In OsteuropaSchweiz lockt Prostituierte mit falschen Versprechen
Einen lukrativen Job und ein angenehmes Leben: Mit diesen Versprechen locken Schweizer Bordelle Frauen aus Osteuropa an. Die Realität sieht dann anders aus.
Darum gehts
Schweizer Sex-Etablissements werben im Ausland mit Inseraten.
Darin versprechen sie den Frauen eine lukrative Stelle in einem angenehmen Ambiente.
Der Fall einer 19-jährigen Ungarin zeigt, wie Frauen von ihren Zuhältern ausgebeutet werden.
Es ist zwar verboten, im Ausland finanziell schlecht gestellte junge Frauen mit grossen Versprechungen für die Prostitution zu rekrutieren, doch das ist genau das, was Schweizer Sex-Etablissements machen. Wie eine Recherche des «Tages-Anzeigers» zeigt, schalten Bordelle, Escort-Services oder professionelle Vermittlungsagenturen Anzeigen in osteuropäischen Ländern auf, in denen sie jungen Frauen eine lukrative Stelle in der Schweiz anbieten. Sie würden zwischen 5000 und 7000 Franken pro Woche verdienen, heisst es. Die Realität ist jedoch eine andere.
Der Recherchedesk von Tamedia hat 2163 Angebote in Ländern wie Ungarn, Polen, Tschechien, Bulgarien und Rumänien geprüft, die in die Schweiz führten. «Ich suche nette, freundliche Mädchen zwischen 18 und 35 Jahren», schreibt zum Beispiel ein Aargauer Etablissement auf einem polnischen Portal. Oder: «Wir bieten die lukrativste Sexarbeit der Schweiz für junge Mädchen», heisst es in einer Anzeige auf Ungarisch, die ins Zürcher Oberland lockt.
Ausweispapiere nach der Einreise weg
Die Arbeitgeber versprechen ein eigenes Zimmer mit Privatsphäre, sogar einen 13. Monatslohn – mit Arbeitszulassung und alles «steuerfrei». Eine 19-Jährige aus Ungarn meldete sich 2021 auf ein solches Inserat. Schon gleich nach ihrer Ankunft nahm ihr die Partnerin des Mannes, der sie in die Schweiz gelockt hatte, die Ausweispapiere ab, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.
Die Ungarin musste den Landsleuten sämtliche Einnahmen abgeben, der Kontakt zur Aussenwelt wurde ihr untersagt. Wehrte sie sich, wurde sie geschlagen und beschimpft. Zudem musste die Frau gewalttätige Sexpraktiken oder Geschlechtsverkehr ohne Kondom anbieten und selbst dann noch Freier bedienen, als sie von einem Kunden hochschwanger war. Als das Baby zur Welt kam, wurde es zur Adoption freigegeben.
Starke Zunahme von Fällen sexueller Ausbeutung
Die Ungarin ist kein Einzelfall: Im Jahr 2022 registrierte das Opferschutzprogramm Menschenhandel der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) 375 Fälle von – mehrheitlich – sexueller Ausbeutung. Dies entspricht einer Zunahme um fast 90 Prozent in zehn Jahren.
In der Schweiz lasse sich viel Geld verdienen, erklärt Annatina Schultz, stellvertretende Generalstaatsanwältin des Kantons Bern und Expertin für Menschenhandel. «Das macht die Schweiz besonders attraktiv für ausbeuterische Machenschaften.»
Was hältst du von der Prostitution in der Schweiz?
Miserable Arbeitsbedingungen
Die Arbeitgeber gaukeln den Frauen eine Scheinwelt vor. «Es gibt Bordelle in der Schweiz, in denen die Arbeitsbedingungen miserabel sind», sagt Rebecca Angelini, Geschäftsleiterin des nationalen Netzwerks Procore, das sich für die Rechte von Sexarbeitenden einsetzt.
«Die Betreiber ziehen hohe Abgaben von den Sexarbeitenden ein für Steuern und Sozialleistungen – ohne jedoch die Sozialversicherungsbeiträge auch korrekt einzuzahlen. Dazu kommen Abzüge für frische Bettwäsche, Essen und Übernachtungen. Die Sexarbeitenden werden mit Kameras kontrolliert und unter Druck gesetzt, ungeschützte Praktiken anzubieten.»
Die 19-jährige Ungarin konnte gerettet werden, nachdem eine andere Prostituierte den Fall bei der Polizei meldete. Heute lebt sie wieder in ihrer Heimat. Ihren ihr entrissenen Sohn hat sie nie mehr gesehen.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Beratungsstellen für gewaltausübende Personen
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