Bürgerkrieg in SyrienSteht Assad vor seinem Sturz?
Islamistische Milizen haben die zweitgrösste Stadt des Landes eingenommen, der syrische Diktator Baschar al-Assad muss reagieren. Für ihn geht es um alles.
Darum gehts
Mit einer Überraschungsoffensive haben islamistische Kämpfer unter Führung von Haiat Tahrir al-Scham (HTS) die Kontrolle über einen Teil Syriens übernommen.
Machthaber Baschar al-Assad versucht mit Hilfe russischer Luftschläge die Kontrolle zurückzugewinnen.
Der Konflikt droht eine landesweite Kettenreaktion auszulösen.
Mit der Überraschungsoffensive «Abschreckung der Aggressionen» rückt Syrien wieder in den Fokus: Der eingefrorene Bürgerkrieg von einst droht wieder aufzubrechen, seit eine Allianz von islamistischen Kämpfern die Kontrolle über Aleppo übernommen hat, der zweitgrössten Stadt des Landes.

In Syrien stehen etwa zwei Drittel unter der Kontrolle des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad, darunter auch die Region Aleppo. Demgegenüber halten Jihadisten Gebiete in der Provinz Idlib und die syrischen Kurden Gebiete im Nordosten. Die Türkei besetzt Teile Syriens in der Grenzregion, beziehungsweise unterstützt die islamistischen und jihadistischen Milizen gegen das Assad-Regime und gegen die Kurden.
Islamisten mit Drohnen und Lenkraketen
Die Offensive gegen das Assad-Regime führt Haiat Tahrir al-Scham (HTS) an. Die Islamisten bauten ihre Macht in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens Schritt für Schritt aus - unter anderem, indem sie sich mit der Türkei arrangierten.
«Davon hat Assad wahrscheinlich lange Zeit nichts mitbekommen.»
Jetzt ist die Miliz professioneller geworden und besser aufgestellt. «Die jihadistischen Rebellen haben jetzt Spezialeinheiten, Drohnen und Lenkraketen», sagt Terrorexperte Peter Neumann im Podcast mit Bild-Korrespondent Paul Ronzheimer. Zudem hätten sie es geschafft, Streitereien untereinander beizulegen. «Davon hat Assad wahrscheinlich lange Zeit nichts mitbekommen».
Mittlerweile ist den Islamisten offenbar auch gelungen, erhebliche Mengen an militärischer Ausrüstung, darunter auch Helikopter, zu erbeuten.
«In den nächsten 24 bis 48 Stunden»
Syrien: Am Sonntagabend strahlte der Nachrichtensender Al Jazeera Aufnahmen aus, die zeigen, wie die Jihadisten ein Anwesen, das Baschar al Assad gehören soll, unter ihre Kontrolle gebracht haben.
Mittlerweile sollen die islamistischen Milizen das Anwesen des syrischen Präsidenten in Aleppo in Beschlag genommen haben. Machthaber Assad hat in der Hauptstadt Damaskus eine Gegenoffensive angekündigt. Die «Zerschlagung des Terrorismus» diene der Stabilität und Sicherheit der gesamten Region.
Noch ist nicht klar, ob das Regime mit Hilfe insbesondere russischer Luftschläge das Vorrücken der Gegner verhindern kann. Terrorexperte Neumann ist aber überzeugt: «HTS und auch die Verbündeten werden nicht in der Lage sein, das gesamte Land zu überrennen».
««Es wird sich bald zeigen, ob aus der Offensive quasi ein neuer Aufstand überall im Land entsteht.»
Was ihm zufolge aber «in den nächsten 24 bis 48 Stunden» passieren könnte: Der Erfolg dieser Offensive könnte eine Art Kettenreaktion in Gang setzen und Leute, die früher für die Opposition gekämpft haben, aus mehreren Landesteilen gegen Assad mobilisieren. «Es wird sich bald zeigen, ob aus der Offensive quasi ein neuer Aufstand überall im Land entsteht, der dann dazu führt, dass das Regime ganz erheblich unter Druck gerät.»
Türkei mit Schlüsselrolle
Tatsächlich gilt der syrische Machthaber Assad schon lange als geschwächt. Er hätte den mittlerweile eingefrorenen Bürgerkrieg verloren, wären ihm 2013 nicht erst Iran und die Hisbollah, dann 2015 auch Russland zur Hilfe gekommen.
Bei einer allfälligen Befriedung der Lage kommt nun der Türkei als Unterstützerin der Assad-Gegner eine Schlüsselrolle zu, so Neumann. Auf der Seite des syrischen Regimes müssten sich Iran und Russland und auf der Seite der Opposition die Türkei für eine Lösung zusammensetzen - während der Westen keine Einflussmöglichkeit habe.
Eine halbe Million Tote
Der 2011 ausgebrochene Bürgerkrieg in Syrien hat gemäss Uno bislang bis zu 500'000 Todesopfer gefordert. Rund 14 Millionen Menschen sind wegen des Krieges auf der Flucht – etwa die Hälfte von ihnen hat Syrien verlassen, die andere Hälfte leben als Geflüchtete im eigenen Land. Für Peter Neumann steht fest: «Assad ist für den grössten Teil dieser Toten verantwortlich.»
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