Energieversorgung – Wegen Russland-Konflikt droht Schweizer Firmen die Schliessung

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EnergieversorgungWegen Russland-Konflikt droht Schweizer Firmen die Schliessung

Während der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine an Intensität gewinnt, prüft die US-Regierung Notfallpläne für Gaslieferungen nach Europa. Ein russischer Lieferstopp hätte auch für Schweizer Industriezweige weitreichende Konsequenzen.

In jedem fünften Schweizer Haushalt wird mit Gas geheizt: eine russische Erdgas-Förderanlage 2500 Kilometer nördlich von Moskau. (Archivbild)
Die US-Regierung prüft nun Notfallpläne für Gaslieferungen nach Europa.
47 Prozent der Gaslieferungen in die Schweiz stammen aus Russland.
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In jedem fünften Schweizer Haushalt wird mit Gas geheizt: eine russische Erdgas-Förderanlage 2500 Kilometer nördlich von Moskau. (Archivbild)

AFP/Natalia Kolesnikova

Darum gehts

Im Dezember 2021 stiegen die Erdgaspreise in Europa um über 400 Prozent. Einige Energieversorger in Deutschland und Belgien stellten wegen der Gaspreis-Explosion ihre Lieferungen ein oder gingen gar pleite. Prekär war die Situation auch aufgrund der historisch tiefen Füllstände in den Gasspeichern. Nachdem die Preise durch eine Lieferung von mit Flüssiggas (LNG) beladenen US-Tankern vorübergehend fielen, steigt nun die Nervosität bei den Händlern erneut. Der Grund dafür: die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine (siehe Box).

Notfallplan für EU-Gaslieferungen

Laut dem Verband der Schweizerischen Gasindustrie (Gazenergie) stammen 47 Prozent der Gasimporte der Schweiz aus Russland. In rund jedem fünften Haushalt wird mit Erdgas geheizt, zudem sind verschiedene Industriezweige auf Erdgasimporte angewiesen. Sollte der Monopolist Gazprom die Erdgasexporte zum Westen bei einem militärischen Konflikt längerfristig drosseln oder gar einstellen, wären die Auswirkungen bis in die Schweiz spürbar. Das sagt Daniel Germann, Senior Gas Trader beim Energiedienstleister Ompex.

«Im Extremfall bricht der Markt zusammen»

«Ein längerer Ausfall der russischen Gaslieferungen hätte weitreichende Konsequenzen für den gesamten Energiemarkt», so Germann. Die Schweiz beziehe ihr Gas grösstenteils über Handelsplätze in Deutschland oder den Niederlanden – im Krisenfall sei die Schweiz von der EU abhängig.

Eine Kompensation durch zusätzliche Lieferungen aus anderen Märkten, etwa der Import von zusätzlichem Flüssiggas aus den USA sei nur in beschränktem Umfang möglich. «Im ersten Moment würde der Ausfall zu einem starken Anstieg der Energiepreise führen, bei längerem Andauern kann es im Extremfall zum Marktversagen kommen, wobei behördlich angeordnete Massnahmen notwendig werden.»

Umstellung auf Heizöl

Rein rechnerisch könnten die jetzigen Speicherstände der europäischen Gasspeicher sowie andere Importe und Eigenproduktion zwar ausreichen, um einen normalen Winter auch ohne russische Lieferungen zu überbrücken, sagt Georg Zachmann, Energieexperte bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. «Das ist aber sehr knapp bemessen und funktioniert nur, wenn Länder mit besserem Zugang zu Gas bereit sind, mit anderen zu teilen.»

Im Falle eines russischen Lieferunterbruchs müsste die Schweiz, wie ganz Europa, mit Gasverbrauchseinschränkungen rechnen, sagt auch Fabien Lüthi vom Bundesamt für Energie (BFE). «Das Ausmass hinge von der Dauer des Unterbruchs ab.» Ein Vorteil der Schweiz sei der relativ hohe Anteil von Zweistoff-Industrieanlagen, die notfalls von Gas auf Öl umstellen könnten, so Lüthi.

Gemäss Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung ist die Anzahl Zweistoffanlagen in der Schweiz jedoch seit Jahren stark rückläufig. Dass nicht alle Betriebe einfach auf Öl umstellen könnten, zeigt das Beispiel der Stahl Gerlafingen AG. «Vor rund 30 Jahren wurde auf Erdgas umgestellt. Ohne Erdgasversorgung müssten die Produktionsbetriebe ihren Betrieb einstellen», sagt eine Sprecherin (siehe Box).

Vor allem die Metallindustrie wäre betroffen

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