AleppoZivilisten getötet: Gewalt in Syrien eskaliert
Dschihadisten überrumpeln syrische Regierungskräfte – und reissen die Kontrolle über Aleppo an sich. Syrien und das verbündete Russland reagieren mit Luftangriffen. Eine gefährliche Dynamik.
Dschihadisten und ihre von der Türkei unterstützten Verbündeten sind am Freitag in Syriens zweitgrösster Stadt Aleppo eingedrungen und haben eine Blitzoffensive gegen die Kräfte der von Iran und Russland unterstützten Regierung gestartet.
Darum gehts
Der Bürgerkrieg in Syrien ist wieder aufgeflammt.
Bewaffnete Dschihadistengruppen haben übers Wochenende Aleppo eingenommen.
Syrien und seine Verbündeten, darunter Russland, reagieren mit Luftangriffen.
Als Antwort auf die Angriffe von dschihadistischen Gruppen auf Aleppo haben Syrien und Russland wieder Luftangriffe auf die Stadt aufgenommen. Dabei kamen Aktivisten zufolge neben HTS-Kämpfern auch Zivilisten ums Leben.
Unter den Todesopfern seien neben Mitgliedern der Dschihadistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) auch acht Zivilisten. 23 Menschen seien verletzt worden, teilten die Aktivisten weiter mit. Sie beziehen ihre Informationen von einem Netz aus Informanten in Syrien.
Moskau gehört zu den wichtigsten Verbündeten der syrischen Regierung in dem Bürgerkrieg. Russlands Luftwaffe hatte am Wochenende erstmals seit 2016 wieder in Aleppo angegriffen. Auch andernorts in Nordwestsyrien gab es wieder russische Luftschläge gegen syrische Rebellen.
Das sagt Baschar al-Assad
Nach der Einnahme der Stadt Aleppo durch dschihadistische Rebellen hat Syriens Machthaber Baschar al-Assad den von Islamisten angeführten Kräften den Kampf angesagt. Die «Zerschlagung des Terrorismus» diene der Stabilität und Sicherheit der gesamten Region, sagte Assad nach Angaben der syrischen Präsidentschaft bei einem Treffen mit dem iranischen Aussenminister Abbas Araghtschi in Damaskus.

Die «Zerschlagung des Terrorismus» diene der Stabilität und Sicherheit der gesamten Region, sagte Assad nach Angaben der syrischen Präsidentschaft bei einem Treffen mit dem iranischen Aussenminister Abbas Araghtschi in Damaskus.
IMAGO/XinhuaIrans Aussenminister sagte Syrien derweil weiterhin Unterstützung dabei zu. Er warf Israel und den USA vor, hinter dem Vormarsch der Dschihadisten zu stecken. Der Iran ist neben Russland der wichtigste Verbündete von Assad.
In der Nacht zum Montag seien rund 200 Kämpfer irakischer Milizen über die Grenze nach Syrien gefahren, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die vom Iran unterstützten Milizenkämpfer dürften die Regierungstruppen beim Kampf um Aleppo unterstützen. Auch weitere schiitische Milizen aus dem Irak, die bereits in Syrien stationiert waren, seien mobilisiert worden, sagte ein Milizenführer der Nachrichtenagentur AP.
Das sagen die Einwohner Aleppos
Viele Menschen würden derzeit die grossen Märkte in der Stadt meiden, aus Furcht, diese könnten ins Visier von Luftschlägen geraten, mit denen die Regierung und ihr Verbündeter Russland die oppositionellen Islamisten wieder aus der Stadt vertreiben will. Einkäufe erledigten sie auf kleineren Strassen, berichtet der Syrer, der im Westen Aleppos wohnt. Lebensmittel sind seinen Angaben nach derzeit überall erhältlich.

Nach der Rebellenoffensive auf Aleppo im Nordwesten Syriens berichten in der Millionenstadt lebende Menschen von Angst.
IMAGO/NurPhotoAuch Mohammed Hanan fürchtet sich vor allem vor den Regierungstruppen – und ihrer angekündigten Gegenoffensive auf die Stadt. «Das gefährdet das Leben Tausender Zivilisten», sagt er.
