Nach Zerstörung in Deutschland: «Tornados können auch in der Schweiz entstehen»

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Nach Zerstörung in Deutschland«Tornados können auch in der Schweiz entstehen»

Mehrere Tornados sorgten am Freitag für Verwüstung in Nordrhein-Westfalen. Knapp ein Dutzend Tornados pro Jahr gibt es laut einer Meteorologin auch in der Schweiz.

Am Freitag sorgten ein Tornado und Starkregen in Nordrhein-Westfalen für Chaos.

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Darum gehts

Gleich drei Tornados wüteten am Freitag in Nordrhein-Westfalen: Allein im am stärksten betroffenen Paderborn wurden laut Angaben der Polizei über vierzig Personen verletzt, über zehn davon schwer. Einem Polizeisprecher zufolge war «eine Windhose quer durch die Stadt» gezogen. Hinterlassen habe der Tornado eine «Schneise der Verwüstung» und Schäden in Millionenhöhe. Am Samstag waren die Aufräum- und Absicherungsarbeiten noch in vollem Gange.

Auch die Schweiz ist nicht vor Tornados gefeit. Eine Meteorologin und ein Bauexperte beantworten die wichtigsten Fragen zu den gefährlichen Wirbelstürmen.

Kann eine Verwüstung wie in Paderborn auch bei uns passieren?
«Tornados können auch in der Schweiz entstehen, sie sind aber sehr selten», sagt Meteorologin Geraldine Zollinger von Meteonews. Im Schnitt gebe es hier pro Jahr knapp ein Dutzend Tornados, meist handle es sich dabei um Wasserhosen. «Diese sind allerdings nur schwach, dazu kommt, dass einige schwache Tornados gar nicht wahrgenommen werden.»

Wie gross ist das Risiko von heftigen Tornados?
In der Schweiz muss man laut Zollinger im Schnitt etwa alle zehn Jahre mit einem schweren Tornado rechnen, mit verheerenden etwa alle 50 bis 100 Jahre. «Ein Tornado wie am Freitag in Nordrhein-Westfalen kommt in der Schweiz dementsprechend sehr selten vor.» In Europa bildeten sich die dazu notwendigen Wetterlagen viel seltener als in Nordamerika: «Die flache Topografie sowie das Zusammenspiel zwischen warmer Luft vom Golfstrom und kalter Luft von den Rocky Mountains begünstigen dort regelmässige Tornados.»

Wie entsteht ein Tornado?
«Damit sich ein Tornado bildet, muss sich in tiefen Lagen feuchte, warme Luft und in der Höhe kühle, trockene Luft befinden», so die Meteorologin. Zudem brauche es eine sogenannte Windscherung, eine Änderung der Windrichtung und -stärke mit der Höhe: «Die warme, feuchte Luft steigt auf, sie beginnt zu rotieren, es entsteht der Sog der Tornados.»

Ist aktuell Tornado-Saison in Europa?
Für die Entstehung von Gewittern und Tornados seien grundsätzlich ähnliche Voraussetzungen nötig, so Zollinger. «Tornados entstehen in Europa deshalb während der Gewittersaison, also meist in der Sommerzeit.» Besonders wenn sich warme, feuchte Luft von Süden in die Schweiz bewegt, entsteht eine für Tornados günstige instabile Atmosphäre.

Werden Tornados mit dem Klimawandel in der Schweiz häufiger?
«Das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, die entsprechenden Modelle sind bislang zu ungenau», so die Meteorologin. Es gebe aber Hinweise darauf, dass Starkregen und insbesondere die Frequenz und Intensität von Gewittern in Europa zunehmen werden. «Das könnte zumindest darauf hindeuten, dass auch mehr Tornados entstehen werden.»

Wie kann man sich vor einem Tornado schützen?
Am besten sucht man laut Zollinger in einem Haus Schutz. «Dabei hält man sich mit Vorteil von den Fenstern fern. In den Keller sollte man hingegen nicht flüchten, weil Tornados oft in Verbindung mit starkem Regen auftreten und dieser den Keller fluten könnte.» Auf keinen Fall solle man nach draussen gehen oder sich in der Nähe von Bäumen aufhalten.

Würden Schweizer Häuser einem Tornado standhalten?
«Unsere Häuser sind gut gebaut. Das haben wir in der Zürcher Sturmnacht vom letzten Juli gesehen», sagt Albert Leiser. Er ist Direktor des Hauseigentümerverbands Zürich und Bauexperte: «Da wurden die Gebäude primär äusserlich durch Wind und Hagel beschädigt, aber nicht in ihrem Fundament erschüttert. Auch bei einem Tornado würden kaum Mauern einstürzen oder ganze Dächer weggeblasen werden.»

Welche Schäden wären im Fall eines Tornados zu erwarten?
Ein Tornado hätte laut Leiser in der Schweiz wohl hauptsächlich Schäden an Dach, an den Fassaden und den Fenstern zur Folge. «Es ist also kaum mit Totalschäden zu rechnen, vielmehr könnten solche Makel gut wieder behoben werden», so der Bauexperte. Dass es Ziegel oder Blech wegwehe, sei aber realistisch. 

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