«Wir atmen Aerosole ein»Spitalpersonal hat Angst, weil es keine FFP2-Masken tragen darf
Wer die Corona-Station verlässt, muss die FFP2-Maske ablegen: Solche Regeln frustrieren das Spitalpersonal. Trotz Protest hält die zuständige Organisation an ihrer Empfehlung fest.
Darum gehts
Das nationale Zentrum für Infektionsprävention empfiehlt FFP2-Masken nur in bestimmten Situationen.
Spitäler orientieren sich an dieser Weisung.
Recherchen zeigen: Spital-Chefs verbieten gar, FFP2 ausserhalb der Covid-Stationen zu tragen.
Eine Mitarbeiterin sagt: «Ich bin wütend, dass ich mich nicht schützen darf.»
Swissnoso sieht keinen Handlungsbedarf. Chirurgische Masken seien sicher genug.
Es brodelt an der Corona-Front. Nicht nur haben sich die Ärzte und das Pflegepersonal in der Coronakrise an den Rand der Erschöpfung gearbeitet. Jetzt sehen sie sich bei ihrer täglichen Arbeit auch noch hautnah den mutierten Viren ausgesetzt.
Das Problem: Weil das nationale Zentrum für Infektionsprävention Swissnoso nur FFP2-Masken empfiehlt für jene, die bei «Aerosol-generierenden Prozedere» – etwa bei einer Intubation – mitarbeiten, bleiben an den meisten Spitälern trotz Corona Hygienemasken der Standard.
«Atmen Aerosole durch unsere Masken»
Das irritiert das Gesundheitspersonal. Am Kantonsspital Baden fragte ein Mitarbeiter in einem internen Chat, der 20 Minuten vorliegt, warum nicht auch andere Angestellte, die Kontakt mit Covid-Patienten hätten, mit FFP2-Masken ausgerüstet würden. «Wir atmen Aerosole durch Hygienemasken hindurch», schrieb der besorgte Mitarbeiter.
Die Antwort der Vorgesetzten: «Eine chirurgische Maske reicht wirklich.» Denn FFP2 schütze nur, wenn man die Maske korrekt trage. Sie beobachte viele Patienten und Personal, bei denen sie schon aus 20 Metern sehe, dass die Maske nicht dicht sei. «Bitte tragt lieber eine chirurgische Maske. Das macht mehr Sinn.»
Ähnlich tönt es bei der Spital Thurgau AG. Dort sorgte eine Weisung beim Personal für Unmut. Im Dokument vom 21. Januar heisst es: Wer einen Bereich mit erhöhter Exposition oder eine Corona-Station verlasse, müsse die FFP2-Maske durch eine chirurgische Maske ersetzen.
«Bedenken Sie, dass Sie sonst gegenüber anderen Mitarbeitenden ein falsches Zeichen setzen und diesen das Gefühl geben, dass die chirurgische Maske nicht ausreichend schützt, was zu Verunsicherung führt und immer mehr Mitarbeitende zum Tragen einer FFP2-Maske bewegen könnte», heisst es weiter.
Eine Angestellte des Spitals sagt zu 20 Minuten: «Ich bin wütend, dass ich mich nicht schützen darf.»
Gewerkschaft ist alarmiert
Für Elvira Wiegers von der Gewerkschaft VPOD sind solche Weisungen unhaltbar. Sie höre derzeit, dass es in den Spitälern eine Maskenknappheit geben könnte. «Dies wäre natürlich katastrophal und würde bedeuten, dass aus den Fehlern der ersten Welle nichts gelernt wurde.»
Der Arbeitgeber habe die Pflicht, das Personal maximal zu schützen und dessen Gesundheitsschutz zu gewährleisten. «Das Verbot von FFP2-Masken in einer Gesundheitsinstitution ist unserer Meinung nach unzulässig und bar jeglicher gesetzlichen Grundlage», sagt Wiegers.
Genügend Masken an Lager
Die Spitäler dementieren, dass sie zu wenig FFP2-Masken lagern. «Das Kantonsspital Baden verfügt sowohl bei den chirurgischen als auch bei den FFP2-Masken über ausreichend Vorräte», sagt Sprecher Omar Gisler.
Bei der Frage, welche Masken zum Einsatz kämen, halte man sich an die Empfehlungen von Swissnoso. «Fragen von Mitarbeitenden haben wir kompetent, zeitnah und transparent beantwortet. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir diese Diskussion nicht öffentlich führen wollen.»
Auch Marc Kohler, CEO der Spital Thurgau AG, hält an den Empfehlungen von Swissnoso fest. «Wir haben genug FFP2-Masken und können aktuell auch genügend nachbeschaffen. Swissnoso ist für uns die wissenschaftlich fundierte und damit massgebliche Organisation bei diesem Thema.»
Und bei Swissnoso selbst sieht man trotz den Bedenken des Spitalpersonals keinen Handlungsbedarf, wie Präsident Andreas Widmer zu 20 Minuten sagt (siehe Box unten). Erste Spitäler denken allerdings wegen der mutierten Virusvarianten um. So führt das Kantonsspital Graubünden ab Samstag eine FFP2-Maskenpflicht ein.
Das sagt Swissnoso
Die Empfehlungen zum Einsatz von FFP2-Masken gibt das nationale Zentrum für Infektionsprävention Swissnoso heraus. Präsident Andreas Widmer erklärt, dass chirurgische Masken 98 Prozent der bakteriellen Erreger filtern. Die besseren FFP2 Masken – im Labor klar erwiesen – seien aber meist nicht notwendig, ausser bei Aerosol generierenden Untersuchungen und Therapien.
Widmer betont, beim Personal gebe es häufig Druckstellen im Gesicht, man müsse einen «Fit Test» und einen «Fit Check» durchführen, damit die zusätzliche Sicherheit auch gewährleistet werde.
Er weist auf die Tücken der FFP2-Masken hin: «Bei den Medizinstudenten fallen bei diesen Tests über 50 Prozent bei Studienbeginn durch, und daher bringt eine gute chirurgische Maske mehr als eine häufig nicht korrekt getragene FFP2 Maske.» Zudem gebe es über den Zusatznutzen noch keine harten Daten. «Das Tragen von FFP2 Masken könnte auch dazu führen, dass sich die Mitarbeiter geschützt fühlen, und die anderen wichtigen Massnahmen – Händedesinfektion und Abstand halten – vernachlässigen.»
Deshalb hält Swissnoso an den aktuellen Empfehlungen fest. «Falls klinische Daten in der Zukunft aus Spitälern einen zusätzlichen Schutz für das Personal nachweisen können, wird diese Empfehlung adaptiert. Für eine allgemeine FFP2 Empfehlung gibt es keine solide wissenschaftliche Grundlage, und die Nebenwirkungen dieser Maske – das Atmen ist wirklich schwierig über Stunden – dürfen nicht unbeachtet gelassen werden.»