Die Anwohnerin Malak Abdul-Rahman sieht dagegen auch andere Bedrohungen in der gegenwärtigen Situation. «Autos mit bewaffneten Gruppen fahren durch die Strassen und Märkte von Aleppo», so die Frau. Deshalb seien viel weniger Menschen als sonst unterwegs, ist sich die Frau sicher. Die Strassen seien leer. Die Rebellen hätten zudem Strassen gesperrt, weshalb die Menschen derzeit nicht aus der Stadt heraus könnten.
Das sagt der Westen
Die USA, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben die Konfliktparteien in Syrien zur Deeskalation aufgefordert. Seit dem überraschend schnellen Vorrücken von islamistischen Rebellen und der Verdrängung syrischer Regierungstruppen aus Aleppo hat der Bürgerkrieg in dem Land nach Jahren des weitgehenden Stillstands innerhalb weniger Tage wieder eine gefährliche Dynamik bekommen: Russische und syrische Kampfflugzeuge verstärkten ihre Angriffe, um die Lage für die Regierung unter Kontrolle zu bekommen. Auch der iranische Aussenminister sicherte Syrien weiterhin Unterstützung im Kampf gegen oppositionelle Kräfte zu.
«Wir verfolgen die Entwicklungen in Syrien genau und fordern alle Parteien zur Deeskalation und zum Schutz der Zivilbevölkerung und der Infrastruktur auf, um weitere Vertreibungen und Unterbrechungen des humanitären Zugangs zu verhindern», hiess es in einer in der Nacht vom US-Aussenministerium veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der vier Nato-Staaten USA, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien.
So reagieren die Medien
Zur jüngsten Eskalation im syrischen Bürgerkrieg, wo islamistische Rebellen die Millionenstadt Aleppo eroberten, schreibt das «Wall Street Journal»: «Das Chaos nimmt im Nahen Osten selten Urlaub, und der jüngste Ausbruch ist eine erneute islamistische Herausforderung des syrischen Regimes von Baschar al-Assad. (...) Es ist verlockend, sich den Sturz Baschar Assads zu wünschen, angesichts der Massaker, die er gegen seine eigene Bevölkerung gebilligt hat. Aber die islamistischen Gruppen, die ihn stürzen würden, sind keine Verbündeten des Westens oder der Demokratie. (...) Das vorrangige US-Interesse ist es, die Ausbreitung von Chaos nach Israel und in den Irak hinein zu verhindern, das zu einer Wiederbelebung des Islamischen Staates führen könnte
Haben Assads Verbündete anderes zu tun?
Die liberale dänische Tageszeitung «Politiken» kommentiert die neue Eskalation in Syrien: «War der Bürgerkrieg in Syrien nicht gerade überstanden? Versuchen dschihadistische Rebellen jetzt, ihn zu blutigem Leben zu erwecken? Es wird auf jeden Fall wieder in Aleppo im Norden des Landes gekämpft. Mehrere Rebellengruppen – sowohl Islamisten als auch säkulare Aufständische – haben überraschenderweise die Truppen der Assad-Diktatur aus der zweitgrössten Stadt Syriens verdrängt.
Die Eskalation in Aleppo kann ein Zeichen dafür sein, dass Assads Unterstützer – Russland, Hisbollah und Iran – anderes im Kopf haben. Das russische Militär hat genug zu tun in der Ukraine. Die Hisbollah-Miliz ist teilweise im Libanon zerschlagen worden. Der Iran läuft Gefahr, selbst in einem Krieg mit Israel zu enden. Assad hat also gute Gründe dafür zu befürchten, allein zu Hause zu sein, schreibt «Politiken» weiter.
Folgst du schon 20 Minuten auf Whatsapp?
Eine Newsübersicht am Morgen und zum Feierabend, überraschende Storys und Breaking News: Abonniere den Whatsapp-Kanal von 20 Minuten und du bekommst regelmässige Updates mit unseren besten Storys direkt auf dein Handy.