Wildester Aareabschnitt soll entschärft werden

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UttigenwelleWildester Aareabschnitt soll entschärft werden

Die gefährliche Uttigenwelle in der Aare könnte besänftigt werden: Die SBB will die darüber führende Eisenbahnbrücke sanieren – dadurch wird das Aarebett breiter.

smü/cho/sda
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Die als gefährlich bekannte Uttigenwelle könnte entschärft werden.

Die als gefährlich bekannte Uttigenwelle könnte entschärft werden.

Für manchen Schlauchboot-Kapitän ist sie das Aareböötle-Highlight schlechthin auf dem Weg von Thun nach Bern: die berühmt-berüchtigte Uttigenwelle mit ihren Strudeln, die schon manches Boot zum Kentern brachten. Andere Hobby-Böötler verzichten gerne auf den Adrenalin-Kick und wassern erst unterhalb der Schwelle ein.

Nun könnte die Welle gar ganz verschwinden: Die SBB beginnt Ende 2016 mit der Planung einer neuen Aarebrücke bei Uttigen. Die bestehende Brücke erreicht 2025 das Ende ihrer Lebensdauer. Die neue Brücke wird länger, denn auch bei Uttigen plant der Kanton eine Verbreiterung des Aarebetts. Es droht das Aus für den wildesten Aareabschnitt. Bei 20-Minuten-Lesern sorgt die Ankündigung für Unmut. Bei einer Umfrage mit 1000 Teilnehmern befand die Mehrheit, dass dadurch der Kick verloren ginge.

Auch bei den Leser-Kommentaren ist die Haltung vieler Leser eindeutig: «Das ist ja gerade das beste am Ganzen! Und gefährlich ist sie schon lange nicht mehr», schreibt Nicu. Leserin Ruth meint: «Das Aareböötle zwischen Thun und Bern ist gerade wegen der Uttiger-Welle schweizweit bekannt. Mit einer drastischen Entschärfung der Welle ginge ein spannender Teil der Aare verloren.»

«Besser wenn die Welle verschwindet»

Doch nicht alle stören sich über die Pläne des Kantons. «Für Private Böötlifahrer ist es besser wenn die Welle reduziert wird oder verschwindet», meint Romano Rondelli von Aarebootsfahrten.ch. Seit 25 Jahren fährt der Berner Touristen über den Fluss: «Was ich da schon alles gesehen habe. Ich bin erstaunt, dass es dort nicht mehr Unfälle gibt.» Viele seien zu unvorsichtig, unterschätzen die Gefahren und überschätzen ihre Fähigkeiten. «Ich bin schon tausend Mal über die Uttigenwelle gefahren, nie würde ich das ohne Schwimmweste tun», so Rondelli.

Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) betrachtet die Uttigenwelle seit langem als gefährlich: «Wir würden es begrüssen, wenn die Welle an Kraft verliert», so Bernhard Fleuti, von der Berner Sektion. Das alleine würde das Böötlen jedoch noch nicht sicherer machen: «Es ist wichtig, dass sich die Leute der Gefahren bewusst sind und die SLRG-Schwimmregeln beachten.» Daneben gäbe es auch noch andere Stellen, welche für die Flusspiraten gefährlich sein könnten: «Immer wieder bleiben Boote an den Pfeilern der Auguetbrücke bei Belp hängen.»

Erst am Sonntag kam es zu einem tragischen Unfall, bei dem zwei Frauen mit ihrem Gummiboot mit einem Brückenpfeiler kollidierten. . Die 29- und 34-Jährigen erlagen am Montag ihren Verletzungen.

«Uttigenwelle wird nicht mehr so brisant sein»

Doch das letzte Wort ist in Sachen Uttigenwelle noch nicht gesprochen. «Die Planungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen», heisst es beim Tiefbauamt der Stadt Bern. Noch sei unklar ob die Aare bei Uttigen verbreitert werde könne.

Die SBB werde diese bei der Planung berücksichtigen, heisst es bei der SBB auf Anfrage. Das Brückenprojekt hänge nicht direkt mit «aarewasser» (siehe Box) zusammen, sondern gehe eben auf das Ende der Lebensdauer des Bauwerks zurück.

Dass der Kanton auch an dieser Stelle das Aarebett verbreitern will, begründet er mit der Bedeutung dieser Stelle für das Niveau des Grundwasserspiegels bei Uttigen. Das geht aus den im Internet zugänglichen Informationen zum Grossprojekt «aarewasser» hervor. Sollte das Vorhaben wie geplant durchgeführt werden, hätte dies signifikante Auswirkungen für Böötler: «Die Uttigenwelle wird sicher nicht mehr so brisant sein wie heute», so «aarewasser»-Projektleiter Adrian Fahrni.

Das Grossprojekt «aarewasser»

Der Kanton Bern will der Aare wieder mehr Platz geben will. An insgesamt 25 Stellen zwischen Thun und Bern soll dem Fluss das im vorletzten Jahrhundert verpasste Korsett gelockert werden.

Mit den Eingriffen will der Kanton Bern auch das Problem lösen, dass sich die Aare zwischen den beiden Städten je länger, je mehr in den Untergrund eingräbt. Dieser Zustand gefährdet langfristig die Trinkwasserfassungen entlang der Aare und verändert die Flora und Fauna, weil mit dem Aarepegel auch der Grundwasserpegel sinkt. Zudem werden die heutigen Uferverbauungen immer mehr unterspült und bröckeln - das birgt Gefahren.

Alle 25 Eingriffe zusammen stellen eines der bedeutendsten Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekte der ganzen Schweiz dar. Für das Projekt sollen bis ins Jahr 2050 etwa 120 Mio. Franken investiert werden. Einige Projekte wurden bereits umgesetzt, andere sind sistiert. Grund dafür sind zwei Interventionen der bernischen Finanzkontrolle sowie die Komplexität des Projekts. (sda)

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