Notstromaggregat
Haben Sie für die Ems-Zentrale und Ihr Haus in Feldmeilen schon ein Notstromaggregat gekauft?
«Bei der EMS-Chemie ist es speziell, weil wir selber auch Energieproduzent sind. Wir haben auch Stauseen, die früher uns gehörten. Wir können ein Netz machen im Notfall. Wir sind zuversichtlich. Ich hoffe nicht, dass es zu Netzausfällen kommt, aber die Schweiz hat den Vorteil, dass wir das selber wieder aufschalten könnten, ohne Anbindung an das Ausland. Im Privathaus haben wir schon lange vorgesorgt. Dass die Energiestrategie nicht funktioniert, darauf wies ich ja schon immer wieder hin.»
Fanpost und Anerkennung
Tina: Ich bin ein riesen Fan von Ihrer starken Persönlichkeit und durch Sie habe ich sehr viel Motivation bekommen, dass es Frauen weit schaffen können. Das ist schon fast Fanpost. Gibt es viele solcher Zuschriften?
«Ja, zum Glück sehr viel, das baut mich auch auf. Ich war an der Olma mit den Lernenden der EMS-Chemie und wir bekamen riesigen Applaus. Ich frage mich oft, ob ich etwas Positives bewegen kann, aber wenn ich unter den Leuten bin, spüre ich, dass es sich lohnt.»
«Klima-Terroristen»
René: Was halten Sie von den «Klima-Terroristen», die ständig die Strassen blockieren? Welche Möglichkeiten sehen Sie, um diese Leute zur Vernunft zu bringen?
«Sie wollen Aufmerksamkeit, das gelingt ihnen auch. Aber ich finde es bedenklich, wenn Gesetze in der Schweiz nicht mehr durchgesetzt werden. Dass Aktivisten egoistisch die Eigeninteressen über die aller anderen setzen, das geht nicht. Wir haben eine Demokratie in der Schweiz. Es gibt die Möglichkeit zu Referenden. Ich musste wegen der Velo-Demo in Zürich auch schon warten. In Bern wird der Bundesplatz auch einfach den ausländisch geführten Klimagegnern zur Verfügung gestellt. Das sind Tendenzen, die nicht gut sind.»

Geschäfte mit Russland
Alex: Wie können Sie es persönlich mit Ihrem Gewissen vereinbaren, weiterhin Geschäfte in Russland zu machen?
«Unser Geschäft in Russland ist zusammengebrochen, das hat vor allem mit den Sanktionen zu tun. Wir haben noch 45 Mitarbeitende in Russland an zwei Standorten. Die haben keine andere Möglichkeit, sie müssen über die Runden kommen und haben nichts zu tun mit dem Krieg. Wir haben europäische Autofirmen beliefert, aber das ist jetzt sanktioniert, deshalb können wir nicht mehr liefern. Ich bin völlig für absolute Neutralität, auch wirtschaftlich. Wir hatten immer riesige Vorteile mit der Neutralität und können eigenständig sein. Wenn wir auch noch im Krieg mit Waffen tätig sind, es gibt ja viele Kriege weltweit, dann gehen unsere Söhne noch zum Kämpfen. Als kleine Schweiz müssen wir unabhängig bleiben. Wir haben schon lange dieses Zugeständnis zur Neutralität und jetzt plötzlich will man das ändern. Das ist gefährlich. Deutschland hat das Militär vernachlässigt und hört jetzt auf die USA, auch bei der Energie. Wir sollten uns nicht vom Ausland einschüchtern lassen.»
Staat = Firma?
Rudolf: Der Staatsapparat wird laufend ausgebaut mit tausenden neuen Mitarbeitern. Sollte man den Staat nicht führen wie eine Firma?
«Der Staat sollte effizienter sein, er sollte tun, was das Volk ihm delegiert. Er soll nicht alles dominieren und den Leuten sagen, wie sie zu leben haben. Er ist im Auftrag des Volkes im Einsatz. Aber wenn man Geld verteilt und Regulierungen macht, kann man sich als Politiker beim Volk profilieren. Mein Vorstoss verlangt, dass für jede neue Vorschrift zwei Bisherige abgeschafft werden müssen.»
Christoph Blocher
War Ihr Vater streng?
«Es war nicht einfach für ihn mit uns vier Kindern. Die Übernahme der EMS-Chemie hat uns finanziell belastet, das war keine einfache Zeit. Aber unser Vater hat sich viel Zeit für uns genommen. Er hat uns auch nie gezwungen, eine bestimmte Karriere zu machen. Er verkaufte uns auch die EMS-Chemie und überliess uns die Verantwortung. Ich erfuhr erst im Nachhinein, dass er sagte, wenn es nicht gegangen wäre, wäre er aus dem Bundesrat gegangen, um die Firma zu retten.»
Beruf, Politik und Familie
Diana: Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Beruf, Politik und Familie? Was kommt am ehesten zu kurz?
«Das fragen mich viele Frauen, man muss Prioritäten setzen, das mache ich zum Teil mehrmals am Tag. Was kann ich delegieren, was muss ich selber machen und was muss ich weglassen? Wenn das Kind ernsthaft krank ist, hat das dann natürlich Priorität. Ich würde gerne mehr Sport machen, mehr reisen. Aber mal sehen, ob ich Zeit dafür habe, wenn ich pensioniert bin. Mein Vater ist zum Beispiel auch immer noch aktiv.»
Vergleiche mit Vater
Maja: Nervt es Sie, ständig mit Ihrem Vater Christoph Blocher verglichen zu werden?
«Nein, das nehme ich locker.»

