Immobilienkönigin Whitney Duan – Warum Chinas reichste Frau nach vier Jahren plötzlich wieder aufgetaucht ist

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Immobilienkönigin Whitney DuanWarum Chinas reichste Frau nach vier Jahren plötzlich wieder aufgetaucht ist

Von Chinas reichster Frau, Whitney Duan, fehlte vier Jahre lang jede Spur. Dass sie sich jetzt und wie aus dem Nichts wieder bei ihrem Ex-Mann gemeldet hat, ist kein Zufall.

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2017 verschwunden: Whitney Duan gilt als die reichste Frau Chinas (im Bild mit ihrem damaligen Mann Desmond Shum).
Alle Spuren gelöscht: Zhao Wei, eine der bekanntesten Schauspielerinnen Chinas, wurde im Internet gelöscht und von Werken gestrichen, an denen sie mitgearbeitet hatte.
Jack Ma, der Gründer des Tech-Konzerns Alibaba, verschwand während drei Monaten und meldete sich erst Anfang dieses Jahres zurück. Zuvor hatte er die Finanzregulierung in China scharf kritisiert. Danach wurde der Börsengang des Alibaba-Schwesterunternehmens Ant Group mit Verweis auf neue Regeln von den Behörden gestoppt. Es hätte der grösste Börsengang aller Zeiten werden sollen.
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2017 verschwunden: Whitney Duan gilt als die reichste Frau Chinas (im Bild mit ihrem damaligen Mann Desmond Shum).

Screenshot Youtube

Darum gehts

  • Zhao Wei ist eine der berühmtesten Schauspielerinnen Chinas. Derzeit weiss niemand, wo sie ist.

  • Das gilt auch für die reichste Frau Chinas, die Immobilienmogulin Whitney Duan.

  • Sie ist seit 2017 verschwunden, ihr Ex-Mann hat nach vier Jahren das erste Mal mit ihr telefoniert.

  • Desmond Shum erzählt, was passiert war und was seine Ex-Frau am Telefon wirklich von ihm wollte.

Seit Ende August gibt es in Chinas Internet keine Informationen mehr zu Zhao Wei. Die Milliardärin, Regisseurin und Sängerin, die zu einer der reichsten Unterhaltungskünstlerinnen aufgestiegen war, ist praktisch in ein «schwarzes Loch» gefallen. Ihr Aufenthaltsort bleibt bis heute unklar, auch wenn Fans sie Mitte September in einem Laden in ihrer Heimatstadt im Osten Chinas gesehen haben wollen.

Zhao ist kein Einzelfall. Die Kommunistische Partei hat ihre Kontrolle über Film, Musik und Fernsehen schon länger verstärkt und geht massiv gegen Prominente und deren Fan-Gemeinden vor. Die Rede ist von einer «Säuberungskampagne» im Zuge der wachsenden Ideologisierung unter Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, der die «grosse Erneuerung der chinesischen Nation» verfolgt.

Doch es trifft nicht nur Chinas Showbiz-Grössen und Künstlerinnen und Künstler. Auch Geschäftsleute stehen im Visier des Staates.

Wo ist die reichste Frau Chinas?

Prominentes Beispiel ist Whitney Duan, die als reichste Frau Chinas gilt. Am 17. September 2017 verschwand die Immobilienmaklerin spurlos, nachdem sie ihr Büro im Genesis-Beijing-Hochhaus verliess. Das Gebäude aus Stahl und Glas hat einen Wert um die 2,5 Milliarden Dollar. Duan besitzt es, neben vielen anderen Objekten weltweit, was alles sagt über die Liga, in der sie spielte.

Ihre Erfolge verdiente sich Duan während ihrer zehnjährigen Ehe mit Desmond Shum. Bis zu ihrer Scheidung 2015 hatten die beiden ein Imperium aufgebaut und machten Geschäfte mit den Reichsten der Reichen und den Mächtigsten der Mächtigen. Die Ehe endete freundschaftlich, Shum zog mit Sohn Ariston nach London.

«Die Geheimpolizei würde ihr etwas ins Rückenmark spritzen»

Zwei Jahre später, so erinnert sich dieser, «war es, als ob sie sich in Luft aufgelöst hätte.» Shum nimmt an, dass die Zentrale Kommission für Disziplin-Inspektion (heute heisst sie Nationale Überwachungskommission, Anm. d. Red.) Duan an jenem Septembertag mitgenommen hatte. Bis heute hüllt sich Peking in Schweigen, sowohl über den Verbleib der Milliardärin als auch über den Grund ihres Verschwindens.

«Einige meiner Kontakt in China sagten, ich solle von ihrem Tod ausgehen», so Shum. «Und ein führender Ökonom Chinas erklärte mir, dass sie wahrscheinlich unter Drogen gesetzt und geschlagen worden sei. Falls sie das überlebt haben sollte, würde die kommunistische Geheimpolizei ihr etwas ins Rückenmark spritzen, das aus ihr einen laufenden Zombie machen würde.»

«Sie hörten mit»

Vier Jahre später, diesen September, erhielt Shum ein Telefonat. Ein Cousin informierte ihn, dass Duan auf freien Fuss gesetzt worden sei. «Ich rief sie sofort an, unter der Nummer, die seit ihrem Verschwinden nicht mehr funktioniert hatte.» Jetzt tat sie es, und seine Ex-Frau nahm ab. «Sie sagte, sie sei wieder zuhause in Peking. Aber ich weiss bis heute nicht, ob das stimmt oder ob jemand neben ihr sass und ihr vorgab, was sie sagen solle. Auf jeden Fall wurde das Telefon abgehört – sie hörten mit.»

