Bodenoffensive im Libanon: Experten warnen vor Eskalation

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Offensive im Libanon«USA setzen auf militärische Karte»: Gefahr von Flächenbrand wächst

Israel startete eine «begrenzte Bodenoffensive» im Libanon. Experten warnen vor einer Eskalation des Nahost-Konflikts und kritisieren, dass sich die USA nicht ernsthaft um Frieden bemühten.

Israels begrenzte Bodenoffensive im Libanon hat laut Experten Roland Popp und Jan Busse das Potenzial, den Nahost-Konflikt weiter eskalieren zu lassen.
Popp und Busse warnen, dass die Achse des Widerstands geschwächt wurde und der Iran auf die Offensive reagieren könnte.
Dabei könnte der Iran auf indirekte Angriffe setzen, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden.
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Israels begrenzte Bodenoffensive im Libanon hat laut Experten Roland Popp und Jan Busse das Potenzial, den Nahost-Konflikt weiter eskalieren zu lassen.

Marwan Naamani/dpa

Darum gehts

  • Die Gefahr eines Flächenbrandes nach der Bodenoffensive Israels im Libanon ist laut Experten so hoch wie selten zuvor.

  • Das Netzwerk des Irans im Osten, die sogenannte «Achse des Widerstands», sei durch Israels Offensive geschwächt worden.

  • Dies mache laut Experten eine Reaktion Irans wahrscheinlicher.

  • Sie vermuten, dass der Iran weiterhin indirekte Angriffe ihrer Mitstreiter bevorzugt, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden.

Israel hat in der Nacht auf Dienstag eine «begrenzte Bodenoffensive» im Libanon gestartet. Die israelische Luftwaffe und die Artillerie unterstützten die Bodentruppen mit präzisen Angriffen auf militärische Ziele im Südlibanon. Was dies für den Nahostkonflikt bedeutet, erklären die zwei Experten Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München und Roland Popp von der Militärakademie an der ETH Zürich.

Wie sieht die Bodenoffensive Israels aus?

Jan Busse erwartet, dass die israelische Offensive vorerst begrenzt bleiben wird, um nicht zu viele militärische Ressourcen zu binden: «Israel wird versuchen, Raketenabschussbasen der Hisbollah und Waffenlager zu zerstören, um die Hisbollah von der israelischen Grenze zurückzudrängen.» Ein weiteres Ziel sei es, die Evakuierung von rund 60’000 bis 70’000 Bewohnern im Norden Israels rückgängig zu machen, die aufgrund von Raketenangriffen der Hisbollah ihre Heimat verlassen mussten.

Ist die sogenannte «Achse des Widerstands» nun geschwächt?

Davon geht Busse aus: «Die Hisbollah war das Kronjuwel der Iraner und ein zentrales Element ihrer Abschreckung gegenüber Israel», erklärt Busse. Dieser Abschreckungseffekt sei nun zumindest vorübergehend verloren gegangen.

20min/Taddeo Cerletti

Wie wird der Iran nun reagieren?

Die Reaktion des Iran sei schwer vorherzusehen, so Busse. «Es ist wahrscheinlich, dass der Iran Israel über seine Stellvertreter der ‹Achse des Widerstands› angreifen wird, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden.» Laut Roland Popp macht das auch aufgrund der geografischen Distanz Sinn: «Keine der beiden Mächte kann auf diese Distanz entscheidend militärisch gegen die andere vorgehen.» Es bleibe daher auf Dauer eher eine Art Schattenkrieg. «Allerdings gibt es viele amerikanische Ziele im Persischen Golf, die der Iran angreifen könnte.»

Laut Busse ist eine weitere Möglichkeit, dass Teheran das Bestreben, eine Atombombe zu entwickeln, beschleunigen könnte. So hätte die Regierung wieder ein Abschreckungselement gegenüber Israel und der USA. Gleichzeitig sei es nicht ausgeschlossen, dass der Iran zusammen mit der Hisbollah weltweit jüdische oder israelische Ziele angreifen könnte. «Das gab es in der Vergangenheit schon», erinnert Busse.

Und was ist die Rolle der USA?

Popp sieht die Unterstützung der USA für Israel als fast bedingungslos an. Die öffentlichen Ermahnungen der USA an Israel könne man ignorieren, das sei nach vielen Monaten ohne jeden Druck auf Israel im Gazakrieg reines Theater: «Nun hat man Israel sogar öffentlich eine Art Flankenschutz gewährt und dem Iran offen mit einem Kriegseintritt gedroht», wovon Popp selbst überrascht gewesen sei. «Falls das alles der Abschreckung dienen soll, ist es ein Spiel mit dem Feuer.»

Beunruhigend sei zudem die Rolle von Präsident Biden, den er als sogenannte «lame duck» bezeichnet: «Seine politische Karriere geht zu Ende und er muss nicht mehr auf die Wähler achten. Die USA seien in diesem Gesamtkonflikt keine Partei, die sich ernsthaft um Frieden bemühe: Sie verfolgen hier eigene strategische Ziele und setzen ganz offenkundig auf die militärische Karte.»

Droht nun ein Flächenbrand?

«Wir waren dem Risiko eines Flächenbrandes in der Region selten so nah wie heute», warnt Busse. Die Gefahr einer weiteren Eskalation sei nur schwer einzuschätzen, weswegen es umso wichtiger sei, dass die Akteure mit Einfluss auf die Konfliktparteien alles daran setzen, diese Eskalation zu verhindern.

Welche Länder könnten in den Konflikt eingreifen?

Eine weitere Verschärfung des Konflikts sei laut Busse durch die Verbündeten der «Achse des Widerstands» wahrscheinlich. «Wir sehen bereits Angriffe der Huthis aus dem Jemen auf Israel sowie das Potenzial, dass schiitische Milizen aus dem Irak und Syrien in den Konflikt eingreifen.»

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