«You dreamer du»
Lars: Stört es Sie, dass Sie oft auf «you dreamer du» angesprochen werden? Oder sind Sie etwas stolz, da ihr Satz Kult-Status erreicht hat?
«Mit dem lebe ich jetzt. Es war ein TV-Beitrag, der auch sehr perfide zusammengeschnitten wurde, es hat nicht genauso stattgefunden, man hat es wild durcheinander eingeblendet. Ich wusste, dass sie mich in die Pfanne hauen, aber wenigstens waren die Mitarbeiter geschützt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich 20 Jahre später noch darauf angesprochen werde. Das ist aber gar nicht mein meistgesehenes Video. Als ich mit der Maske aus dem Nationalrat rausgeworfen wurde, sahen das Video über 100 Millionen Personen in China!»
Seven Thinking Steps
Marc: Kommen die 7 Thinking Steps im Unternehmen immer noch zur Anwendung?
«Selbstverständlich. Die 7 Thinking Steps sind ein wichtiger Erfolgsfaktor, aber keine Hexerei. Es ist eine Problemlösungsstruktur. Jeder Mitarbeiter bekommt eine Grundschulung und ich mache jedes Jahr Fortgeschrittenen-Schulungen.»
Politische Motivation
Ist das Buch politisch motiviert?
«Es hätte wohl weniger Beachtung gefunden ohne den Namen Blocher, aber das Buch ist vor allem gegen den Firmengründer gerichtet. Die Autorin hat fünf Jahre alle Archive in der Schweiz und im Ausland durchsucht, blieb aber auch nur bei Vermutungen.»

Gerüchte zu Napalm/Opalm
Daniel: Was ist dran an den Gerüchten zu Napalm/Opalm? Warum zeigt man nicht Stärke, indem man die Archive öffnet und zur Transparenz beiträgt?
«Ich würde gerne, aber es hat keine Archive. Die Vorkommnisse im Buch beziehen sich auf andere Firmen, die vielleicht mit dem EMS-Gründer im Zusammenhang waren, aber nichts mit der EMS-Chemie zu tun hatten.»
Buch von Regula Bochsler
Haben Sie das Buch von Regula Bochsler schon gelesen?
«Zum Teil. Die Vorgängerfirma von EMS hat die Armee im 2. Weltkrieg mit Treibstoffen versorgt, als die Grenzen zu waren. Als der Krieg vorbei war, hat man nach Lösungen für die Treibstoffe gesucht, auch im Auftrag der Schweizer Armee, aber diese Projekte scheiterten. Was im Buch beschrieben ist, lief über eine private Firma, die nicht zur Vorgängerfirma der Ems-Chemie gehörte. Später gab es Chemiker mit Kunststoff-Know-how, die vor der vollständigen Schliessung aus Ostdeutschland kamen, die früher auch Nazis waren, aber das waren damals alle Chemiker im Krieg. Das ist schon länger bekannt. Aber es ist nicht klar, was wirklich passiert ist, da ist auch nichts in unseren Archiven, weil es unsere Firma nicht betraf.»
Anforderungen an Bundesrat
Welcher Typ Bundesrat täte der zuweilen zerstrittenen und in Europa-Fragen orientierungslos wirkenden Regierung jetzt gut?
«Wir haben verschiedene Krisensituationen wie die der Energie. Wie gehen wir mit dem Militär weiter, wird das Militärbudget wieder erhöht? Wie sieht es mit den überschuldeten Finanzen des Bundes aus? Es bräuchte Sparmassnahmen. Es bräuchte Lösungen bei der Flüchtlingssituation. Der neue Bundesrat müsste Mitberichte machen. Es ist ja ein Siebnergremium, da darf man sich nicht einfach nur auf sein eigenes Departement konzentrieren. Von gewissen Bundesräten hörte man zum Beispiel nie etwas zu Corona.»

Kandidatur für den Bundesrat?
Sophie fragt: Warum werden Sie nicht Bundesrätin? Der Schweiz würde das so gut tun.
«Die SVP hat als einzige Partei das Anrecht auf einen zweiten Bundesratssitz. Wir haben viele gute Leute. Es braucht mich nicht unbedingt. Ich nehme aber schon Einfluss auf die Regierung, besonders auch in den Krisen wie mit Corona oder der Energie. Bei Corona war ich sehr aktiv bezüglich Wirtschaftsunterstützung, weil ich gute Beziehungen zu den verschiedenen Branchen habe. Ich habe 2700 Mitarbeitende mit Familien, die sind auf mich angewiesen. Andere können besser in den Bundesrat. Wenn die Schweiz als Land sonst unterginge und niemand da wäre, dann würde ich vielleicht anders entscheiden. Aber in so einer Lage sind wir glücklicherweise nicht.»

