
Rücken die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund und die Arbeit nimmt gedanklich immer mehr Raum ein, könnte dies auf ein Burnout hindeuten.
Pexels/Cottonbro StudioWarnsignaleAchtung, dein Zynismus könnte ein Burnout-Anzeichen sein
Ein Burnout kommt schleichend und zeigt sich oft durch unscheinbare Symptome. Wer frühzeitig die Warnsignale erkennt, kann gezielt gegensteuern.
Rund ein Viertel der Schweizerinnen und Schweizer fühlt sich burnout-gefährdet – das ergab eine gross angelegte Umfrage der SRG. Doch wie erkennt man eigentlich, dass man Gefahr läuft, auszubrennen? Psychologin Vanessa Kaeslin erklärt es im Interview.
Wie gehst du mit Stress im Alltag um?
Über die Expertin

Vanessa Kaeslin ist Psychologin und Fachfrau für Neurodivergenz und Burnout. Sie praktiziert in der Gemeinschaftspraxis Balancd in Zürich und ist auf der Station «Au Soleil», dem Zentrum für Stressfolgestörungen und Burnout der Privatklinik Meiringen, als Stationspsychologin tätig.
Was sind erste Anzeichen eines Burnouts?
Die ersten Anzeichen sind oft subtil und körperlich wahrnehmbar. Es können Symptome sein wie stark verspannten Schultern, vermehrte Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Magen-Darm-Problemen. Die Arbeit nimmt immer mehr Raum ein und gleichzeitig werden eigene Bedürfnisse und andere Lebensbereiche vermehrt vernachlässigt. Die körperlichen Signale werden dabei gerne längere Zeit ignoriert und nehmen gleichzeitig immer mehr zu.

Sozialer Rückzug kann ein Burnout-Symptom sein.
Pexels/MikotoWie unterscheidet sich Burnout von Stress?
Stress ist eine Reaktion des Systems auf eine Herausforderung. Diese Reaktion aktiviert das autonome Nervensystem und führt zu physiologischen und psychologischen Veränderungen. Wir unterscheiden zwischen Eu- und Distress. Eustress wird als positiver Stress wahrgenommen, er wirkt anregend und motivierend. Distress hingegen ist der negative Stress, den wir im allgemeinen Sprachgebrauch als Stress definieren. Dieser ist, wenn eine Situation überfordernd wirkt und sogar Angst auslösen kann, da die Anforderungen die verfügbaren Ressourcen wie Fähigkeiten, Energie oder Zeit übersteigen. Wenn wir über lange Zeit vorwiegend aktiviert sind und die entspannenden Erholungsphasen dazwischen fehlen, kann das von Erschöpfung bis zu Burnout führen.
Und wie definiert sich ein Burnout?
Die ICD-10 Leitlinien beschreibt es als ein Syndrom, das durch die drei Leitsymptome emotionale Erschöpfung, Zynismus/Demotivation und reduzierte Leistungsfähigkeit gekennzeichnet ist. Dieser Zustand kann sich aber in jedem Menschen unterschiedlich zeigen. Meist bahnt es sich über Jahre an.

Eines der Leitsymptome ist eine reduzierte Leistungsfähigkeit.
Pexels/Cottonbro StudioWie können Angehörige helfen, wenn sie Anzeichen eines Burnouts bemerken?
Ein Anzeichen ist der soziale Rückzug. Freunde sollten das Thema behutsam ansprechen, z.B.: «Ich habe bemerkt, dass du müde wirkst und dich zurückziehst. Wie geht es dir wirklich? Ich mache mir Sorgen um dich.» Empathisches Nachfragen hilft meist mehr als vorschnelle Ratschläge. Sozialer Rückzug ist oft ein Zeichen, dass es der Person nicht gut geht.
Was kann man tun, wenn man erste Anzeichen bei sich selbst erkennt?
Grundsätzlich lieber frühzeitig intervenieren, als darauf zu warten, bis der völlige Zusammenbruch kommt. Dauerhafte Belastung, eigene Grenzen überschreiten (lassen) und fehlende Erholung erhöhen das Risiko für Burnout. Unterstützung zu suchen und sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, brauchen Mut.

Bei einem Burnout braucht es Mut, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen und Unterstützung zu holen.
Pexels/N VoitkevichWelche präventiven Massnahmen können Menschen ergreifen, um einem Burnout vorzubeugen?
Eine liebevolle Beziehung zu sich zu führen ist essenziell. Dies heisst nicht, sich selbst in Watte zu packen. Wir dürfen uns herausfordern. Müssen uns aber nicht die ganze Zeit überfordern. Es hilft, sich selbst wahrzunehmen, seinen Körper, seine Emotionen, und ein Bewusstsein über das eigene Denken zu entwickeln. Eines der simpelsten Übungen ist die Verbindung über den Atem. Diesen bewertungslos wahrnehmen. Ein paar Atemzüge langsam und komplett Ein- und Ausatmen. Im Moment sein und diesen mit allen Sinnen wahrnehmen. Beobachten, was einem Energie gibt und wo die Energie verpufft. Sich als Mensch, als einen lebendigen Organismus verstehen und nicht als Maschine. Der Mensch schafft die Maschine. Wir müssen nicht selber die Maschine sein.
Was sind deine Erfahrungen?
Hast du selbst oder jemand in deinem nahen Umfeld bereits Erfahrungen mit einem Burnout oder dem Weg dahin gemacht? Erzähle uns im Formular davon!
Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?
Hier findest du Hilfe:
Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858
Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55
Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen
Stand by you Schweiz, Helpline für Angehörige, Tel. 0800 840 400
Psyfinder, qualifizierte Fachpersonen in deiner Nähe
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109
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