Spendengelder«Das Geld bleibt liegen» – ukrainischer Botschafter attackiert Glückskette
Die Glückskette behalte Spendengelder für die Ukraine zurück, obwohl sie dringend gebraucht würden, sagt Artem Rybchenko, Botschafter in Bern. Die Glückskette sagt, sie setze auf langfristige Hilfe.
Darum gehts
285 Millionen Franken wurden seit dem 24. Februar, dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, gesammelt – fast so viel wie nach der Tsunami-Katastrophe in Thailand Ende 2004, damals waren es 300 Millionen.
Am meisten Ukraine-Spenden hat die Glückskette gesammelt, gut 126 Millionen Franken. «Doch das Geld bleibt bei der Glückskette liegen», sagt Artem Rybchenko, ukrainischer Botschafter in Bern. Ein kleiner Teil sei bisher an NGO verteilt worden, die Verwendung des Geldes und der konkrete Zweck seien aber nicht bekannt. Auch die «SonntagsZeitung» berichtete kürzlich (Bezahlartikel): Der grosse Teil der Spendengelder sei bisher nicht in der Ukraine angekommen.
Artem Rybchenko sagt, er habe die Glückskette schon länger darum gebeten, die Spendengelder in das Wiederaufbau-Projekt «United2024» zu investieren, das Präsident Wolodimir Selenski an der Lugano-Konferenz Anfang Juli vorgestellt hat. «Wir brauchen das Geld dringend, es geht um Menschenleben», sagt Rybchenko im Gespräch mit 20 Minuten. Spitäler müssten wiederaufgebaut, Medikamente geliefert werden. Die Ukrainer seien daran, zerstörte Wohnhäuser, Brücken und Strassen wieder instandzusetzen. Dazu bräuchten sie die Spenden.
«Spender werden betrogen»
Er habe mit der Leitung der Glückskette gesprochen, und nun warte er seit über zwei Monaten auf eine Antwort, sagt der Botschafter. «Die Schweizerinnen und Schweizer haben für die Ukraine gespendet - im Glauben, dass die Spende der ukrainischen Bevölkerung zugutekommt, und zwar jetzt, wo es nötig ist.» Die Glückskette sammle mit der Bezeichnung «Krieg in der Ukraine», doch das Geld komme in der Ukraine nicht an. Damit würden auch die Spender betrogen, und die Notleidenden im Kriegsgebiet würden um ihr Geld gebracht.
Schon früher hat der Botschafter dazu aufgerufen, nicht via Glückskette zu spenden, sondern direkt bei der Spendenplattform des ukrainischen Staats. Nur so sei gewährleistet, dass das Geld schnell und direkt bei der ukrainischen Bevölkerung ankomme, sagt Artem Rybchenko.
«Längerfristig investieren»
Die Glückskette, die nur sammelt, aber selber keine Projekte betreut, verteidigt sich. Seit Kriegsausbruch habe die Glückskette 15,3 Millionen Franken in 34 Projekte investiert, sagt Sprecher Fabian Emmenegger - in der Ukraine, in Polen, Rumänien, der Republik Moldau sowie zu einem kleinen Teil in der Schweiz. Projektgesuche würden fortlaufend und rasch geprüft.
Zu Beginn des Krieges sei schnelle Hilfe notwendig gewesen, doch mittlerweile fokussiere sich die Glückskette auf längerfristige Projekte mit höheren Beiträgen. Deshalb würden die restlichen rund 111 Millionen Franken über die nächsten drei bis fünf Jahre eingesetzt. «Die Hilfe soll auch dann noch wirken, wenn keine Spenden mehr fliessen», sagt Emmenegger.
Hilfe soll «unparteilich» sein
Emmenegger sagt, die Hilfsarbeiten vor Ort gestalteten sich wegen Personalmangel schwierig. Doch warum unterstützt die Glückskette nicht das staatliche Wiederaufbau-Projekt? Emmenegger sagt: «Die Glückskette finanziert grundsätzlich Projekte von Organisationen der Zivilbevölkerung, um die Unabhängigkeit der Hilfe zu garantieren.» Man orientiere sich an den humanitären Prinzipien Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit.
Unterstützt würden beispielsweise Projekte des schweizerischen Roten Kreuz, der Caritas oder Helvetas. Darunter gebe es auch Projekte im Gesundheitsbereich sowie ein humanitäres Minenräumprojekt.
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