Gender-Umfrage: «Rechte skandalisieren den Genderstern gezielt»

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Sprachwissenschaftler«Rechte skandalisieren den Genderstern gezielt»

Der Genderstern hat in der Schweiz einen schweren Stand, nur fünf Prozent bevorzugen ihn. Drei Viertel achten generell nicht auf gendergerechte Sprache. Sprachwissenschaftler Noah Bubenhofer ordnet ein. 

Der Genderstern fällt bei der Schweizer Bevölkerung durch. 
Für Sprachwissenschaftler Noah Bubenhofer ist klar: Das hat auch mit einer Skandalisierung durch rechte Kreise zu tun.
Diskussionen rund um das Thema Gender und gendergerechte Sprache zogen jüngst viel Aufmerksamkeit auf sich. Bild von einer Demo für den 3. Geschlechtseintrag. 
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Der Genderstern fällt bei der Schweizer Bevölkerung durch. 

Tamedia AG/Urs Jaudas

Darum gehts

  • Die Debatte um gendergerechte Sprache interessiert drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer nicht, wie eine Umfrage von 20 Minuten und Tamedia zeigt. 

  • Ebenfalls drei Viertel geben an, eher nicht oder gar nicht auf gendergerechte Sprache zu achten. 

  • Nur fünf Prozent der Schweizerinnen und Schweizer bevorzugen den Genderstern. 

  • Sprachwissenschaftler Noah Bubenhofer ordnet ein. 

Drei Viertel der in der Schweiz lebenden Bevölkerung erachten gendergerechte Sprache als nicht wichtig und achtet beim Sprechen und Schreiben nicht darauf. Nur fünf Prozent bevorzugen den Genderstern. Sind die vielen teils gehässigen Diskussionen rund um das Thema Gender also nur heisse Luft? Wie verändert sich Sprache und weshalb können einzelne Satzzeichen so viel Unmut auslösen? Ein Gespräch über den Wandel der Sprache, politische Instrumentalisierung und gesellschaftliche Veränderungen.

Weshalb kann ein kleiner Genderstern die Gemüter derart erhitzen?

Noah Bubenhofer*: Wir beobachten eine Instrumentalisierung durch die Politik. Vielen ist gar nicht bewusst, dass dieser Stern letztlich ein Ergebnis einer Entwicklung zu einer liberaleren Gesellschaft ist, die wir wohl fast alle toll finden: Wer schwul ist, muss sich nicht verstecken, Unverheiratete dürfen zusammen wohnen und wenn ein Mensch sich in seiner Identität unwohl fühlt, darf er das sagen und kriegt Hilfe.

Also geht es nur um politische Instrumentalisierung?

Nein, es kommt ein zweiter Aspekt hinzu: Wir alle haben in der Schule Rechtschreibung und Grammatik gelernt. Fehler führten zu schlechten Noten. Deshalb haben wir Mühe damit, wenn die Regeln geändert werden. Es gibt da aber ein grosses Missverständnis: Wenn ich Stern oder Doppelpunkt verwende, dann ist das keine Frage der Rechtschreibung, sondern des Stils. Gendern ist freiwillig. Ich mache es dann, wenn ich finde, dass es für mein kommunikatives Ziel angemessen ist.

Ist die Debatte um den Genderstern eine Stellvertreterdebatte?

Es ist sicher so, dass gewisse Kreise aus der politischen Rechten den Genderstern gezielt skandalisieren. Als Linguist stelle ich fest, dass Diskussionen zu Sprache immer wieder die Gemüter erhitzen, weil dahinter natürlich oft auch gesellschaftliche Veränderungen stecken.

Sascha (30) ist non-binär. Bei der Arbeit im Restaurant stellt dies Sascha oft vor eine Herausforderung.

20min/Janina Schenker

Einer Mehrheit scheint gendergerechte Sprache nicht wichtig zu sein. Überrascht Sie das?

Naja, ein Viertel findet die Debatte wichtig, ebenso viele achten beim Schreiben auf gendergerechte Sprache und ein Drittel befürwortet gendergerechte Sprache in der Öffentlichkeit. Das ist nicht wenig! Zudem sehen wir empirisch, dass Gendern weit verbreitet ist: Sogar typische SVP-Reden beginnen mit «Liebi Fraue und Manne» und «Sehr geehrte Damen und Herren» ist uns sehr geläufig.

Sogar typische SVP-Reden beginnen mit «Liebi Fraue und Manne».  

Was bedeuten die Ergebnisse für die Gleichstellungsbemühungen?

Empirische Studien zeigen deutlich, dass viele der gendergerechten Formen Frauen besser sichtbar machen. Der Effekt, dass sie auch non-binäre Personen besser sichtbar machen, ist wahrscheinlich kleiner, dazu gibt es aber noch zu wenige Studien.

Die Sprache ist nur einer von vielen Faktoren der Gleichstellung. Zudem hat der Sprachgebrauch auch noch andere Effekte: So sehen wir, dass der Genderstern gegenwärtig eben nicht nur Frauen und non-binäre Menschen sichtbarer macht, sondern immer auch eine gesellschaftliche Positionierung ist. Aber das ist Sprache immer: Wenn ein Politiker eine Rede mit «liebe Fraue und Manne» beginnt, positioniert er sich auch.

Kaum Akzeptanz erfahren alternative Schreibweisen wie der Genderstern. Braucht es andere Formen von genderneutraler Sprache?

Das Binnen-I wird nicht mehr akzeptiert, weil es ein binäres Geschlechterverständnis repräsentiert. Mit allen anderen Formen müssen wir einfach experimentieren und sehen, welche sich für welche Zwecke und welche Situationen bewähren.

Wichtig ist die Unterscheidung von privatem und beruflichem Umfeld: Wenn Sie bei einer Bank arbeiten, dann müssen Sie sich einer Unternehmenssprache beugen. Wenn die Bank merkt, dass sie bestimmte Menschen mit «Sehr geehrte Kunden» nicht mehr anspricht, dann wird sie das schnell anpassen und vielleicht zu «Liebe Kund*innen» wechseln.

Haben es sprachliche Veränderungen am Anfang immer schwer?

Sprachliche Veränderungen passieren laufend, das ist ganz normal. Wenn ich der Stadtverwaltung eine E-Mail schreibe, muss ich nicht mehr «Hochgeehrte, gnädige Herren und Oberen» als Anrede und «untertänigster pflichtschuldigster Diener» als Gruss verwenden wie im 17. Jahrhundert, weil sich unser Verhältnis zur Stadtverwaltung verändert hat. Daher werden sich auch in Zukunft neue Formen der Ansprache von Menschen entwickeln.

*Noah Bubenhofer ist Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Zürich.

Die Umfrage

30’754 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 28. und 29. März 2023 an der Umfrage zu Sprache, Geschlecht und zur Diskussionskultur in der Schweiz von 20 Minuten und Tamedia teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,0 Prozentpunkten.

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