
Ob alleine oder mit Freunden – bei der Free-Range-Erziehung ist dein Kind oft ohne Eltern unterwegs.
Pexels/OliaGut oder gefährlich?Free-Range-Eltern lassen Kindern alle Freiheiten
Kinder erziehen sich nicht von selbst. Beim Free-Range-Parenting halten sich Eltern aber aus vielem raus. Warum sich das positiv auf das Selbstwertgefühl auswirkt.
Der Gedanke, dass dein Kind den ganzen Nachmittag mit Freunden an einem weit entfernten Bach spielt, löst in dir eine kleine Panikattacke aus? Dann zählst du vermutlich eher zur Gattung Helikopter- oder Rasenmäher-Eltern. Bei der Free-Range-Erziehung geht es um das Gegenteil von Überwachung: seinem Kind Freiraum gewähren – und es einfach machen lassen. Wie sich dieser Erziehungsstil auf dein Kind auswirken kann und was es zu beachten gilt, verrät die Erziehungsberaterin Carmen Lahusen.
Über die Expertin

Carmen Lahusen ist Sozialpädagogin FH, Erziehungsberaterin und Coach mit eigener Praxis in Zürich. www.carmenlahusen.ch
Frau Lahusen, was steckt hinter dem Begriff Free-Range-Erziehung?
Unter Free Range Parenting – übersetzt Freilanderziehung – versteht man eine Methode, die dem Kind viel freie Zeit und Unabhängigkeit einräumt. Sie wird als Gegenteil zu den Helikopter-Eltern angesehen und soll Kinder ermutigen, selbständig und mit begrenzter elterlicher Aufsicht zu funktionieren. Dies in Übereinstimmung mit ihrem Entwicklungsalter und einer realistischen Gefahreneinschätzung.

Wer seine Kinder einfach mal machen lässt, lässt das Selbstwertgefühl der Kleinen wachsen.
Pexels/Cottonbro StudioTendieren wir in der Schweiz eher zur Free-Range-Parenting oder zum Erziehungsstil der Helikopter-Eltern?
Während die Free-Range-Erziehung noch vor wenigen Jahrzehnten praktisch schweizweit praktiziert wurde und die Erziehungsmethode schlechthin war, mutierte die Schweiz in den letzten Jahren mehr und mehr zu Helikopter-Eltern. Die Freizeit der Kinder ist häufig eng durchgetaktet mit Fussball, Klavier oder Nachhilfeunterricht – oft begleitet durch die Eltern, sei es im Auto oder zu Fuss.
Was hat das für Folgen?
So entstehen an einem Tag häufig nur wenige und eher zeitlich beschränkte Freiräume mit Eigenzeit für das Kind. Zudem finden diese meist zu Hause oder im Beisein eines Elternteils statt. Gleichzeitig wird die hektische, globalisierte Welt von heute subjektiv als gefährlicher empfunden, was das Schutzbedürfnis der Eltern gegenüber ihren Kindern weiter erhöht. Sie entwickeln sich zu Helikopter-Eltern. Die Corona-Pandemie hat dies noch verstärkt.
Beispiele für Free-Range-Kinder
Das Kind spaziert allein in die Bäckerei und kauft Brot.
Es fährt allein einige Skipisten.
Es spielt mit Freunden den ganzen Nachmittag am weit entfernten Bach.
Es nimmt allein oder auch zu zweit den Bus, sucht die Angaben selber raus – auch mit dem Risiko, am falschen Ort zu landen.
Es fährt mit dem Velo allein oder zu zweit eine längere Strecke.
Ist es für die Entwicklung seiner Kinder ratsam, derart viel Freiraum zu lassen?
Viel Freiraum bietet Kindern Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen. Er fördert nicht nur die natürliche Neugierde, Kreativität und Ideenvielfalt, sondern ermöglicht dem Kind, insbesondere im persönlichen und sozialen Bereich, enorm zu wachsen. So vermag ein Kind, dem man etwas zutraut und das eine Situation bzw. ein Unterfangen eigenständig erfolgreich meistern kann, enorm Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit aufzubauen. Es weiss, dass es mit seinem Handeln etwas bewirken kann. Genauso lernt ein Kind, das viel Zeit zum Bauen, Spielen oder Malen hat, sich selbst besser zu spüren und innere Ruhe zu finden, was ihm wiederum ermöglicht, mehr Selbstwertgefühl zu entwickeln. Selbstverständlich haben diese persönlichen Gewinne auch einen positiven Einfluss auf die sozialen Interaktionen des Kindes.

Ob malen, bauen oder basteln – beim Freispiel lernt ein Kind Selbstregulation.
Pexels/Vlada KarpovichWie verhindert man, dass das Kind bei so viel Freiraum nicht orientierungslos wird?
Zentral ist, dass der viele Freiraum in eine Struktur eingebettet wird. Das Kind muss wissen, dass der Freiraum zeitlich und räumlich klar begrenzt ist. Das gibt ihm Ruhe und Sicherheit. Dabei gilt das Schlüsselwort «bis»: Bis ich rufe. Bis zum Abendessen. Bis zu dieser Strasse. Bis es dunkel wird. Bis um 17 Uhr.
Wie viel Freiraum gibst du deinen Kindern im Alltag?
Was raten Sie Eltern, die sich dem Free Range Parenting annähern möchten, aber total ängstlich sind?
Eltern, die ihren Kindern mehr Freiraum gewähren möchten, wird empfohlen, diesen zeitlich und räumlich so zu begrenzen, dass eine gewisse Fernkontrolle möglich ist oder diese durch andere Personen stattfinden kann. Auch Tageszeiten, Verkehr und Umfeld sind zu beachten. Der beste Schutz für Kinder ist jedoch die Prävention. Es ist ratsam, mit dem Kind über alle möglichen Umstände und Eventualitäten zu sprechen und ihnen aufzuzeigen, wie sie in einer entsprechenden Situation richtig reagieren können. Das gibt dem Kind Sicherheit und bietet den gewissen nötigen Schutz.

Prävention gibt Kindern zusätzlich Sicherheit.
Pexels/Yaroslav ShuraevWelcher ist dein bester Tipp für die Kindererziehung? Teile ihn mit der Community.
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