Darum gehen die Schüler in Frankreich auf die Strasse

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SchülerprotesteSymbol der Missstände: Mit diesem Gymnasium hat alles begonnen

Volle Klassen, fehlendes Personal, marode Gebäude und lange Schultage: Gegen diese alltäglichen Probleme protestieren Frankreichs Schülerinnen und Schüler.

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Seit Wochen gehen in Frankreich Schülerinnen und Schüler auf die Strasse.

Darum gehts

Seit Wochen gehen in Frankreich Schülerinnen und Schüler auf die Strasse. Ihre Forderungen: bessere Lernbedingungen, mehr Lehrer und kürzere Schultage. Begonnen hat die aktuelle Protestbewegung Mitte September im Lycée Saint-Exupéry, einem Gymnasium in der Stadt Créteil in der südöstlichen Banlieue von Paris.

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In der Schule mit rund 1500 Jugendlichen waren zum Schulstart mehrere Stellen unbesetzt. Es fehlten unter anderem eine stellvertretende Schulleitung und eine Schulkrankenschwester. Nach den ersten Protesten stellte die Schulbehörde zusätzliches Personal ein. Doch andere Missstände bestehen bis heute.

«Überall im Gymnasium stehen Eimer mit Wasser wegen der undichten Stellen», sagte Schülerin Zoé am Dienstag anlässlich eines neuen Protests in Créteil der Zeitung «Le Parisien». «38 in den Klassenräumen sind zu viel», ergänzt Terrence. Nach ihren Angaben gibt es Räume, in denen es nicht genügend Stühle und Tische gibt, um alle unterzubringen.

Im Lycée Saint-Exupéry in Créteil nahmen die Proteste ihren Ursprung. (Aufnahme vom 6. Oktober 2026).
Im Lycée Saint-Exupéry in Créteil nahmen die Proteste ihren Ursprung. (Aufnahme vom 6. Oktober 2026).AFP

35 Schülerinnen und Schüler, aber nicht genug Stühle

Inzwischen wurde das Lycée zum Symbol für ein Problem, das weit über Créteil hinausreicht. Am privilegiert gelegenen Lycée Montaigne mitten in Paris erzählte eine 16-Jährige der Zeitung «El País», dass 35 Jugendliche in ihrer Klasse sitzen. Sogar hier habe es zu Schulbeginn in manchen Zimmern nicht für alle einen Stuhl gegeben.

Dass Klassen dieser Grösse nicht ungewöhnlich sind, zeigen offizielle Zahlen des Bildungsministeriums. In allgemeinbildenden und technischen Lycées sassen 2025 durchschnittlich 30,2 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse. 2010 waren es 27,7. Laut Angaben von «Le Monde» haben im öffentlichen Sektor mehr als 20 Prozent der Oberstufenklassen sogar mehr als 35 Schüler.

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Noch drastischer sind Berichte aus der Pariser Vorstadt. Am Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis sagte eine Lehrerin der «Tagesschau» von ARD: «Stühle brechen jeden Tag zusammen, es gibt ein riesiges Gefühl der Ungleichheit gegenüber den Schulen im Pariser Stadtzentrum.»

Auch am Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis leiden die Schülerschaft und das Lehrpersonal unter gravierenden Mängeln der Schule. (Aufnahme vom 30. September 2026)
Auch am Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis leiden die Schülerschaft und das Lehrpersonal unter gravierenden Mängeln der Schule. (Aufnahme vom 30. September 2026)AFP

«Wir müssen in den Gängen warten»

Ein Schüler am Lycée Marcelin-Berthelot in Pantin nordöstlich von Paris berichtet der Zeitung «Le Parisien», rund 90 Prozent der Fenster liessen sich nicht mehr öffnen. Im Sommer steige die Temperatur in den Räumen auf etwa 40 Grad. Es gebe zu wenige Toiletten, keinen Aufenthaltsraum und keinen Raum zum Lernen.

Das fällt besonders ins Gewicht, weil viele Jugendliche aufgrund schlecht gemachter Stundenpläne oft Freistunden zwischen zwei Lektionen haben. Der Schüler aus Pantin sagt, sie müssten deshalb in den Gängen auf den nächsten Unterricht warten.

