Auf Tiktok: Nein, dieses Video eines «Kugelblitzes» ist nicht echt

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Banale ErklärungNein, dieses Video eines «Kugelblitzes» ist nicht echt

Auf Tiktok kursiert derzeit ein Video, das den Hashtags und Kommentaren zufolge einen Kugelblitz zeigen soll. Dabei hat der Urheber vor einigen Jahren schon erklärt, was hinter der beeindruckenden Szene steckt.

Ein unter anderem auf Tiktok verbreitetes Video soll einen Kugelblitz zeigen. So vermuten es zumindest die Kommentarschreibenden. Der User, der das Video im Januar 2023 hochgeladen hat, rückt diesbezüglich keine klaren Informationen raus. 
Wenn er das täte, müsste er den Kommentierenden widersprechen. Denn der Urheber des Clips, Andrei Trukhonovets, kennzeichnet unter dem Originalvideo auf Youtube aus dem Jahr 2019, dass nicht die Realität zu sehen ist. Das «CGI» im Videotitel steht für «computer generated imagery» – computergeneriertes Bildmaterial.
Dass der vermeintliche Kugelblitz computergeneriert ist, betont Trukhonovets auch in den Kommentaren unter dem Youtube-Video. Er schreibt unter anderem: «Dieses Video wurde erstellt, als ich gerade anfing, Computergrafik zu lernen, daher hat es hier und da eine Menge Fehler, und ich denke, wenn jemand aufmerksam hinschaut, sind diese Fehler deutlich sichtbar.»
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Ein unter anderem auf Tiktok verbreitetes Video soll einen Kugelblitz zeigen. So vermuten es zumindest die Kommentarschreibenden. Der User, der das Video im Januar 2023 hochgeladen hat, rückt diesbezüglich keine klaren Informationen raus. 

Screenshot Tiktok

Darum gehts

  • Würde ein derzeit viral gehendes Tiktok-Video das zeigen, was die Kommentarschreibenden vermuten, wäre es eine Sensation. 

  • Doch der Clip zeigt weder einen Kugelblitz noch ist er aktuell. 

  • Produziert hat das Video ursprünglich der Belarusse Andrei Trukhonovets – mithilfe von Computersimulation und visuellen Effekten. 

  • Das hat er auch unter dem Originalclip vermerkt. 

«WTF?» Diese drei Buchstaben zieren das Video, das derzeit auf Tiktok innert weniger Tage Zehntausende Male angeschaut und fleissig geteilt wurde. Es zeigt eine leuchtende Kugel, die wie von Geisterhand über mehrere Zuggleise wabert, wobei immer wieder Blitze von ihr abgehen (siehe Video). Für viele Kommentarschreiberinnen und -schreiber ist die Sache klar: Das muss ein Kugelblitz (siehe Box) sein. Doch: Dem ist nicht so. Die Kugel ist nicht echt. Es ist kein Naturphänomen zu sehen. Es handelt sich um einen von vielen Tiktok-Clips, die nicht das zeigen, was der Realität entspricht.

Was sind Kugelblitze?

Die zahlreichen Aussagen über Kugelblitze – in den letzten drei Jahrhunderten wurden über 2000 Sichtungen gemeldet – sind widersprüchlich: Berichtet wird von gelben bis rötlichen Kugeln mit bis zu 20 Zentimetern Durchmesser, die stillstehen oder sich langsam bewegen, manchmal lautlos, manchmal zischend. Auch das Durchdringen von Wänden oder ein Rollen über den Fussboden wird als Merkmal genannt. Nach einigen Sekunden oder gar Minuten sollen diese Phänomene wieder verschwinden – entweder geräuschlos oder mit einem lauten Knall. Das Erscheinen der Kugel wird dabei oft mit einem Blitzeinschlag in Zusammenhang gebracht.

