Kurzarbeit und Entlassungen«Massiv unter Druck»: Industrie schlägt wegen starkem Franken Alarm
Der starke Franken bringt die Schweizer Industrie ans Limit. Bessert sich die Situation nicht, könnten weitere Arbeitsstellen ins Ausland abwandern.
Starker Franken: Darum gehts
«Der starke Franken setzt unsere Branche massiv unter Druck», sagt Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor beim Industrieverband Swissmem.
Peter Fischer, VR-Präsident der Schweizer FIR-Gruppe, spricht gar von einem «toxischen Cocktail».
Wichtige Märkte wie Deutschland und China seien in einer Rezession, so hätten Schweizer Firmen weniger Einnahmen und weniger Geld für neue Investitionen in der Schweiz, so Fischer.
Die Frankenstärke kommt für die Schweizer Industrie zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Sie steckt bereits in einer Rezession und die Frankenaufwertung verteuert die für sie wichtigen Exporte weiter. Zwei Verbände und ein Schweizer Traditionsunternehmen haben der Redaktion auf Anfrage erklärt, wie die Branche nun auf den starken Franken reagiert.
«Starker Franken setzt uns massiv unter Druck»
«Der starke Franken setzt unsere Branche massiv unter Druck», sagt Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik beim Verband Swissmem, der KMU und Grossfirmen in der Tech-Industrie vertritt. Der Wettbewerb habe sich verschärft, der Markt schrumpfe und die Aufträge seien rückläufig. So kommt es zu Entlassungen: Die über 220-jährige Maschinenbaufirma Rieter baut bis zu 900 Stellen ab, das Biotechnologieunternehmen Idorsia bis zu 500, die Medizinaltechnikfirma Flawa rund 50.
Es drohen weitere Entlassungen
Der starke Franken bringe Schweizer Firmen nun noch einen zusätzlichen Nachteil gegenüber den Anbietern in der Eurozone, so Kohl. So stellt sich die Frage, wann der Franken für die Industrie zu stark wird und einen weiteren Stellenabbau provoziert. Eine Schmerzgrenze könne er nicht nennen, sagt Kohl, für Entlassungen gebe es immer mehrere Gründe. Der Franken sei um rund sieben Prozent überbewertet, nimmt man die von der UBS berechnete Kaufkraftparität als Massstab. Das könne die Industrie auch mit Kostensenkungsmassnahmen und Effizienzsteigerungen nicht so schnell wettmachen, sagt Kohl.
Letztes Mittel: Jobs ins Ausland verlagern
Die Frankenaufwertung belaste sein Unternehmen stark, sagt auch Peter Fischer, der Verwaltungsratspräsident der Schweizer FIR-Gruppe, die Kundinnen und Kunden aus der Bau-, Elektro- und Automobilindustrie bedient. Er spricht von einem «toxischen Cocktail»: Wichtige Märkte wie Deutschland und China seien in einer Rezession, so hätten die Schweizer Firmen weniger Einnahmen und weniger Geld für neue Investitionen in der Schweiz. Noch effizienter und kostengünstiger zu werden und noch mehr zu automatisieren, sei schwierig. So bleibe vielen Firmen am Ende wohl nichts anderes übrig, als Arbeitspätze ins günstigere Ausland zu verlagern.
Starker Franken - werden die Rufe aus der Wirtschaft nun lauter?
«Der Schweizer Franken ist zwar stark, doch die Preise sind im Ausland viel stärker gestiegen als in der Schweiz», sagt Elias Hafner, Währungsspezialist bei der Zürcher Kantonalbank. Der Wettbewerbsnachteil für die Schweizer Exportwirtschaft habe darum kaufkraftbereinigt nicht so stark zugenommen, wie es auf den ersten Blick aussieht. «Es würde mich aber nicht überraschen, wenn die Rufe der Wirtschaft nun lauter werden», sagt Hafner.
Kurzarbeit als Ausweg
Kohl geht davon aus, dass die Gesuche für Kurzarbeit in der Industrie nun zunehmen. Bei Swissmem gebe es jetzt zumindest mehr Anfragen aus ihrer Mitgliedschaft zum Thema, die sich vor allem um rechtliche Dinge drehten. Daten vom Staatssekretariat für Wirtschaft gibt es dazu noch keine, die neuesten sind vom Oktober 2023. In der Maschinenindustrie nutzten damals zum Beispiel 244 Firmen die Kurzarbeit, so kam es zu 14'293 Ausfallstunden.
Musste dein Arbeitgeber schon mal zur Kurzarbeit greifen?
Muss die SNB nun eingreifen?
Muss die Schweizer Nationalbank (SNB) jetzt gegensteuern? Jein, sagt Kohl. Swissmem stehe zur Unabhängigkeit der Nationalbank. Die SNB habe einen klaren Gesetzesauftrag: Sie müsse in erster Linie die Preisstabilität gewährleisten. In ihrem Mandat stehe aber auch, dass sie dabei die konjunkturelle Entwicklung berücksichtigen müsse. Die SNB solle ihren Spielraum nutzen, selbstverständlich ohne die Preisstabilität zu verletzen, sagt Kohl.
Freihandelsabkommen machen Hoffnung
Immerhin gebe es auch positive Entwicklungen für die Industrie, etwa das neue Freihandelsabkommen mit Indien, sagt Kohl. Es vereinfache für die Schweizer Firmen den Zugang zum Markt und verbessere die Handelsbeziehungen mit einem wichtigen Handelspartner. Nun hofft Kohl, dass der Bund auch das Freihandelsabkommen mit China aktualisieren wird.
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