Umweltchemiker«Auch die Schweiz hat das PFAS-Problem vernachlässigt»
Der Kanton St. Gallen reagiert auf die hohen PFAS-Werte in gewissen Lebensmitteln und erlässt ein Verkaufsverbot. Laut einem Umweltchemiker muss die Verwendung dieser Chemikalien stark eingeschränkt werden.
Darum gehts
In St. Gallen wurden hohe PFAS-Werte in Lebensmitteln festgestellt, was den Kanton dazu veranlasst hat, ein Verkaufsverbot für belastete Produkte zu verhängen.
Laut dem Umweltchemiker Martin Scheringer ist nicht nur St. Gallen betroffen.
Scheringer weist darauf hin, dass die Sanierung von PFAS-Kontaminationen schwierig und teuer ist, und betont die Notwendigkeit, die Verwendung dieser Chemikalien stark einzuschränken.
Teile von St. Gallen weisen sehr hohe PFAS-Werte in ihren Böden auf. Nun reagiert der Kanton auf die Fluorchemikalien und verhängt ein Verkaufsverbot für Lebensmittel, die eine zu hohe Belastung aufweisen. Der Bund hat Grenzwerte definiert für tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch und Eier, die seit Februar gelten. Seit August sind die Vorgaben verbindlich.
Martin Scheringer forscht seit Jahren an PFAS. Der Privatdozent am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich und Professor für Umweltchemie an der Masaryk-Universität in Brünn, Tschechien, beantwortet die wichtigsten Fragen.
St. Gallen verhängt jetzt als erster Kanton Massnahmen. Gibt es das Problem nur dort?
Nein, in der Schweiz sind mehrere Gebiete betroffen. Allerdings sind die Konzentrationen der PFAS unterschiedlich hoch. Von der Höhe der Konzentrationen hängt es ab, ob man zum Beispiel Milch und Fleisch noch konsumieren kann. In St. Gallen hat der Kanton jetzt aufgrund der hohen Konzentrationen den Verkauf verboten.
Diese Orte sind betroffen
Die Karte des «Forever Pollution Project» zeigt europaweit, wo eine PFAS-Kontamination bekannt ist. Ein Blick auf die Schweiz zeigt, die Fluorchemikalien kommen in weiten Teilen des Landes vor. Eine Konzentration der betroffenen Orte gibt es aber im Wallis, in Basel, Zürich und St. Gallen. Die höchsten PFAS-Level weist laut dem Projekt ein Feuerwehrplatz in Obergoms, VS, mit fast 20 Mikrogramm pro Kilogramm auf.
Wenn mehrere Gebiete betroffen sind, wieso hat man bisher nicht gehandelt?
Die Schweiz, aber auch die EU und andere Länder, haben das Problem ein Stück weit vernachlässigt. Es hat schon seit vielen Jahren Hinweise gegeben, dass hier ein Problem «lauert», aber der rechtliche Rahmen hat bisher wohl kein Eingreifen erfordert oder ermöglicht.
Welche Probleme bringen PFAS mit sich?
PFAS lösen viele verschiedene Probleme aus: Unter anderem sind einige von ihnen krebserregend, können zu Schädigungen an Leber, Niere, Schilddrüse oder des Fettstoffwechsels führen. Zudem führen sie zu verminderter Immunantwort, zum Beispiel nach Impfungen, führen zu tieferen Spermienzahlen bei Männern, und weiteres mehr.
Bereiten dir PFAS Sorgen?
Muss man sich als Konsument jetzt Sorgen machen? Wer ist gefährdet?
Das lässt sich so allgemein nicht sagen, weil es von der Konzentration der PFAS abhängt, die man aufnimmt, sowie von der Zeitdauer der Aufnahme: Alle diese Wirkungen sind chronische Effekte, die nach längerer Aufnahme von PFAS auftreten. Zudem gibt es in der Bevölkerung ganz unterschiedlich empfindliche Gruppen von Menschen: Säuglinge und kleine Kinder sind zum Beispiel empfindlicher als gesunde Erwachsene. Aber auch bei Erwachsenen gibt es Unterschiede.
Es ist wichtig, die Verwendung von PFAS stark einzuschränken.
Kann man was gegen das Problem tun?
Massnahmen gibt es sozusagen an beiden Enden des Problems. Vorhandene Kontaminationen kann man versuchen zu sanieren: Extraktion von PFAS aus dem Grund- und Trinkwasser, Bodenwäsche, im schlimmsten Fall Ausheben des Bodens und Verbrennung in Hochtemperatur-Verbrennungsanlagen.
Das ist jedoch sehr aufwendig und teuer und nur in begrenztem Umfang möglich. Grosse kontaminierte Flächen kann man hingegen nicht sanieren. Das andere Ende des Problems beziehungsweise seine Wurzel ist die Verwendung und Freisetzung von PFAS. Es ist wichtig, die Verwendung von PFAS stark einzuschränken, damit genau solche Freisetzungen nicht mehr passieren. In der EU wird eine solche Beschränkung zur Zeit von den Behörden vorbereitet.
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