So auch in der frühesten dokumentierten Aufzeichnung aus dem Jahr 1638. Damals soll «ein grosser Feuerball» durch das Fenster einer englischen Kirche geschossen sein und 60 Menschen verletzt und vier weitere getötet haben. Glimpflicher ging da ein «Kugelblitz-Einschlag» in der Kirche im schweizerischen Wolfwil 200 Jahre später aus, zu dem es ebenfalls während eines Unwetters kam: Alle Personen überlebten, nur Altar und Turm nahmen Schaden. Alle Schilderungen haben miteinander gemein, dass sie auf Augenzeugenberichten basieren. Die Existenz von Kugelblitzen ist somit nicht endgültig bewiesen. Vorhandene Fotos seien sehr unscharf und könnten auch Kometen, Meteore oder Feuerwerkskörper zeigen, schrieb das Max-Planck-Institut im Jahr 2020. In wissenschaftlichen Erklärungsansätzen spielen entweder elektrische und magnetische Felder oder chemische Energie eine Schlüsselrolle. Auch Halluzinationen wurden ins Gespräch gebracht. 

Ein zeitgenössischer Holzschnitt von «The Great Thunderstorm», England, 1638.

Ein zeitgenössischer Holzschnitt von «The Great Thunderstorm», England, 1638.

Wikimedia Commons/PD

Weder aktuell noch echt

Das Video vom mysteriösen Lichtball ist alles andere als aktuell, wie die umgekehrte Bildersuche zeigt. Es stammt vom belarussischen Youtuber Andrei Trukhonovets, der es im Mai 2019 in einer zwei Sekunden längeren Version auf die Videoplattform hochgeladen hat. In dem Clip ist noch zu sehen, wie die Lichtkugel am Ende explodiert (archivierte Version).

Trukhonovets hat dem Original eine – zugegeben – irreführende Beschreibung verpasst: So heisst es dort in kyrillischen Buchstaben: «Eines Tages ging ich während eines Gewitters an den Gleisen entlang und plötzlich hörte ich ein Knacken. Ich drehte mich um und sah eine blau-violette Kugel hinter einer Böschung hervortreten.» Es klingt tatsächlich so, als habe sich das zu Sehende tatsächlich zugetragen. Im Videotitel aber findet sich ein deutlicher Hinweis darauf, dass dem nicht so ist.

Zwar heisst es auch dort «Ein Blitz in der Nähe der Eisenbahnschienen», aber im Titel finden sich auch die drei Buchstaben «CGI». Diese stehen für «computer generated imagery», was so viel wie computergeneriertes Bildmaterial bedeutet. Konkret handelt es sich um den englischen Fachausdruck für mittels 3-D-Computergrafik erzeugte Bilder im Bereich der Filmproduktion, der Computersimulation und visueller Effekte. Die Aufnahmen sind also nicht echt.

Urheber verwundert über Fake-News-Beiträge

Dass der vermeintliche Kugelblitz nicht echt ist, sondern computergeneriert, betont Urheber Trukhonovets auch noch einmal in den Kommentaren unter dem Youtube-Video. In diesen zeigt er sich erstaunt, dass Menschen das Video in dem Glauben teilen, es sei echt: «Dieses Video wurde erstellt, als ich gerade anfing, Computergrafik zu lernen, daher hat es hier und da eine Menge Fehler, und ich denke, wenn jemand aufmerksam hinschaut, sind diese Fehler deutlich sichtbar.»

Auf Anfrage des AFP-Faktencheck-Teams im Jahr 2020 erklärte er, während seines Computergrafik- und Visuelle-Effekte-Studiums ein Computerspiel aus der Metro-Reihe gespielt zu haben. Dadurch sei er auf das Thema gekommen: «Das Game ‹Metro 2033›, das von einem gleichnamigen Buch abgeleitet ist, zeigt ein kugelblitzähnliches Phänomen namens ‹Anomaly›.»

Falschbehauptung kursierte früher schon

Dem Irrtum, der im Video zu sehende «Kugelblitz» sei echt, sind schon früher Menschen aufgesessen. Wirklich breit streute die Falschbehauptung die Facebook-Seite Cambio Digital im Januar 2020: «Dies ist ein Kugelblitz, besser bekannt als Szintillation. Sie sind enorm selten und eigenartig.» Die falsche Botschaft erreichte mehrere Millionen Menschen: Das Video wurde über vier Millionen Mal angeschaut und über 135’000 Mal geteilt. Schon damals klärten Faktencheckerinnen und Faktenchecker von unter anderem Snopes.com und AFP über die wahren Hintergründe auf. Der Clip ist auf Facebook seither als Fehlinformation gekennzeichnet.

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