Lange und zerstückelte Tage sind an französischen Lycées seit Jahren ein Thema. Stundenpläne von 8 bis 18 Uhr sind keine Seltenheit, wobei drei bis fünf Stunden davon unterrichtsfrei sein können, wie die staatliche Schulinspektion IGÉSR in einem Bericht festhielt. Da es in dieser Zeit keine Schulbusse gibt, sind manche gezwungen, von der Öffnung bis zur Schliessung in der Schule zu bleiben.

«8 Uhr bis 18 Uhr: Gymnasium oder Polizeigewahrsam?» Mit dieser Frage tut eine Schülerin in Toulouse ihren Unmut über lange Präsenzzeiten an der Schule kund.
«8 Uhr bis 18 Uhr: Gymnasium oder Polizeigewahrsam?» Mit dieser Frage tut eine Schülerin in Toulouse ihren Unmut über lange Präsenzzeiten an der Schule kund.AFP

Wenn die Lehrperson fehlt

Dazu kommt Personalmangel. Eine Erhebung der Lehrergewerkschaft SNES-FSU unter 1033 öffentlichen Collèges und Lycées ergab zum Schulstart 2026, dass an 53 Prozent der untersuchten Schulen mindestens eine Lehrperson fehlte. Besonders häufig betroffen waren Mathematik, Französisch, Physik und Chemie sowie Englisch.

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Für Schülerinnen und Schüler kann schon eine einzelne offene Stelle bedeuten, dass ein Fach über Wochen nur eingeschränkt stattfindet. In Créteil berichtete eine Lehrerin Anfang Oktober, einige Jugendliche hätten ihren ersten Französischunterricht erst in der Vorwoche gehabt.

Auch Lehrpersonen haben sich den Protesten angeschlossen, wie hier in Bordeaux (Aufnahme vom 6. Oktober 2026)
Auch Lehrpersonen haben sich den Protesten angeschlossen, wie hier in Bordeaux (Aufnahme vom 6. Oktober 2026)AFP

Hoher Leistungsdruck

Gleichzeitig prägt ein ausgeprägter Konkurrenzgedanke das Schulsystem in Frankreich. Oft geht es weniger darum, den Stoff zu durchdringen, als darum, besser als die anderen zu sein, um in den anspruchsvollen Auswahlverfahren («concours») zu bestehen. Klassischer Frontalunterricht gehört ebenso zum Schulalltag wie Nachsitzen und weitere Strafen, wie die Nachrichtenagentur AFP schreibt.

Ebenfalls für Kritik sorgt das sogenannte Parcoursup, das zentrale Bewerbungsverfahren für Hochschulen. Die Kriterien für Entscheide empfinden viele als undurchsichtig. Durch die hohe Komplexität geraten Jugendliche aus sozial schwächeren Familien dabei immer wieder zusätzlich ins Hintertreffen. Befragungen des Bildungsministeriums zeigen seit Jahren, dass eine grosse Mehrheit der Jugendlichen das Verfahren als stressig empfindet.

So entsteht der Kern der Unzufriedenheit: Jugendliche sollen konstant Leistung bringen und früh über ihre Zukunft entscheiden. Gleichzeitig erleben manche eine Schule, in der Unterricht ausfällt, Räume überfüllt sind oder selbst ein Stuhl keine Selbstverständlichkeit ist.

Diese Schüler des Pariser Lycée Claude-Monet hegen offenbar wenig Hoffnung, dass die Zustände unter einer möglichen neuen Präsidentin besser werden könnten.
Diese Schüler des Pariser Lycée Claude-Monet hegen offenbar wenig Hoffnung, dass die Zustände unter einer möglichen neuen Präsidentin besser werden könnten.AFP

Proteste Frankreich

In Frankreich eskalieren die Proteste: Seit Mitte September demonstrieren Schülerinnen, Schüler und Studierende gegen überfüllte Klassen und fehlendes Personal. Inzwischen richten sich die Proteste auch gegen hohe Lebenshaltungskosten. Dabei kommt es zu Gewalt, Festnahmen und Angriffen auf Geschäfte.
Die neusten Ereignisse liest du im Liveticker.
Proteste Frankreich
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Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.

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