Weiter erzählt Shum von dem Gespräch: «Ich fragte, wie die Anklage gegen sie lautete. Sie meinte, dass sie darüber nicht sprechen könne. Sie habe eine temporäre Entlassung unterschrieben, was heisst, dass man sie jederzeit wieder abführen kann.»

Während des Telefonats sei klar geworden, dass seine Ex-Frau von allem Geschehen isoliert gewesen war. Sie habe nichts von der Corona-Pandemie gewusst und auch nicht, dass ihre Mutter einige Monate zuvor gestorben war. Dann sei Duan auf das zu sprechen gekommen, was ihr Ex-Mann als eigentlichen Hauptgrund für diesen ersten Anruf nach vier Jahren sieht: Er solle von der geplanten Veröffentlichung seines Buches «Red Roulette» absehen, bat sie.

Der wahre Grund für den Anruf

Shum hatte das Buch nach Duans Verschwinden begonnen. Der Untertitel heisst «Die Geschichte eines Insiders über Reichtum, Macht, Korruption und Rache im heutigen China» und sollte keine Chance haben, jemals in China zu erscheinen. Seit wenigen Tagen ist es in Grossbritannien und den USA zu kaufen.

«Selbst wenn ich ihrer Bitte zugestimmt hätte, es nicht zu veröffentlichen – es wäre zu spät gewesen», sagt Shum mit Blick auf bindende Verträge. «Aber das ist etwas, das ein Bürokrat in China nicht verstehen würde.»

Selbst ein zweiter Anruf seiner Ex-Frau sollte Shum nicht umstimmen können. Bei diesem Telefonat sei ihr Ton ein anderer gewesen. Sie habe viele Ausdrücke der kommunistischen Partei verwendet und ihn gefragt, ob er sich keine Gedanken mache, was mit ihrem Sohn geschehen werde, sollte ihm, Shum, etwas passieren. «Wenn du so weiter machst, wird das ein Leben kosten», habe sie ihn zu überzeugen versucht.

«Das Virus wird nicht der letzte Schock sein, den China uns verpasst»

Wieso sich der kommunistische Apparat sich auf seine Ex-Frau eingeschossen hat, weiss Shum bis heute nicht. Gut möglich, dass ihr frühere Geschäftsverbindungen zu mächtigen, möglicherweise korrupten Parteifunktionären und -funktionärinnen zum Verhängnis geworden waren.

Was er von Chinas Präsident Xi Jinping hält, darüber macht Shum kein Geheimnis: Dieser sei ein Diktator wie aus dem Lehrbuch, und der Westen müsse begreifen, dass China den Westen beherrschen wolle. «Xi ist paranoid», so Shum weiter. «Das sieht man schon daran, wie er mit der Corona-Pandemie umgeht.» Shum fügt an: «Das Virus wird nicht der letzte Schock sein, den China uns verpasst.»

Shum vermutet, dass die anstehenden Veröffentlichung seines Buches der Grund für die temporäre Freilassung seiner Ex-Frau war. Dass er selbst in Grossbritannien nicht unbedingt sicher ist, weiss Shum nur zu gut. Er wäre nicht der erste, der gewaltsam in die Heimat zurückgebracht wurde.

Chinesisches Geheimgefängnis in Dubai?

So geschehen mit Buchautor Gui Manhai. Er lebte in Schweden und hatte sich einbürgern lassen, weil Doppelbürgerschaften in China verboten sind. 2015 machte er Ferien in Thailand, wurde entführt und tauchte letztes Jahr vor einem chinesischen Gericht auf, das ihn zu zehn Jahren Haft verurteilte – wegen angeblicher Spionagetätigkeit. Seine Staatsbürgerschaft, argumentierte das Gericht, sei wieder «aktiviert» worden und er sei damit nicht länger schwedischer Staatsbürger.

Oder Wu Huan, die Freundin eines bekannten chinesischen Dissidenten. Sie gibt an, letzten Monat aus einem Hotel in Dubai entführt worden zu sein. Acht Tage lang sei sie zusammen mit zwei Uiguren in einem chinesischen Geheimgefängnis in Dubai festgehalten worden, bevor sie wieder auf freien Fuss kam. China bestreitet die Vorwürfe und Existenz von Geheimgefängnissen im Ausland.

Prostituierte und tödliche Korruption

«Red Roulette»

Das Buch «Red Roulette – Die Geschichte eines Insiders über Reichtum, Macht, Korruption und Rache im heutigen China» gewährt Einblicke in Chinas Polit- und Geschäftswelt. Autor Desmond Shum beschreibt etwa, wie hochrangige Parteimitglieder in den 2000er Jahren «routinemässig das gesamte Justizsystem des Landes zu ihrem persönlichen Vorteil nutzten, indem sie Korruptions- und andere kriminelle Verfahren einsetzten, um sich politischer Gegner zu entledigen.» Wenn korrupte Beamte oder Beamtinnen erwischt worden seien, habe ihr Status über ihr Leben entschieden: «Rote Aristokraten bekamen eine Gefängnisstrafe, Bürgerliche eine Kugel in den Kopf.»

Das Buch enthält auch allerhand Klatsch und Tratsch. «Der effektivste Weg, sich mit einem Parteifunktionär anzufreunden, bestand darin, sich mit ihm ein Zimmer voller Prostituierten zu teilen», schreibt Shum etwa. Oder er erinnert sich daran, wie ein chinesischer Marineoffizier einem Unternehmen ernsthaft angeboten habe, die Kriegsschiffe der Nation für den Bierschmuggel einzusetzen.

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