Männlichkeitsideale«Macho» oder «Softie»? Ein Streitgespräch über Männlichkeit
Werden Männer heute benachteiligt? Wie hat ein Mann zu sein? Markus Theunert und Thomas Jakaitis haben dasselbe Ziel - und sind sich doch in vielem uneins.
Darum gehts
Sind Männer in der heutigen Gesellschaft eher benachteiligt oder bevorzugt? Thomas Jakaitis und Markus Theunert diskutieren.
Die beiden verfolgen zwar ein gemeinsames Ziel von Gleichstellung und Wahlfreiheit – trotzdem zeigen sie sich in vielen Hinsichten uneinig.
Für Jakaitis steht fest: Männer haben es in Familienangelegenheiten schwieriger als Frauen.
Theunert hingegen ist der Meinung, dass viele Institutionen immer noch patriarchalisch geprägt und auf Männer ausgerichtet sind.
Die Frage, wie ein Mann heute zu sein hat, wird oft und teils hitzig diskutiert. Thomas Jakaitis ist Präsident der Interessengemeinschaft getrennt lebender und geschiedener Männer, IGM Schweiz. Für ihn ist klar: Das Matriarchat in der Familie benachteiligt den Mann. Anders sieht das Markus Theunert, Präsident von männer.ch. Für ihn ist es das Patriarchat, das bekämpft werden muss. Ein Streitgespräch.
Wenn Sie entscheiden müssten: Lieber Macho oder Softie?
Theunert: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.
Jakaitis: Auch ich habe mit beiden Rollen Mühe.
Gut, dann frage ich so: Beschreiben Sie einen modernen Mann in drei Adjektiven.
T: Sorgsam, verbunden, privilegiensensibel.
J: Berufstätig, überzeugt, familieninteressiert.
Das Männlichkeitsideal vor 30 Jahren?
T: Erwerbsorientiert, durchsetzungsstark, kontrolliert.
J: Vollzeitarbeitend, stark, anerkannt.
Für Sie spielt die Erwerbstätigkeit früher wie heute eine zentrale Rolle, Herr Jakaitis?
J: Ja. Meiner Meinung nach hat sich wenig verändert, die Anforderung an die Erwerbstätigkeit und ans Prestige haben sich höchstens leicht abgeschwächt.
T: Das sehe ich etwas anders. Von den traditionell männlichen Attributen wird zwar tatsächlich noch vieles verlangt. Heute soll ein Mann aber eben auch fürsorglich, emotional kompetent und sorgsam sein. Teils widersprechen sich diese Ansprüche sogar. Das geht nicht auf, viele Männer sind davon überfordert.
J: Ich erlebe nur selten Männer, die von solchen Dingen überfordert sind. Die Diskussion um Geschlechter und Rollenbilder wird hauptsächlich in den Medien, von Aktivisten und Intellektuellen geführt. Der Durchschnittsmann hat andere Probleme, etwa, dass er in Familienfragen benachteiligt wird.
Welche Sichtweise entspricht deiner persönlichen Ansicht eher?
Sprechen wir zu viel über Männlichkeit, Herr Theunert?
T: Nein. Gerade junge Männer orientieren sich an den Männerbildern in der Gesellschaft, sie werden «zu Männern gemacht». Darum ist es wichtig, dass wir darüber sprechen. Was ich aber bestätigen kann: Auch bei uns drehen sich 80 Prozent der Erstberatungen um handfeste Themen wie Beziehungen und Scheidungen.
J: Eben. Und da werden Männer benachteiligt. Darüber sollten wir sprechen.
T: Das hängt aber untrennbar mit Rollenbildern zusammen. Wir müssen das Patriarchat aufbrechen, wenn wir echte Gleichstellung erreichen wollen.
J: Nein, das Patriarchat ist bereits aufgebrochen. Das Matriarchat in Familienfragen ist heute das Problem. Ein Beispiel: Nach einer Scheidung muss ein Mann für alternierende Obhut ein Betreuungskonzept vorlegen. Er muss also erst einmal beweisen, dass er fähig ist, seine eigenen Kinder zu betreuen. Bei der Mutter wird davon naturgemäss einfach ausgegangen. Die Frauen haben in der Familie eine Machtposition.
T: Ja, aber doch nur, weil die Männer überall sonst die Machtposition haben. Frauen werden in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt, weil in vielen anderen Bereichen eben noch patriarchale Denkweisen herrschen und der Mann bevorteilt wird.
Sie denken eher, dass Frauen in der heutigen Gesellschaft übervorteilt werden, oder Herr Jakaitis?
J: Ich finde schon, insbesondere, was den Bereich der Familie anbelangt. Es hat sich bereits viel zu ihren Gunsten verändert, sie haben keine Barrieren mehr in der Karriere oder wenn sie ein Unternehmen gründen wollen, was alles zweifellos so sein soll. Gleichzeitig müssen sie etwa keinen Militärdienst leisten und werden in Familienfragen übervorteilt.
T: Da klammerst du aber die ganzen strukturellen Benachteiligungen von Frauen aus: Ein Grossteil des Vermögens ist in Männerhand, die politische Macht liegt vorwiegend in den Händen von Männern, die Institutionen sind seit jeher männlich geprägt, Teile der Wissenschaft sind auf Männer ausgerichtet. Von einer Übervorteilung der Frauen kann definitiv nicht gesprochen werden.
J: Ich verstehe deine Argumentation, teile sie aber nicht. Ich bleibe dabei: Bei den Pflichten und im Bereich der Familie werden Männer benachteiligt. Frauen steht die Welt mehr offen.
T: Mir ist diese Beurteilung zu individualistisch.
Gibt es Dinge, die zwischen Frau und Mann immer unterschiedlich sein werden?
J: Das Ziel ist, dass sie in allen Bereichen gleichgestellt sind. Ob es dann noch Unterschiede geben wird, wenn sie überall frei wählen können und gleichgestellt sind, werden wir sehen.
T: Dieses Ziel teile ich. Und auch ich glaube, dass wir die Frage nach den Unterschieden erst dann beantworten können, wenn komplette Wahlfreiheit und Gleichstellung herrscht.
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