Vor 130 Jahren flog der Krakatau in die Luft

Aktualisiert

Very Big BangVor 130 Jahren flog der Krakatau in die Luft

Es war der lauteste Knall aller Zeiten: Am 27. August 1883 explodierte die indonesische Vulkaninsel Krakatau. Der Donnerhall war auf einem Drittel des Erdballs zu hören.

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Jahrhundertelang blieben die drei Vulkangipfel Rakata, Danan und Perbuwatan auf der unbewohnten Insel Krakatau ruhig. Kaum jemand interessierte sich für das unbedeutende Eiland in der Sundastrasse zwischen Java und Sumatra. Doch im Mai 1883 speit der Krakatau plötzlich Feuer. Mehrere Eruptionen bis Ende August stossen Aschewolken kilometerweit in die Atmosphäre. Aber die Ausbrüche sind nur die Vorboten einer der gewaltigsten Explosionen der Menschheitsgeschichte.

Ein niederländischer Ingenieur ist der letzte, der vor dem Vulkanausbruch einen Fuss auf die Insel setzt. H.J.G Ferzenaar nimmt den Vulkan 1883 unter die Lupe. «Messungen sind noch zu gefährlich, zumindest würde ich nicht gerne die Verantwortung dafür übernehmen, einen Landvermesser herzuschicken», notiert er, wie Ian Thornton in seinem Krakatau-Buch dokumentiert. Wie wahr.

Gigantische Caldera-Explosion

Kurz darauf, am 27. August um 22:02 Uhr, explodiert die Insel. Die bis zu 800 Meter hohe Formation der drei Vulkangipfel zerbricht und kracht ins Meer. Eine Serie ohrenbetäubender Eruptionen ist noch mehr als 4000 Kilometer entfernt in Australien und in 4800 Kilometer Distanz auf der Insel Rodrigues bei Mauritius zu hören – der lauteste Knall aller Zeiten ist auf einem Drittel des Erdballs zu vernehmen. Die Luftdruckwelle der Explosion ist so stark, dass sie auch nach fünf Tagen noch messbar ist. Bis dahin hat sie die Erde sechsmal umlaufen. Die gigantische Caldera-Explosion ist nach dem Ausbruch des Tamobra 1815 (siehe Box) die zweitgrösste Vulkaneruption der Neuzeit.

In seinem Todeskampf schleudert der Krakatau 18 Kubikkilometer Asche und Gestein bis in eine Höhe von 80 Kilometer in die Atmosphäre. Heisser Ascheregen geht noch 400 Kilometer weiter nieder. Die leere Magmakammer unter den Vulkangipfeln stürzt auf einer Fläche von 28,5 Quadratkilometern ein und verschlingt den Grossteil der Insel; schlagartig stürzen die Wassermassen des Meeres in das entstandene Loch. Riesige Tsunamis sind die Folge. In Merak auf Java ist die Flutwelle so hoch, dass sie die Steinhäuser auf einem über 40 Meter hohen Hügel zum Einsturz bringt. Ein Dampfschiff wird vier Kilometer weit ins Landesinnere geschoben.

Mehr als 150 Dörfer werden an den Küsten der Inseln Sumatra und Java zerstört, 40'000 Menschen sterben. Der niederländische Kolonialbeamte Sollewijn Gelpke beschrieb die Verwüstung im Bezirk Bantam: «Soweit das Auge blickt, steht nichts mehr ausser einem einzelnen Baum, einem riesigen Durian ... Er ist das Grabmal eines Haufens von Kadavern und Leichen, die unter Dächern, Häusern und Baumstämmen begraben liegen.»

«Himmel voller Lichtblitze»

Die Detonation, berechnen Experten später, war mindestens 10'000-mal so stark wie die Hiroshima-Atombombe. Der erste Offizier des US-Dreimasters «W.H.Besse» erlebt das Spektakel keine 100 Kilometer nordöstlich des Krakatau auf seinem Schiff. «Es war Mitternacht zur Mittagszeit, ein starker Ascheregen setzte ein, die Luft war so stickig, dass man kaum atmen konnte», notierte er. «Fürchterliches Getöse vom Vulkan her, der Himmel voller Lichtblitze ... das Heulen des Windes, der durch die Takelage fuhr, war eines der schauerlichsten Erlebnisse, das man sich vorstellen kann ... alle glaubten, die letzten Tage der Erde seien gekommen.»

