ÖV-Revolution«Es ist eine Zumutung, dass ich mich vor dem Reisen festlegen muss»
Statt das Billett im Voraus zu kaufen, könnte es ab 2027 ein Pay-as-you-go-Modell geben. Der Konsumentenschutz ist entsetzt.
Darum gehts
Die Alliance Swisspass will nach 100 Jahren das Ticketsystem revolutionieren.
Wie bei Easyride soll ein System automatisch eine Abrechnung der zurückgelegten Distanz erstellen.
Derzeit läuft die Pilotphase.
Die ÖV-Branche ist an einem Projekt für ein neues Ticketsystem dran. Statt vor der Reise das Billett zu kaufen, soll das neue System die zurückgelegte Strecke der Passagierinnen und Passagiere abrechnen, ähnlich wie bei Easyride, das in der App automatisch eine Abrechnung macht.
Es soll aber nicht wie bei Easyride nur die gefahrene Distanz für einen Tag erkennen und daraus den Preis berechnen. Das neue System soll etwa per App oder Swisspass-Karte den ÖV-Konsum über einen längeren Zeitraum abrechnen, ob monatlich oder jährlich ist noch nicht festgelegt.
Das Ende des Tarif-Wirrwarrs?
«Manche Billett-Produkte gibt es seit 100 Jahren, jetzt wollen wir in die nächste Generation gehen und digitaler werden», sagte Projektleiter Nick Balmer von der Branchenvereinigung Alliance Swisspass an einem Medienhintergrundgespräch am Mittwoch.
Die Pandemie habe gezeigt, dass man nicht mehr jeden Tag sein Abo brauche. Auch Zonentarife seien nicht zeitgemäss, weil man nicht die ganze Zone brauche. Derzeit seien die Tarife zudem je nach Verbund unterschiedlich und kompliziert. Deshalb soll es neu einen einheitlichen Grundtarif geben.
Wer viel fährt, bezahlt weniger
«Es ist eine Zumutung, dass ich mich vor dem Reisen festlegen muss, wie ich meinen Tag oder Monat gestalten muss», sagte der Co-Projektleiter Andreas Fuhrer übers bestehende System, wenn man ein Billett oder Abo kauft. Mit der neuen Lösung zahle man wie beim Taxi nach Kilometern. Aber im Unterschied zum Taxi werde es günstiger, je mehr Kilometer jemand fährt.
Je mehr man gefahren sei, desto mehr Mengenrabatt gebe es. Die Preise seien aber noch nicht festgelegt, dafür sei es noch zu früh. Sie sollten aber fair sein, so Projektleiter Bühler.
Konsumentenschutz ist «entsetzt»
Das Gegenteil von fairen Preisen befürchtet Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. «Ich bin entsetzt über die Entwicklung. Das ist Vernebelung, Vertuschung und Verwirrung der Konsumentinnen und Konsumenten», sagt Stalder zu 20 Minuten.
Der Konsumentenschutz werde sich mit allen Mitteln gegen diese geplante Intransparenz stellen, die zudem datenschutzrechtliche Fragen beinhalte und nicht digital-affin Reisende auszuschliessen drohe.
Seit Anfang Jahr läuft der Pilot für das Projekt Myride, beteiligt sind unter anderem Player wie Verbunde, Bund, Kantone und Städte. Alliance Swisspass prüft die Akzeptanz und befragt Passagierinnen und Passagiere in Interviews nach ihrer Meinung zum System, in Zürich werden auch manche von ihnen angeschrieben, ob sie es austesten möchten. ÖVV-Angestellte testen es bereits.
So erklärt Alliance Swisspass das System im Video
Am Hintergrundgespräch zeigte die Branchenvereinigung ein Video, wie das System funktionieren soll.
20 Minuten/Fabian PöschlWas hältst du vom neuen Plan der ÖV-Branche?
Um zu erkennen, womit und wohin die Passagierinnen und Passagiere unterwegs sind, braucht es ein Tracking wie bei Easyride. «Das ist hochkritisch, das muss anonym sein, damit es der Markt akzeptiert», sagt Balmer. Derzeit tüftle die Branche an der Infrastruktur.
Bis Ende 2024 soll das Projekt so weit sein, dass über eine Umsetzung entschieden werden kann. Wohl frühestens 2027 sei eine Einführung denkbar. Falls es dazu kommt, soll das jetzige Billett-System mit GA und Halbtax zumindest für eine gewisse Zeit noch erhalten bleiben, aber nicht ewig.
Pay as you go wie in London oder Paris
In Städten wie London, Paris oder München gibt es bereits sogenannte Pay-as-you-go-Modelle, bei denen nach zurückgelegter Distanz abgerechnet wird. Speziell am Schweizer System ist laut Alliance Swisspass, dass nicht nur ein Transportunternehmen, sondern Hunderte und mehrere Verbunde zusammen funktionieren sollen. So soll das System erkennen, wenn jemand im Tram in Bern, im Intercity der SBB oder im Schiff in Luzern fährt. Das sei eine besondere Herausforderung. Die Kosten für das neue System könnten aber deutlich geringer sein als das jetzige Modell.
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