Begehrtes GutAls Urin so wertvoll war, dass man darauf Steuern zahlen musste
Wer heute über seinen Job schimpft, sollte bedenken: Es könnte alles viel schlimmer sein. Wie viel schlimmer, zeigt etwa der Blick auf das antike Rom.
Urinwäscher: Darum gehts
- Bei Urin gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Er verschwindet in der Regel in den Weiten der Kanalisation.
- Im alten Rom versuchten die Urinwäscher das zu verhindern. Sie sammelten die Ausscheidung und wuschen Wäsche damit.
- Es handelte sich um einen eigenen Wirtschaftszweig, für den sogar Steuern fällig wurden.
- Ein damals geprägter Spruch findet bis heute Verwendung.
Es gab viele Jobs, die heute nicht mehr existieren. Bei einigen gilt: zum Glück. So setzten etwa die Radium Girls ihre Gesundheit auf Spiel. Auch Pelerinenmann oder Abtritt-Anbieterin dürfte heut niemand mehr sein wollen. Ebenso wenig wie Urinwäscher.
Urin war im alten Rom wertvoll
Was aus heutiger Sicht völlig abwegig und eklig klingt, war im alten Rom ganz normal: Man wusch die Wäsche mit Urin. Das darin enthaltene Ammoniak sorgte dafür, dass die Stoffe sauber wurden. Auch rohe Wollstoffe wurden mit Urin bearbeitet, um auf das Wollfett einzuwirken. Weiter wurde der Harnstoff genutzt, um Stoffe zu färben.
Das machten Urinwäscher
Die Urinwäscher – auch Fullonen genannt – erfüllten gleich mehrere Aufgaben. Es war an ihnen, die gefragte Ausscheidung zu organisieren. Dafür verteilten sie Amphoren in der Stadt, in die die Menschen direkt hineinpinkeln konnten. Auch aus öffentlichen Latrinen sammelten sie den Urin. Dort schöpften sie den wertvollen Stoff aus speziellen Sammelbecken. In grösseren Orten befanden sich diese teils unterirdisch, teils bei am Wegesrand verlaufenden Kloakenbecken.
Bist du mit deinem Job zufrieden?
Die Urinwäscher organisierten nicht nur den Urin. Sie stellten daraus auch das Waschmittel her und wendeten es auch an. Dafür gaben sie das harnhaltige Mittel in grosse Behälter, fügten die zu reinigenden Gewänder hinzu und stapften auf ihnen herum, bis sie wieder sauber waren. Das brachte ihnen auch die Bezeichnung Tuchwalker ein.
Unangenehm – und gesundheitsschädlich
Nach dem Urinbad wurden die Stoffe gründlich ausgewaschen und zum Trocknen aufgehängt.
Geld stinkt nicht: Urinwäscher mussten Harnsteuer zahlen
Das Sammeln und Nutzen von Urin war ein einträgliches Geschäft. Das erkannte auch Kaiser Vespasian (69-79 n. Chr.) und erhob eine Harnsteuer. Seinem Sohn Titus, der davon zunächst wenig angetan war, soll er Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase gehalten und gefragt haben, ob der Geruch ihn störe. Ein Akt, der in die Geschichte ging: Vespasians Worte werden – verkürzt – heute noch zitiert: «pecunia non olet» – Geld stinkt nicht.

Die thematische Nähe Vespasians zu Toiletten lässt sich in Frankreich und Italien im Alltag beobachten. Dort werden öffentliche WCs als Vespasienne beziehungsweise als Vespasiani bezeichnet.
Urin auch zum Zähneputzen

Bis wann waren Urinwäscher aktiv?
Der Beruf der Fullonen verschwand – zumindest in dieser Form – mit dem Untergang des Römischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. Urin kam jedoch andernorts weiterhin zum Einsatz: In England und auch in Österreich-Schlesien entfettete man noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wolle mithilfe von Ammoniak.
Auch heute lohnt es sich noch, in alten Latrinen zu wühlen, wie unter anderem Forschende aus Basel wissen.
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Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen, History & Digital und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
