Basel«Berufskrankheit Blasenkrebs» – ignorieren Behörden Benzidin-Altlasten?
Seine krebserregende Wirkung behält das Gift Benzidin auch noch, nachdem es Jahrzehnte im Boden schlummert. In Basel sei die Analytik diesbezüglich blind, warnt der Altlastenexperte Martin Forter.
Darum gehts
Benzidin ist eine hochgiftige Substanz, die in der chemischen Industrie seit Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde. Verwendet wurde es als Färbemittel für Textilien und Leder. In Basel sollen rund 1500 Tonnen der krebserregenden Substanz allein in den Werken der damaligen J. R. Geigy AG im Rosental Quartier hergestellt worden sein, wie ein neuer Bericht des Altlastenexperten Martin Forter im Auftrag der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) zeigt. Im Klybeck waren es gar bis zu 7000 Tonnen.
Mit fatalen Folgen für die Arbeiter. «Der Blasenkrebs ist eine Berufskrankheit, die sich in der Ciba eine erschreckende Anzahl Arbeiter zugezogen haben», stand 1934 in der Arbeiterzeitung der Ciba. Zwischen 1901 und 1933 seien gemäss SUVA-Akten mindestens 77 Arbeiter daran erkrankt. Der Basler Urologe Achilles Müller sprach gar von einer «schweren Epidemie».
Die giftige Chemikalie schlummert auf Dutzenden Deponien und in den Böden ehemaliger Industriestandorte – so auch in Basel. Etwa auf den Arealen Klybeck oder Rosental. Beide sind sogenannte Transformationsareale, auf denen neue Quartiere entstehen. Benzidin könnte bei der Altlastensanierung nun zum Risiko für Bauarbeiter und Anwohnerinnen werden, warnt die AefU-Studie. Insbesondere weil die Basler Behörden nicht für die Benzidin-Problematik sensibilisiert seien.
Noch keine systematische Untersuchung
Im Klybeck und Rosental hat die Analytik des Kantons bislang kein Benzidin nachgewiesen. «Wenig überraschend» sei das, so Altlastenexperte Forter. Schliesslich sei die Analytik in Basel für diesen Stoff praktisch blind. Nicht so im Wallis, wo der Kanton und die chemische Industrie seit 2003 bei der Erkundung von Altlasten in Monthey systematisch vorgehen. Die Benzidin-Analytik sei dort um das bis zu 500-fache sensibler und habe entsprechende Belastungen zu Tage gefördert.
In Basel dürfte dies angesichts der Vorgeschichte und dokumentierten Unfälle in der Benzidin-Produktion nicht anders sein. Und nun sollen auf den ehemaligen Chemiegelände neue Stadtteile entstehen. «Wohnen und Benzidin aber geht nicht zusammen», so die AefU. Nur habe der Kanton noch immer keine systematische Untersuchung auf Benzidin angekündigt und sehe auch keinen Bedarf für die Sanierung der Areale. Eine Revision der Altlastenverordnung sie darum nötig, fordert die NGO.
«Beschönigung der Altlastensituation muss aufhören»
Der Bericht hat auch den Verein Zukunft.Klybeck aufgerüttelt, der sich bei der Gestaltung des künftigen Quartiers engagiert. «Die Basler Behörden und Grundeigentümer müssen endlich mit der Beschönigung der Altlastensituation in den Arealen Klybeck und Rosental aufhören», heisst es in einem Communiqué vom Sonntag. Darin fordert der Verein die Einsetzung einer öffentlichen Begleitgruppe bei der Altlastensanierung.
Man sei sich der besonderen Verantwortung bewusst, teilt die Eigentümerin des Klybeckareals, die Swiss Life, gegenüber der «SonntagsZeitung» mit. Kontinuierliche Messungen, unter anderem auf Benzidin, seien Bestandteil der Arbeiten vor Ort. Die Entsorgung des belasteten Aushubs solle dann im Rahmen konkreter Bauvorhaben in Übereinstimmung mit der Altlastenverordnung erfolgen.