Walkie-Talkies explodieren im Libanon: Wie ist das möglich?

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Experte ordnet einJetzt explodieren auch Walkie-Talkies – wie ist das möglich?

Am Dienstag Pager, am Mittwoch Walkie-Talkies. Eine Serie von Explosionen erschüttert den Libanon. Schützen kann man sich vor solchen Angriffen kaum.

Cybersecurity-Experte Marc Ruef von der scip AG erklärt, wie solche Angriffe auf Pager und Walkie-Talkies möglich sind.
Zum Angriffsszenario auf Walkie-Talkies erklärt Ruef: «Walkie-Talkies benutzen auch Protokolle, die halt nicht übers Internet, sondern über den Äther geschickt werden. In Bezug auf das Angriffsverhalten unterscheiden sie sich eigentlich wenig von anderen Funktechnologien, wie zum Beispiel Bluetooth oder Wifi.»
Besonders «exotische» Geräte wie Solarpanels oder Medizinalgeräte seien oft schlechter gesichert, da die Hersteller nicht damit rechneten, dass jemand gezielt Angriffe darauf ausüben könnte.
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Cybersecurity-Experte Marc Ruef von der scip AG erklärt, wie solche Angriffe auf Pager und Walkie-Talkies möglich sind.

Scip AG

Darum gehts

  • Im Libanon sind nach Explosionen von Pagern und Walkie-Talkies mehrere Menschen gestorben und Tausende wurden verletzt.

  • Cybersecurity-Experte Marc Ruef erklärt, dass vernetzte Geräte über Protokolle kommunizieren, die Angriffsflächen bieten können.

  • Angriffe auf Funktechnologien wie Walkie-Talkies können aus Kilometern Entfernung ausgeführt werden.

Nach einer Serie von Explosionen, bei denen am Dienstag Pager und am Mittwoch Walkie-Talkies detonierten, starben im Libanon mehrere Menschen. Tausende wurden verletzt. Laut Berichten soll die Hisbollah-Miliz vor fünf Monaten Funkgeräte erhalten haben, gleichzeitig mit den offensichtlich manipulierten Pagern. Die Geräte dürften jeweils mit Sprengstoff präpariert worden sein.

Weiter gibt es Berichte, dass auch Solarpanels, Laptops, Handys und Autos explodiert sind. Unabhängig bestätigen lässt sich das nicht.

Besonders «exotische» Geräte oft schlechter gesichert

Cybersecurity-Experte Marc Ruef von der scip AG erklärt auf Anfrage von 20 Minuten, wie solche Angriffe auf Pager und Walkie-Talkies möglich sind: «Vernetzte Geräte kommunizieren über sogenannte Protokolle. Diese definieren die Sprache und die Struktur der Kommunikation. Ob und inwiefern sich ein Pager, Walkie-Talkie oder Solarpanel kompromittieren lassen, ist von der Sicherheit der Implementierung dieses Protokolls abhängig. Grundsätzlich kann man sagen, je komplexer ein Gerät bzw. dessen Kommunikationsfähigkeiten sind, desto grösser ist die Angriffsfläche.»

Besonders «exotische» Geräte wie Solarpanels oder Medizinalgeräte seien oft schlechter gesichert, da die Hersteller nicht damit rechneten, dass jemand gezielt Angriffe darauf ausüben könnte.

«Im Fall von Analogfunk reden wir schnell von Kilometern»

Zum Angriffsszenario auf Walkie-Talkies erklärt Ruef weiter: «Walkie-Talkies benutzen auch Protokolle, die halt nicht übers Internet, sondern über den Äther geschickt werden. In Bezug auf Angriffsverhalten unterscheiden sie sich eigentlich wenig von anderen Funktechnologien, wie zum Beispiel Bluetooth oder Wifi.»

Der Vorteil von Angriffen auf reine Funktechnologien sei, dass man reduzierte physische Voraussetzungen habe: Solange man in der «Nähe» des Empfängers sei, könne man diesen beeinflussen. «Im Fall von Bluetooth kann es sich um Meter handeln. Im Fall von Analogfunk reden wir schnell von Kilometern», erklärt Ruef.

Man kann sich kaum dagegen wehren

Wie kann man sich vor solchen Angriffen schützen? Geräte, die ausgeschaltet sind, lassen sich nur schwer beeinflussen. Zwar gebe es auch da Ansätze. «Die sind jedoch dermassen komplex und kostenintensiv, dass sie vorzugsweise gut ausgerüsteten Nachrichtendiensten vorbehalten sind», so Ruef.

Der Cybersecurity-Experte betont zudem, das Abschalten von Technologien, wie zum Beispiel Bluetooth und Wifi, könne die Angriffsfläche von einem Gerät mindern. Solange man aber kein
High-Value-Target ist, sei diese Massnahme im Alltag kaum zu
rechtfertigen. Ein Smartphone ohne aktivierte Funktionalitäten mache
sich nämlich «selber irgendwie überflüssig».

Alle internetfähigen Geräte bergen ein Risiko

Stellen alle internetfähigen Geräte eine potenzielle Gefahrenquellen dar? Ruef von der scip AG verweist auf die Risiken, die mit der zunehmenden Vernetzung einhergehen. Jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, stelle ein potenzielles Risiko dar, sei es ein Smartphone, ein vernetztes Auto oder sogar eine Bodenheizung, die im Falle einer Fremdsteuerung extrem erhitzt werden könnte. Damit würde eine Cyberattacke zu einer physischen Attacke ausgeweitet, wie die Pager- und Walkie-Talkie-Explosionen im Libanon gezeigt haben.

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