1000 Franken: Juso fordert Mindestlohn in der Lehre

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Juso-Forderung1000 Franken im ersten Jahr – «Das würde Lehrstellen vernichten»

Tausende Jugendliche beginnen bald eine Lehre in der Schweiz – laut der Juso teils unter prekären Bedingungen für einen Hungerlohn. Die Jungsozialisten fordern jetzt einen Mindestlohn.

Die Juso prangert tiefe Löhne in der Lehre an. Archiv-Bild einer Demo zur 99-Prozent-Initiative im Jahr 2021.
Juso-Präsident Nicola Siegrist fordet einen Mindestlohn im 1. Lehrjahr von 1000 Franken – in allen Branchen. 
Unterstützung erhält er von SP-Nationalrätin Sarah Wyss. 
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Die Juso prangert tiefe Löhne in der Lehre an. Archiv-Bild einer Demo zur 99-Prozent-Initiative im Jahr 2021.

Juso Schweiz

Darum gehts

  • Die Juso sagt Lernenden-Löhnen von unter 1000 Franken den Kampf an. 

  • Sie fordert einen branchenübergreifenden Mindestlohn von 1000 Franken im 1. Lehrjahr. 

  • Gewerkschaften und SP sympathisieren mit der Unterstützung der Juso für höhere Lernenden-Löhne. 

  • Über die Parteigrenzen hinaus ist die Meinung aber einheitlich: Der Staat soll sich hier nicht einmischen. 

42-Stunden-Wochen, unbezahlte Überzeit, viel Verantwortungen und Praktika, für die sie selber aufkommen müssen: Laut Juso-Präsident Nicola Siegrist werden Lernende in gewissen Branchen regelrecht ausgebeutet: «Gerade Coiffeurs und Coiffeusen und Lernende in der Kosmetikbranche, teilweise aber auch in medizinischen Berufen, kriegen im ersten Lehrjahr oft nur 400 oder 500 Franken.»

Das ist laut dem Juso-Präsident deutlich zu wenig. «Lernende sind dadurch auf die finanzielle Unterstützung durch die Eltern angewiesen, was nicht für alle möglich ist. So können es sich manche gar nicht leisten, eine Ausbildung zu machen.» Das Problem: «Lernende sind oft nicht dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt und es gibt keinen gesetzlichen Mindestlohn.» Die Juso fordert deshalb einen branchenübergreifenden Mindestlohn von 1000 Franken für das erste Lehrjahr.

Firmen sollen an den Online-Pranger gestellt werden

Um auf die Missstände aufmerksam zu machen, hat die Juso am Dienstag eine Art Online-Pranger aufgeschaltet: Lernende sollen anonym Lehrbetriebe benennen, die sehr tiefe Löhne bezahlen.

Siegrist appelliert an Bundesbern und will in den nächsten Wochen Unterstützung für einen Vorstoss suchen. «Uns ist klar, dass die Lehrbetriebe mit der Ausbildung der Jugendlichen auch eine Leistung erbringen. Wir wollen nicht, dass sie in Bedrängnis kommen, weil sie höhere Lernenden-Löhne nicht bezahlen können. Der Bund soll hier eine Lösung erarbeiten.»

Hast du eine Lehre gemacht? 

Unterstützenswert findet die Idee SP-Nationalrätin Sarah Wyss: «Jegliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lernenden ist zu begrüssen. Diese könnte neben dem Lohn auch über mindestens sechs Wochen Ferien gehen, wie ich das in einem Vorstoss forderte.»

Der aktuelle Lehrlingsmangel in einigen Branchen zeigt laut Wyss, dass es klaren Handlungsbedarf gibt. «Die Bedingungen für Lernende müssen verbessert werden. Der Juso-Vorstoss dünkt mich relativ moderat, ist aber inhaltlich darum umso unterstützenswerter.»

Gewerkschaften: «Lernende dürfen nicht ausgebeutet werden»

Unterstützung gibt es auch von den Gewerkschaften: Urban Hodel, Co-Leiter Kommunikation beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, sagt: «Lernende dürfen nicht ausgebeutet werden. Es gibt Fälle, wo der Lohn in krasser Diskrepanz zur wirklichen Produktivität der Lernenden steht.» Bei der Berufslehre stehe aber die Qualität der Ausbildung im Vordergrund, nicht primär der Lohn. Zur konkreten Forderung nach einem Mindestlohn von 1000 Franken will sich der SGB-Sprecher aktuell nicht äussern.

Mit der Unterstützung über das linke Lager hinaus dürfte es schwierig werden: Mitte-Nationalrat Leo Müller, sagt: «Ich befürworte diese Mindestlohn-Forderung nicht. Wenn die Branchen zum Schluss kommen, dass ein höherer Lohn für die Lernenden ihnen hilft, Lehrstellen zu besetzen, müssen sie das entscheiden. Es ist nicht am Staat, sich hier einzumischen.»

Andri Silberschmidt: «Das vernichtet Lehrstellen»

Noch klarer drückt es FDP-Vizepräsident und Nationalrat Andri Silberschmidt aus: «Wenn die Juso das duale Bildungssystem zerstören will, ist das der richtige Ansatz. Mit dieser Forderung würden Lehrstellen vernichtet, weil die Betriebe sich dann nicht mehr den Aufwand machen würden und es sich teils auch nicht mehr leisten könnten, junge Menschen auszubilden.»

Der Lohn ist laut Silberschmidt in der Lehre zweitrangig: «Wenn ich in einem coolen Job viel Verantwortung übernehmen, dazulernen und so meine berufliche Laufbahn starten kann, ist das viel wichtiger.» Das duale Bildungssystem sei deshalb so erfolgreich, weil die Politik dort wenig dreinrede. «Das soll auch die Juso akzeptieren.»

Auch die Meinung des Arbeitgeberverbands ist klar: «Die Lehre ist eine Ausbildung. Es ist richtig, dass es dafür eine Entschädigung gibt. Aber das Geld sollte nicht im Vordergrund stehen», sagt Mediensprecher Stefan Heini. Solche Eingriffe in die Wirtschaftsfreiheit seien schädlich für den liberalen Arbeitsmarkt. «Deshalb lehnen wir gesetzliche Mindestlöhne in allen Bereichen ab.»

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