Wegen Nocebo-Effekt?Zu Tode geträumt
Das «Sudden Death Syndrome» ist ein medizinisches Rätsel: Betroffene sterben ohne erkennbaren Grund im Schlaf. Nun hat eine Forscherin eine gewagte These aufgestellt.
In den 60er und 70er Jahren führten die USA einen geheimen Krieg in Laos, in dem sie pro Einwohner 2,5 Tonnen Bomben abwarfen. Den Bodenkrieg erledigte die Volksgruppe der Hmong für Uncle Sam. Als die Kommunisten 1975 den Kampf für sich entscheiden konnten, flohen viele Hmong in das Land ihres Verbündeten. Entgegen früherer Immigrationspolitik wurden die Asiaten in 53 amerikanischen Städten verstreut angesiedelt. Bald darauf begannen die ersten von ihnen, im Schlaf zu sterben.
In 116 von 117 Fällen handelte es sich um völlig gesunde Menschen, die ohne erkennbaren Grund dahingerafft wurden. Der Altersdurchschnitt der Opfer lag bei bloss 33 Jahren. Ein Begriff wurde für das Phänomen ersonnen, doch erklären liess sich das «Sudden Unexpected Nocturnal Death Syndrome» lange nicht. Nun glaubt Professorin Shelley Adler von der University of California den Grund dafür gefunden zu haben. Die These ihres Buches «Sleep Paralysis: Night-mares, Nocbos and the Mind Body Connection»: Neben einer genetisch bedingten Herz-Arrhythmie, die in Südostasien weit verbreitet ist, sollen die Träume der Hmong für ihren Tod verantwortlich sein.
Wenn das Böse an dein Bett tritt
Das Phänomen tritt bei der Schlafstarre auf, die 15 bis 25 Prozent der Menschheit wenigstens ein Mal im Leben am eigenen Leib erfahren muss. Die Betroffenen fühlen sich wach, obwohl sie träumen, können sich aber nicht bewegen. Der Grund dafür ist eine «Fehlschaltung» im Gehirn, das eigentlich Körper und Geist im Schlaf trennen soll. Würde es das nicht tun, würden wir beim Träumen sämtliche Bewegungen nachvollziehen. Bei der Schlafstarre sind wir trotz REM-Schlaf quasi bei Bewusstsein. Dieser Zustand wird dann zum Problem, wenn der «Wachträumer» Angst bekommt.
Schlafstarre: Betroffene berichten. Quelle: YouTube
Schon die Griechen beschrieben solche Albträume, die in den verschiedensten Kulturen vorkommen. Die Menschen glauben, sie wären wach, können sich aber nicht bewegen. Sie haben das Gefühl, etwas Böses sei ihnen nahe. «Ich wusste einfach, dass die Präsenz da war. Eine beklemmende Präsenz. Ich konnte sie nicht sehen, mich aber auch nicht verteidigen. Ich konnte nichts machen», beschrieb es eine Patientin gegenüber Professorin Adler. Gerüche, Schritte, Schatten oder glühende Augen können den Schrecken verstärken. Oft haben die Betroffenen das Gefühl, etwas sitze ihnen auf der Brust: Sie haben Mühe zu atmen. Und spüren überwältigende Furcht.
Die Rache der Ahnen
Auch die Hmong kennen solche Träume, die sie «tsog tsuam» nennen – egal ob sie Christen sind oder Anhänger einer Naturreligion. Der Geisterbesuch hat ihrem Glauben nach einen Grund: «Wenn ein Hmong nicht ordentlich betet, religiöse Rituale nicht richtig durchführt oder Opfergaben vergisst, wollen die Geister der Ahnen oder die Dorfgeister sie nicht mehr bewachen», erklärte einer der Asiaten Professsorin Adler. «Deshalb kann der böse Geist kommen und sie holen.» Wenn das Gedenken an die Ahnen zu kurz gekommen ist, rufen die Hmong einen Schamanen. Doch weil die Volksgruppe in den USA so versprengt ist, können traditionelle Rituale laut «The Atlantic» schwer durchgeführt werden.
Kulturstress und Glaubensdruck werden laut Adler dann so gross, dass die bösen Geister die Gepeinigten tatsächlich umbringen. Gestützt wird ihre These durch den «Nocebo»-Effekt: Während die Einnahme eines Placebos etwa zu guten Resultaten führt, ist es beim Nocebo genau andersrum. Ärzten fanden heraus, dass Patienten, denen vor einer Operation Angst gemacht wurde, mehr Opiate benötigten. In einem anderen Experiment taten sich bei elektromagnetisch sensiblen Menschen so, als würden sie sie Handystrahlung aussetzen. Die Probanden bekamen prompt Kopfweh.
Kann Glaube tödlich sein?
Ein anderes Experiment scheint die Macht des Glaubens zu bestätigen: Professorin Adler berichtet von einem spannenden Projekt mit chinesischen Amerikanern, die eine bestimmte Krankheit haben und in einem speziellen Jahr geboren sind. Wenn sie in einem Jahr zur Welt kamen, dass astrologisch mit Lungenbeschwerden verbunden ist und dann tatsächlich Lungenprobleme entwickelten, starben sie im Schnitt fünf Jahre früher als vergleichbare Lungenkranke. Je stärker sie sich der chinesische Astro-Kultur verschrieben hatten, desto früher liessen sie ihr Leben.
Ist Schlafen also tödlich? Nur wenn man stark glaubt. Biologie, schliesst Professorin Adler, sei lokal: «Die gleichen biologischen Prozesse an unterschiedlichen Orten haben unterschiedliche Effekte auf die Leute.» Sie müssen also nicht befürchten, dass Kult-Figur «Freddy Krueger» Sie heute Nacht ihrer Eingeweide beraubt: Schlafen Sie gut!
«1, 2, Freddy kommt vorbei». Quelle: YouTube
So funktioniert die Schlafstarre. Quelle: YouTube