OltenBusse für vergessene Hausaufgaben: Berufsschüler empört
Wer an der Berufsfachschule Olten zu spät kommt oder Aufgaben vergisst, zahlt 20 Franken. Das ist laut dem Berufsbildungsamt zulässig, Experten bezweifeln den pädagogischen Nutzen.

Lernende verdienen wenig und müssen mit ihrem Geld haushalten – zusätzliche Bussen belasten stark, kritisiert ein Schüler der Berufsschule Olten.
20min/Anina SchutzDarum gehts
An der Berufsfachschule Olten müssen Schüler 20 Franken zahlen, wenn sie beispielsweise zu spät kommen oder ihre Aufgaben vergessen.
Für Lernende, die ohnehin schon wenig verdienen, kann das zur finanziellen Belastung werden.
Der Solothurner Gesetzgeber erlaubt in der Disziplinarordnung der Berufsfachschulen den Einsatz von Geldstrafen.
Eine Erziehungsexpertin bezweifelt den pädagogischen Nutzen solcher Massnahmen und schlägt Alternativen vor.
«Ich finde das ehrlich gesagt eine ziemliche Abzocke», sagt N.* zu 20 Minuten. Der 18-jährige Lernende besucht die Gewerblich Industrielle Berufsfachschule (GIBS) am Berufsbildungszentrum Olten (BBZ). Wer dort sein Schulmaterial vergisst, die Hausaufgaben nicht macht oder auch nur eine Minute zu spät kommt, muss 20 Franken Busse zahlen.
«Klar, Pünktlichkeit ist wichtig. Aber es kann wirklich jedem mal passieren, dass man zu spät ist oder etwas vergisst», sagt der Schüler. Einen Ausrutscher pro Semester könne man sich leisten, dann wird man zur Kasse gebeten.
Lernende stehen finanziell unter Druck
«Ich habe nicht das Gefühl, dass durch dieses Bestrafungssystem ehrlicher gearbeitet wird», sagt N*. Viele würden einfach versuchen, die Bussen durch Schummeln zu umgehen. Lernende würden sowieso schon sehr wenig verdienen, und einige seiner Mitschüler hätten finanziell zu kämpfen. «Sie müssen genau rechnen, wie sie durch den Monat kommen. Und dann kommen noch die Geldstrafen dazu.»
Teilweise sei auch mit sehr seltsamen Regeln gedroht worden: Zu Beginn des Semesters habe es geheissen, sogar für den Gang aufs WC während des Unterrichts könne man gebüsst werden. «Das ist zwar nicht passiert, aber allein die Ankündigung wirkt abschreckend.» Die Schule habe erklärt, das Geld werde für die Infrastruktur genutzt.

Für den Schuldirektor geht es bei dieser Massnahme weniger ums Bestrafen als mehr um den Erhalt eines geordneten Schulbetriebs und förderlichen Lernumfelds. (Symbolbild)
IMAGO/Funke Foto ServicesBerufsbildungsamt: Keine Verstösse, keine Bussen
Diese Massnahmen seien rechtlich erlaubt, teilt das Solothurner Amt für Berufsbildung auf Anfrage von 20 Minuten mit. Wenn eine Person die Busse nicht bezahlen könne, sei auch ein Arbeitseinsatz in der Schule möglich. Die finanziell am wenigsten belastende Lösung sei es, gar nicht erst gegen die Regeln zu verstossen – das treffe laut dem Amt auf die meisten Lernenden zu.
Laut Georg Berger, Direktor der BBZ Olten, gehe es bei den Bussen weniger ums Bestrafen und mehr darum, den geordneten Schulbetrieb zu sichern, damit durch klare Regeln ein förderliches Lernumfeld geschaffen werden könne. Geldbussen kommen laut dem Direktor erst dann zum Einsatz, wenn persönliche Gespräche nicht mehr fruchten.

Laut Erziehungsexpertin Maren Tromm können Geldstrafen die Chancengleichheit – zum Beispiel für finanziell schwächere Schüler – gefährden.
20min/Taddeo Cerletti«Jugendliche brauchen Unterstützung statt Hürden»
«Geldbussen sind aus pädagogischer Sicht problematisch, weil sie vor allem bestrafen und nicht auf Einsicht oder eine Verhaltensänderung abzielen», meint die Erziehungsexpertin Maren Tromm auf Anfrage von 20 Minuten. Besonders für Jugendliche mit ADHS oder anderen neurodivergenten Merkmalen sei es oft noch schwieriger, sich zu konzentrieren, selbst zu steuern und Zeitpläne einzuhalten. In solchen Fällen helfe eine Geldstrafe als Disziplinarmassnahme nicht viel.
Was hältst du davon, dass Lernende an Berufsschulen bei Regelverstössen das Portemonnaie zücken müssen?
«Schulen sollten sich bewusst sein, dass solche Sanktionen die Chancengleichheit gefährden können», so Tommen. Jugendliche mit wenig Geld oder Problemen zu Hause bräuchten vor allem Unterstützung – keine zusätzlichen Hürden. Es sei nachhaltiger, mehr mit den Schülern zu reden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen statt nur zu bestrafen.
Expertin ist nicht grundsätzlich gegen Strafen
Ausserdem könnten solche Systeme dazu führen, dass Lernende das Vertrauen in die Schule verlieren. Empfinden Jugendliche Strafen als unfair oder willkürlich, würden sie oft die Motivation verlieren, aktiv am Schulalltag teilzunehmen, oder sie reagieren mit Widerstand. Im schlimmsten Fall könne das sogar dazu führen, dass sie der Schule fernbleiben.
Die Erziehungsexpertin spricht sich aber nicht grundsätzlich gegen Strafen aus. An vielen Schulen würden Regelverstösse geahndet – zum Beispiel mit Strafarbeiten oder Nachsitzen. «Solche Massnahmen können sinnvoll sein, wenn sie nicht nur bestrafen, sondern den Jugendlichen helfen, über ihr Verhalten nachzudenken.»
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