Heissere SommerHitzetote alarmieren Schweizer Politiker
Trotz immer mehr Hitzetoten fehlt in vielen Kantonen eine umfassende Strategie. Klima-Forscher fordern ein nationales System.
Darum gehts
Die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzewellen nehmen weltweit zu, auch in Europa und der Schweiz.
Expertinnen und Experten fordern von der Politik darum umfassende nationale Strategien zum Schutz der Bevölkerung vor Hitzewellen.
Während die Grünen die fehlende Koordination kritisieren, setzt die SVP auf Selbstverantwortung.
Neuste Klima-Studien zeigen: Die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzewellen nehmen zu – und sie können tödlich enden. Dabei sind nicht nur tropische Gebiete betroffen, sondern vermehrt auch Europa.
Trotz gemässigtem Klima ist auch die Schweiz stark von Hitzewellen betroffen. «Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird die Hitzemortalität auch in der Schweiz weiter zunehmen», sagt die Umweltepidemiologin Ana Vicedo-Cabrera in der NZZ. «Bei der derzeitigen globalen Erwärmung wird ein Hitzesommer wie 2022 bereits in den kommenden Jahrzehnten zu einem durchschnittlichen Sommer», warnt sie.
Expertin fordert umfassendes System auf nationaler Ebene
Vicedo-Cabrera hat sich vertieft mit der Hitzewelle 2022 auseinandergesetzt – dem heissesten Sommer, abgesehen von 2023, der in Europa je gemessen wurde. Die Expertin berechnete, dass in der Schweiz aufgrund dieser Hitze 623 Menschen starben. Zum Vergleich: Im selben Jahr kam es im Strassenverkehr zu 241 Todesfällen, Naturereignisse wie Überschwemmungen, Lawinen oder Murgänge forderten in den letzten zwei Jahrzehnten rund zehn Todesopfer pro Jahr, sagt Vicedo-Cabrera der «Neue Zürcher Zeitung».
In der Schweiz fehle jedoch in vielen Kantonen eine umfassende und systematische Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens zum Schutz der Bevölkerung. «Die Schweiz sollte grundsätzlich darüber nachdenken, ob nicht ein übergeordnetes und umfassendes System auf nationaler Ebene wirkungsvoller wäre als das derzeitige föderale System», wirft Vicedo-Cabrera deshalb ein.
Auch Klimawissenschaftler Samuel Lüthi fordert in der NZZ ein Umdenken: Hitzewellen müssten künftig als tödliche Naturkatastrophen antizipiert werden, ähnlich, wie dies bereits bei Überschwemmungen der Fall sei. Er erwähnt dabei Infrastruktur in Zürich, die derzeit gebaut werde, um sich gegen Überschwemmungen der Sihl vorzubereiten – die mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal alle 300 Jahre aufträten.

«Hitzewellen müssten künftig als tödliche Naturkatastrophen antizipiert werden», findet Samuel Lüthi.
20min/Matthias SpicherGrüne kritisieren fehlende Strategie
Dass die Schweiz hinsichtlich Hitzeschutz noch in ganz unterschiedlichen Stadien steht, ärgert Grünen-Fraktionschefin Aline Trede. «Wir sagen schon lange, dass zu wenig gemacht wird – und vor allem auch nicht koordiniert», sagt sie gegenüber 20 Minuten. Dabei seien die Grundlagen darüber, was helfe, mittlerweile klar – Trede erwähnt etwa fliessendes Wasser, angepasste Bäume und Entsiegelungen, die in den Städten für mehr Abkühlung sorgen können.
Stört dich die Hitze?
Sie weist darauf hin, dass Naturkatastrophen auch im sicherheitspolitischen Bericht der Armee immer vorne eingereiht seien: «Hitze ist eine Naturkatastrophe – und ja, es gibt bereits Symptombekämpfungen für die Infrastruktur, etwa das Kühlen von Gleisen. Also wäre es das Mindeste, den Schutz auch für die Menschen sicherzustellen», so die Nationalrätin. Sie warnt auch vor den Kosten, die entstünden, wenn keine Massnahmen ergriffen würden: «Natürlich wird es teurer – nicht nur bei den Gesundheitskosten.» Jegliche Anpassungen kosteten mehr, als wenn die Vermeidung der Hitzewellen priorisiert würde.
SVP appelliert an Selbstverantwortung
Eine staatliche Regulierung kommt für SVP-Nationalrat Christian Imark nicht infrage. «Diese Forderungen lösen kein einziges Problem», so Imark. Es bringe nichts, Klimaveränderungen mit übergeordneten Pseudo-Regulierungen zu dramatisieren. «Extreme Hitze soll nicht kleingeredet werden, aber Bundes-Massnahmen braucht es nicht, sondern vielmehr Massnahmen im Kleinen, beispielsweise an Gebäuden: Klimaanlagen, Beschattungen, Gartenbau-Massnahmen, Bewässerungen und Konsortien.»
Ohnehin glaubt er nicht, dass die Schweiz am stärksten von der Hitze betroffen sei. Länder südlich von uns hätten deutlich grössere Herausforderungen und diese fänden auch Lösungen. «Bauliche Massnahmen gegen Hitze gibt es, seit es Menschen gibt.» Regulierungen brächten nichts. «Ältere Menschen wissen, wie sie sich schützen können. In jeder Hinsicht appelliere ich an die Selbstverantwortung.»
Folgst du schon 20 Minuten auf Whatsapp?
Eine Newsübersicht am Morgen und zum Feierabend, überraschende Storys und Breaking News: Abonniere den Whatsapp-Kanal von 20 Minuten und du bekommst regelmässige Updates mit unseren besten Storys direkt auf dein Handy.