Abstimmung Liechtenstein«Abtreibungs-Verbot ist okay, solange wir in die Schweiz können»
Die letzte Abtreibungsdebatte führte in Liechtenstein zu einer Grundsatzdiskussion über die Macht der Monarchie. Das Thema hat nichts von seiner Sprengkraft verloren, wie eine Strassenumfrage in Vaduz zeigt.
Darum gehts
- In Liechtenstein wird voraussichtlich erneut über eine Initiative für eine Fristenlösung bei Abtreibungen abgestimmt.
- Erbprinz Alois hat bereits sein Veto angekündigt – wie schon 2011, als das Volk die Vorlage knapp ablehnte.
- Eine Strassenumfrage in Vaduz zeigt, wie heikel das Thema ist. «Ob es richtig oder falsch ist, soll jeder für sich entscheiden», findet Alek (41).
- Caroline (21) könnte indes gut mit dem Verbot leben, solange die Möglichkeit besteht, für Abtreibungen in die Schweiz zu gehen.
«Uhhh lieber nicht, es gibt hier viele Fürstentreue.»
«Wir sind ein kleines Land, da kennt jeder jeden.»
«Sorry, aber mein Chef hat eine andere Meinung.»
Abtreibungen sind schon per se ein heikles Thema im katholisch geprägten Liechtenstein. Und dass Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein bereits sein Veto angekündigt hat, macht die Sache nicht besser. Das zeigte sich am letzten Freitag auch bei einer Strassenumfrage in Vaduz. Nur wenige sind bereit, öffentlich ihre Meinung zur Initiative für eine Fristenlösung kundzutun. Erst recht vor der Kamera.
Würdest du öffentlich deine Meinung sagen?
Dafür geben sie bereitwillig Tipps, vor welchem Laden besonders viele Einheimische anzutreffen seien. Eine junge Frau, die nur anonym Auskunft geben will, bietet der Journalistin sogar an, sie an einen Badesee zu fahren: «Da hat es immer viele Liechtensteiner. Die Vorsicht kommt nicht von ungefähr: Die letzte Debatte rund um Abtreibungen führte 2011 zu einer staatspolitischen Krise (siehe Box).
Als der Fürst mit dem Wegzug drohte
Alek, 41

Eher für eine Legalisierung von Abtreibungen ist Alek: «Ob es richtig oder falsch ist, soll jeder für sich entscheiden», findet der Familienvater. Er kenne Betroffene: «Wenn sie es eh einfach im Ausland machen, können wir es auch bei uns erlauben.» Angesprochen auf die Veto-Ankündigung des Fürstenhauses, sagt Alek: «Da sage ich jetzt lieber nichts dazu»
Caroline, 50
Für Caroline (50) gehört der Entscheid für oder gegen eine Abtreibung zum «höchstpersönlichen» Recht jedes Menschen. Dass der Erbprinz sein Veto gegen ein Ja zur Fristenlösung angekündigt hat, sei dessen Recht: «Gleichzeitig ist es das Recht des Volkes, darüber abzustimmen.» Beim letzten Mal war das Resultat ein knappes Nein: «Ich hoffe, dass es dieses Mal anders kommt», sagt Caroline.
Caroline, 21

Caroline fände es zwar schön, wenn Abtreibungen legal wären. Aber sie könne auch gut mit dem geltenden Verbot leben: «Ich habe ja jederzeit die Möglichkeit, in die Schweiz zu gehen, darum ist es okay, wenn es so bleibt.» Dafür sei sie der Schweiz dankbar. Die Reaktion des Erbprinzen ist für die 21-Jährige keine Überraschung: «Er hat ja schon mal Nein gesagt», sagt sie.
Laura, 31
«Für mich ist es wichtig, dass Frauen über ihren eigenen Körper entscheiden können», sagt Laura. «Und es kommen mir wenig bis gar keine Argumente in den Sinn, die dagegen sprechen.» Darum hat sie die Initiative für eine Fristenlösung im Fürstentum unterschrieben. Hinzu komme, dass eine entsprechende Legalisierung in den meisten europäischen Ländern seit Jahrzehnten der Normalfall sei.
Dass der Erbprinz bereits sein Veto angekündigt hat, sei zu akzeptieren: «Trotzdem ist es wichtig, dass man die Stimmungslage im Volk kennt.» Laura glaubt, dass sich diese seit dem knappen Nein vor 15 Jahren verändert hat: «Ich habe das Gefühl, dass vor allem die jüngere Generation dafür ist.»
Dies ist der zweite Teil unserer Reportage aus Vaduz. Im ersten Teil der Reportage erfährst du, was das Komitee hinter der Initiative antreibt.
Im dritten Teil liest du, wie Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein seine Veto-Ankündigung begründet und wo er bereit zu einem Kompromiss wäre.
Delia Bachmann (dba), Jahrgang 1993, arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Als Redaktorin im Ressort Politik berichtet sie über das Geschehen in Bundesbern.