Die riesige Wolke aus Vulkanasche verbreitet sich in der oberen Atmosphäre rund um den Erdball. Weil die Staubpartikel das Sonnenlicht ins All zurück reflektieren, wird es merklich kühler auf der Erde. Durch die ungewöhnliche Lichtbrechung werden weltweit spektakuläre Sonnenuntergänge gemeldet. In New York rückt die Feuerwehr aus, weil Anwohner am westlichen Horizont Feuer vermuten. Edvard Munch soll die Natureindrücke im Hintergrund zu seinem berühmten Gemälde «Der Schrei» (1893) verarbeitet haben.

Und erstmals wird eine Katastrophe zum globalen Medienereignis: Wenige Jahre zuvor waren die ersten Tiefseekabel zur Kommunikation in den Weltmeeren verlegt worden. Die Nachricht von der Naturkatastrophe verbreitet sich rasend schnell.

«Noch 100 Jahre sicher»

Gut 40 Jahre nach der Explosion erhebt sich an gleicher Stelle ein neuer Vulkan aus dem Meer. Anak Krakatau («Kind von Krakatau») ist heute 305 Meter hoch und wächst jedes Jahr. «Er ist seit 2011 mehr als 100-mal ausgebrochen», sagt der Chef des Vulkaninstituts: «Das ist gut, so kann sich keine Spannung ansammeln.»

Andi Suardi, der die Krakatau-Wachstation auf Sumatra leitet, sieht derzeit keine Gefahr: «Krakatau hat 200 Jahre Energie gesammelt, ehe er explodiert ist – wir sind noch mehr als 100 Jahre sicher.» Von der alten Insel ist ein Stück des Vulkans Rakata übrig, mit einem fast 800 Meter hohen Kliff – ein Schnorchelparadies.

«Ausbruch des Krakatau 1883»(Quelle: Youtube/Helmut Schumacher)

Eine Produktion der BBC und des Dicovery-Channels: «Krakatoa: The Last Days» (2006)(Quelle: Youtube/endang mulyoko)

Computer-Animation: «Tsunami Krakatoa»(Quelle: Youtube/ingomar200)

«How The Earth Was Made. Krakatoa And Anak Krakatau» (engl.)(Quelle: Youtube/eyestv95) (dhr/sda)

Der grösste Vulkanausbruch

der Neuzeit war nicht jener des Krakatau, sondern jener des Tambora 1815. Die Eruption des auf der indonesischen Insel Sumbawa gelegenen Vulkans erreichte eine Intensität von sieben auf dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI), der von 0 bis 8 reicht. Der Ausbruch des Krakatau erreichte einen VEI von 6, wie auch jener des Pinatubo 1991. Beim Ausbruch des Tambora starben über 70'000 Menschen.

Indonesien liegt am «Feuerring» um den Pazifischen Ozean, wo sich Spannungen in den Erdplatten oft durch Erdbeben oder Vulkanausbrüche entladen. Der vulkanische Archipel erstreckt sich entlang der kontinentalen Nahtstelle zwischen der Pazifischen Platte einerseits und den Kontinentalplatten von Indien-Australien und Eurasien andererseits. In Indonesien gibt es 106 tätige Vulkane, von denen ungefähr 60 in den letzten 400 Jahren aktiv waren.

Die Legende von Krakatau

Nach der Mythologie entstand der Vulkan Krakatau, weil König Rakata einst seine Söhne auseinanderbringen wollte. Die Inseln Sumatra und Java waren noch eins und Rakatas Söhne befehligten rivalisierende Königreiche. Rakata nahm einen Lehmkrug und schüttete Wasser aus. So entstand die teils nur 30 Kilometer breite Meeresstrasse zwischen Sumatra und Java. Den Krug liess Rakata nach der Legende zurück – daraus entstand der Vulkan.

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