Exil-Iraner«Sind zerrissen zwischen Heimatliebe und Hass aufs Regime»
Internet und Telefonie sind blockiert, Informationen dringen kaum nach aussen. In der Schweiz sorgen sich Exil-Iranerinnen um ihre Familien – und um ihr Land.
Darum gehts
- Im Iran sind Internet und Telefon blockiert, was die Kommunikation mit dem Ausland erschwert.
- Exil-Iraner in der Schweiz sorgen sich um ihre Familien und die politische Lage im Iran.
- Diskussionen über die Auswirkungen einer möglichen Tötung von Khamenei sind im Gange.
- Ein Wandel im Iran wird als notwendig erachtet, aber er müsse von innen kommen, sagen mehrere Exil-Iraner.
Seit Tagen ist der Zugang zu Internet und Telefonie im Iran weitgehend lahmgelegt. Die Sicherheitsbehörden haben die Verbindungen gekappt – nur vereinzelt dringen noch Informationen nach aussen. Kaum Nachrichten, Videos, Anrufe: Laut Aktivistinnen und Aktivisten will das Regime so die Kontrolle über den Informationsfluss sichern. Viele im Ausland können ihre Angehörigen nicht erreichen – auch 20 Minuten hatte Mühe, Kontakt zu Menschen im Land herzustellen.
«Wir wissen nichts von unseren Familien – nur, damit das Regime die Bevölkerung besser kontrollieren kann», sagt eine 43-jährige Iranerin, die seit fünf Jahren in der Schweiz lebt und anonym bleiben möchte. Die Ungewissheit über die Lage im Land, die Angst um Angehörige – all das begleite sie unablässig, aber auch die Hoffnung.
Grossangriff am 13. Juni
«Ich schaue ständig auf mein Handy in der Erwartung, die Nachricht über Khameneis Tod zu lesen – und ich weiss, dass ich dann Freude empfinden würde. Nicht nur ich – auch meine Familie und meine Freunde im Iran.» Hintergrund ihrer Worte sind Aussagen aus Israel: Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, Ayatollah Ali Khamenei dürfe nicht «weiter existieren». Präsident Isaac Herzog relativierte – eine gezielte Tötung sei kein offizielles Kriegsziel. Er schloss aber nicht aus, dass dies «eine Nebenwirkung mit grossen historischen Konsequenzen sein könnte, die dem iranischen Volk zugutekommen würde.»
«Tötung Khameneis brächte Regime nicht automatisch zu Fall»
Auch Donald Trump äusserte sich auf Truth Social: Man wisse, wo sich Khamenei verstecke – er sei ein leichtes Ziel, aber «wir werden ihn nicht ausschalten (töten!), zumindest nicht im Moment». In der iranischen Diaspora sorgen diese Aussagen für Diskussionen – und für die Frage, ob die gezielte Tötung von Khamenei tatsächlich einen Wandel bringen könnte.
Demos in Iran und Region gegen Israel
Für Raha (42), die ebenfalls in der Schweiz lebt, ist das unwahrscheinlich: «Die Tötung von Khamenei könnte für einige wie ein Schlag gegen die Machtspitze wirken – aber sie würde das iranische Regime nicht automatisch zu Fall bringen.» Das System sei zu tief verankert. «Die Islamische Republik stützt sich auf ein komplexes Geflecht aus Sicherheits-, Geheimdienst- und Machtinstitutionen, allen voran den Revolutionsgarden», so Raha.
Zwischen erster Freude und Trauer
Für viele Menschen im Iran überwiegt derzeit das Leid, sagt Mahdi Rezaei-Tazik, iranisch-schweizerischer Historiker und Iranist. «Teheran steht unter Beschuss, die Menschen fürchten um ihr Leben. Protest ist aktuell undenkbar, auch weil das Regime alles sofort im Keim erstickt.» Viele Menschen seien aber auch von einem inneren Konflikt gelähmt: «Sie sind zerrissen zwischen der Liebe für ihre Heimat und dem Hass auf ein Regime, das sie seit Jahren unterdrückt.»

Nach erster Freude über die Angriffe nehme deshalb die Kritik am israelischen Vorgehen zu, sagt die in Prag lebende iranische Radiomoderatorin Golnaz Esfandiari gegenüber 20 Minuten. «Die Iraner sind ein stolzes und nationalistisch geprägtes Volk. Viele lehnen das Regime zwar ab, fürchten aber, dass das Land im Gefecht selbst zerstört wird. Sie sagen Nein zum Krieg – nicht zur Verteidigung des Regimes, sondern zum Schutz des Landes und dessen Zukunft.»

Angst vor Einmischung Trumps?
In der Nacht auf Sonntag haben die USA drei Atomanlagen im Iran angegriffen. Trotz der dramatischen Entwicklung zeigten sich viele Iraner, mit denen 20 Minuten zuvor gesprochen hatte, eher gelassen. «Israel hat schon angekündigt, dass die Urananreicherungsanlage Fordo zerstört werden soll. Dafür bräuchte es wohl die USA, weil sie die entsprechenden Waffen haben. Ich glaube nicht, dass dabei die Zivilbevölkerung zusätzlich leiden würde – das Ziel sind die Anlagen, nicht die Menschen», sagt Misaq (36), der seit 2017 in der Schweiz lebt.
Auch eine 43-jährige Iranerin beschreibt, wie ihre Mutter in Teheran die Lage sieht: «Sie sagt: Mach dir keine Sorgen, Netanyahu und Trump haben gesagt, dass sie nicht das Volk angreifen, sondern nur gezielte militärische Ziele.» Für die Tochter ist dieses Vertrauen bemerkenswert – sie selbst teile es nicht.

«Es ist unsere Entscheidung, unser Kampf – nicht die Aufgabe Israels oder der USA»
Worin sich aber alle einig sind: Ein Systemwandel im Iran kann nur von innen erfolgen. «Durch gesellschaftlichen Druck, durch Bildung, Solidarität und internationale Unterstützung für zivilgesellschaftliche Kräfte», sagt Raha. Auch Misaq formuliert es klar: «Es ist unser Kampf, nicht die Aufgabe Israels oder der USA. Veränderung muss von uns selbst kommen.» Sein Ziel: eine säkulare Regierung.
Ein Wunsch, den viele teilen, erklärt Rezaei-Tazik: «Das iranische Volk von heute unterscheidet sich stark von dem vor 45 Jahren. Die Ideologie des Regimes ist gescheitert, der Iran ist eines der säkularsten Länder der islamischen Welt geworden. Die Menschen wollen ein demokratisches System mit Trennung von Religion und Staat.»
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Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
