«Das ist doch hohl»«Alte weisse Männer?» Jetzt kontern sie die Boomer-Vorurteile
Sündenbock und Feindbild Nummer eins: der alte, weisse Mann. Betroffene haben zunehmend genug davon, dass junge Menschen sie oft pauschal in diesen Topf werfen. Jetzt setzen sie sich zur Wehr.
«Dank ihm hat unsere ganze Klasse eine Lehrstelle bekommen»: Das sagen Menschen über alte, weisse Männer.
20 MinutenDarum gehts
Die zunehmende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit männlichen Privilegien führt vor allem bei der jüngeren Generation zu Vorurteilen gegenüber alten, weissen Männern.
Männer, die sich dieser Gruppe nicht zugehörig fühlen, wehren sich gegen diese Pauschalisierung.
Sie reklamieren, dass nicht alle alten, weissen Männer kein Gehör für die Anliegen der Jungen haben.
Das Ziel dieser Auseinandersetzung sei eine gerechtere Gesellschaft.
Ein Experte erklärt, was dieser Ausdruck bedeutet und was er erreichen möchte.
Drei Wörter haben sich im Laufe der Zeit zu einer Herabwürdigung etabliert: alter, weisser Mann. Vor allem Jugendliche fordern, dass Männer, die ihre Macht und Privilegien verdrängen und den gesellschaftlichen Wandel belächeln, sich selbst kritischer hinterfragen. Das stösst jedoch nicht nur auf Offenheit – Männer der älteren Generation wehren sich vermehrt gegen die Pauschalisierung des «alten, weissen Mannes».
Viele Männer fühlen sich durch das Narrativ der alten, weissen Männer in den gleichen Topf geworfen. Dies bestätigt Markus Theunert vom Dachverband Männer- und Väterorganisationen: «Wir haben viele Äusserungen von Männern, die sich durch den Ausdruck ‹alte, weisse Männer› gekränkt fühlen.»
«Die meinen einfach, sie sind die ‹Siebesieche›»
Der Stereotyp, vor allem von der jungen Generation genutzt, wird immer mehr pauschalisiert. Darüber brüskieren sich teils Männer im gehobeneren Alter. Sie wollen nicht alle in denselben Topf geworfen werden – das wird in einer Strassenumfrage von 20 Minuten klar. «Die Jungen haben das Gefühl, die Alten seien konservativ und finden deshalb sowieso alles halb so toll, was sie machen. Das stimmt aber nicht», wehrt sich der 68-jährige Alfred aus Zürich.
Auch Martin aus Schlieren ist verärgert, dass er mit jenen, die dem Stereotyp entsprechen, verglichen wird und stellt sich diesem Vorurteil entgegen: «Das ist nur Propaganda und hohl in meinen Augen».
«Häufig verstehen sie die heutige Jugend nicht»
Es gibt aber ältere Männer, die die Kritik der Jungen an «alten, weissen Männern» verstehen. «Die meinen einfach, sie sind ‹Siebesieche› auf der Welt und nur sie können alles tun. Das ist einfach nicht so», so der 69-jährige Gabriel aus Sins AG. Auch Tobias (50) aus Zürich kann den Ärger der Jugendlichen nachvollziehen: «Ich unterstütze vieles von dem, was sie in die Kritik packen. Und hoffe, dass ich dann damit nicht angesprochen bin».
«Meistens hat man mit ihnen im negativen Sinn zu tun, weil sie nicht die Meinung der Mehrheit vertreten», erklärt Linda (28) aus dem Kanton Schwyz. Die Jugendlichen halten diese Männer für privilegiert, konservativ und machtbesessen und fordern, dass sie sich mit ihren Perspektiven auseinandersetzen. «Häufig verstehen sie die heutige Jugend nicht», meint die 18-jährige Angelique aus Zürich. Dagegen gilt auch unter den Jugendlichen, dass nicht allen der Stereotyp zugewiesen werden kann: «Mein Lehrer war auch weiss und älter – er hat mich auf meinem Weg und in der Lehre immer unterstützt und mir das Beste mitgegeben», so Sami (16) aus Zürich.
Der alte, weisse Man als Symbolbild
Wird den Männern die Gegnerschaft erklärt? «Nein, unsere Gegnerschaft ist das Patriarchat - also das System», so Juso-Präsident Nicola Siegrist. Der alte, weisse Mann sei ein Symbolbild für die Verteilung der Macht, in unserer Gesellschaft sei diese Gruppe grundsätzlich am mächtigsten.
«Wer sich weigert, die eigene Rolle anzuerkennen und nicht bereit ist, für eine gerechtere Gesellschaft seine Privilegien mit anderen zu teilen, darf aber kritisiert werden.» Nicht jeder falle zwangsläufig in diese Gruppe – aber wer sich mit dem Ausdruck ‹alter, weisser Mann› unfair angegriffen fühle, ignoriere die Ungleichheit, hält Siegrist fest.
Der Aufschrei der Jungen sei auch eine Einladung
Markus Theunert will die Männer aus älteren Generationen jedoch nicht völlig aus der Verantwortung entlassen. Nicht die Attribute «alt, weiss und männlich» seien das Problem, sondern die Verweigerung der kritischen Selbstbefragung. «Die jüngere Generation fordert zu Recht, dass sie sich mit Männlichkeit und Privilegien auseinandersetzen», so Theunert.
Der Aufschrei der Jungen sei auch eine Einladung, sich mit ungewohnten Perspektiven vertraut zu machen. «Ältere Männer mit geringem Einkommen fühlen sich nicht privilegiert, profitieren aber trotzdem von der patriarchalen Geschlechterordnung.» Es gehe etwa darum, unsichtbare Privilegien sehen zu lernen – etwa, dass Männer nachts alleine nach Hause gehen könnten, ohne Angst haben zu müssen. Theunert meint, man müsse untereinander den Dialog suchen. Ein Frontalangriff der Jungen und eine Abwehrhaltung der Alten sei gleichermassen wenig hilfreich.
Ist es ein Problem, dass viele alte, weisse Männer in Führungspositionen sitzen?
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