Community-Fragen
Jetzt folgen die Leserfragen. Hast du auch noch eine? Dann reiche sie über dieses Formular ein.
Führungsstil
Sie gelten als harte, direkte und sehr fordernde Chefin. Wie sehen Sie sich selbst?
«Wir sind auch direkt, was die Geschäfte betrifft, das schätzen viele Leute sehr. Uns sind das Geschäft und der Erfolg am Herzen. Wir haben hohe Herausforderungen beim Geschäften aus der Schweiz heraus. Das muss man als Arbeitnehmer bei uns mögen. Das kann auch mal falsch sein, aber wichtig ist, dass man bei den Wesentlichen Dingen nicht falsch liegt.»
Martullo-Erfolgsformel
Sie sind eine sehr erfolgreiche Unternehmerin. Der Wert Ihres Unternehmens ist in Ihrer Zeit massiv gestiegen und beträgt im Moment etwa 15 Milliarden Franken. Wie lautet die Martullo-Erfolgsformel?
«Ich lege grossen Wert darauf, nah bei den Kunden zu sein, was die in Zukunft brauchen. Wir müssen schnell sein, darauf zu reagieren. Wir müssen aber auch gut rechnen. Es braucht Handlungsspielraum, etwas Neues zu entwickeln. Und man muss langfristig ausgerichtet sein. Jeder Zehnte von uns ist ein Lernender. Wir sind vor 15 Jahren aus dem Gas ausgestiegen. Wir sind bereits CO 2 -frei an allen Standorten. Wir sparten über 50 Prozent Energie in den letzten 20 Jahren ein. Man muss die Regionen unterstützen, wir engagieren uns sehr in den Vereinen und im Kulturleben im Kanton Graubünden und ich engagiere mich auch politisch für den Kanton Graubünden. Unsere Investoren sind zum Glück langfristig interessiert.»
Job als Konzernchefin
Konnten Sie sich damals vorstellen, wie anspruchsvoll der Job als Konzernchefin werden wird? Oder unterschätzt man so eine Aufgabe sowieso, weil es eine 24/7-Aufgabe ist?
«Nein, wir Geschwister haben das Unternehmen von unserem Vater abgekauft, mussten uns dafür verschulden und haben die Schulden viele Jahre mit Dividenden abbezahlt. Wir waren plötzlich für alles verantwortlich. Da ist man schnell mal etwas verzweifelt, aber das darf man nicht aufkommen lassen. Zuerst die Situation analysieren und Lösungsvarianten suchen, die kommen dann manchmal überraschend. Das vermisse ich in Bern, die Politik ist nie offen für neue Lösungen.»
Blick zurück
Sie sind 2004 Chefin der Ems-Chemie geworden. Damals waren sie 34 Jahre alt. Mit Ihrer Erfahrung von heute: War es zu früh? Oder waren Sie bereit für den Spitzenjob?
«Das war eine sehr stürmische Situation. Ich wollte nur ein paar Jahre bleiben und von meinem Vater lernen. Aber als mein Vater Bundesrat wurde, war es naheliegend, dass ich EMS übernahm. Mit 34 Jahren und mit dem 2. Kind im 6. Monat schwanger, das war für die Börse aussergewöhnlich. Jetzt bin ich schon 18 Jahre verantwortlich, hatte Glück mit der Geschäftsentwicklung, aber die Börse war überrascht, dass eine Frau an die Spitze kam. Lange dachte man, mein Vater führt immer noch die Firma. Aber die Frauen in meiner Familie sind sehr emanzipiert.»

Frauen als CEO
Wir sind ja hier bei «Live aus dem Chefinnenbüro»: Gibts eigentlich genug Chefinnen in der Schweiz?
«Nein, es gibt zu wenige, aber viele Frauen möchten auch nicht Chefin sein. Frauen müssen die gleichen Möglichkeiten haben, aber auch die Chance für eigene Lebensmodelle haben, damit es für die Familie passt. Mir selber fällt schnell die Decke auf den Kopf, ich könnte nie 100% zu Hause sein. Zum Glück übernahm mein Mann diese Rolle, auch weil unsere Nanny plötzlich gestorben ist. Er macht das deutlich besser als ich vermutet habe. Es gibt heute zum Glück auch genug Krippenplätze, aber ich wehre mich gegen Pauschalfinanzierungen vom Bund, es sollte Privatmöglichkeiten geben. Die unteren Einkommen werden subventioniert und die hohen Einkommen suchen eigene Lösungen. Der Mittelstand zahlt. Ich glaube an private Lösungen.»