Schweiz: Flyer gegen «EU-Massenimmigration» an Ausländer verschickt

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Hass-Brief«Ausländer, ihr seid illegal»: Flyer soll Expats vergraulen

Derzeit macht ein Flyer in der Schweiz die Runde, der sich offenbar vor allem an EU-Ausländer richtete. Die Botschaft darauf: Die Ausländer hätten die Schweiz in ein Drecksloch verwandelt und sollten abhauen.

In der Schweiz erhielten mehrere Menschen diesen Flyer. Auch eine 20-Minuten-Redaktorin war darunter.
Im Flyer wird unter anderem «beklagt», die Politik setze die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 nicht um.
Die Initiative sah Kontingente für die Migration aus EU-Staaten vor,  wurde aber, obwohl sie angenommen wurde, nur sehr entschärft umgesetzt.
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In der Schweiz erhielten mehrere Menschen diesen Flyer. Auch eine 20-Minuten-Redaktorin war darunter.

20min

Darum gehts

  • Kürzlich erhielten mehrere Personen in der Schweiz einen rassistischen Flyer, der sich gegen Ausländer richtete.

  • Im Flyer wird den Ausländern unter anderem vorgeworfen, die Schweiz zu einem «Drecksloch» gemacht zu haben.

  • Der Extremismusforscher Dirk Baier könnte sich vorstellen, dass der Flyer von der «Jungen Tat» stammt. Diese streitet die Autorenschaft aber ab.

Was steht im Flyer?

Ein DIN-A4-Blatt, gehalten in Rot und Weiss, der Text fast ausschliesslich auf Englisch. Darauf zu lesen: «Ausländer, ihr seid illegal.» Und weiter: «Die Schweizer haben 2014 in einem Referendum entschieden, die EU-Massenimmigration zu stoppen, werden aber verfassungswidrig von ihrer eigenen Regierung ignoriert, und das wegen des Drucks eurer Arbeitgeber und Wirtschaftslobbyisten!» Besonders auffällig: Der Flyer richtet sich nur an europäische Migranten, nicht aber an Geflüchtete oder Asylsuchende.

Darunter ist ein Schweiz-Icon zu sehen, von dem aus mehrere Pfeile, jeweils versehen mit den Flaggen der EU-Ausländer, den Weg in deren Heimatländer weisen sollen. Die vertretenen Länder sind zum Beispiel Deutschland, Tschechien, Polen, Frankreich, England, Spanien, Portugal und Italien.

«Ausländer, verpisst euch!»

«Eidg. Widerstand.»

Daneben steht: «Ihr habt unser wunderschönes Land in ein von Ausländern überlaufenes, übervölkertes, überteuertes und kulturell entfremdetes Drecksloch verwandelt – mit der in Europa bei weitem grössten Migrantenpopulation pro Kopf!» Weiter wird behauptet: «Laut den neuesten Umfragen schlagen 78,2 Prozent der Schweizer vor: Ausländer, verpisst euch! Bevor 2025 die Revolten ausbrechen! Und das werden sie!»

Nicht das erste Mal

Der Flyer ist nicht der erste dieser Art von ausländerfeindlicher Post, die Mitarbeiter von 20 Minuten erhalten haben. Im April diesen Jahres erhielt die Autorin dieses Textes einen Fake-Ausschaffungsbrief, in dem ihr mitgeteilt wurde, sie müsse per Ende Jahr die Schweiz verlassen. Der Brief gab vor, vom SEM ausgestellt worden zu sein. Recherchen ergaben, dass schweizweit mehrere Personen den Brief erhalten hatten.

Wer hat den Flyer bekommen?

20 Minuten wurde auf den Flyer aufmerksam, weil eine unserer Redaktorinnen ihn per Post erhielt. Warum ausgerechnet sie ihn erhielt, ist dabei nicht klar – denn sie ist nur eine von vielen in der Redaktion mit einem ausländischen Namen. Aber anscheinend haben noch weitere Personen den Flyer erhalten: Auf Expat-Foren im Netz kursieren Fotos des Flyers.

Warst du schon mal von Ausländerfeindlichkeit betroffen?

Vor allem auf Reddit hat der Flyer in einem Post unzählige Reaktionen hervorgerufen. Allein 700 Menschen kommentierten den Post, es wurden zahlreiche Reposts verfasst. Dort kursiert auch die Information, die betroffenen Personen hätten den Flyer an ihre Arbeitsadresse zugesendet bekommen. Verifizieren lässt sich die Information bislang aber nicht. Wie viele dieser Flyer genau verschickt worden sind, ist ebenfalls unklar.

Die Kantonspolizeien Bern und Basel sowie die Polizei in Luzern geben an, keine Kenntnis von dem Flyer zu haben – Anzeige erstattet habe bislang niemand. Die Kantonspolizei Zürich klärt derzeit ab, ob Ermittlungen aufgenommen werden. Nähere Angaben darüber, etwa zur Frage ob Anzeigen eingegangen sind, macht sie nicht.

Von wem stammt der Flyer?

Am Rand des Flyers ist kleingedruckt vom «Eidg. Widerstand 78p» die Rede. Unter diesem Namen ist bislang keine Gruppierung bekannt. Der Extremismusforscher Dirk Baier könnte sich aber gut vorstellen, dass er auf die rechte Gruppe Junge Tat zurückzuführen ist: «Dass sich die Junge Tat nicht zu erkennen gibt, ist Teil ihrer Strategie. Sie will nicht als offen rechtsextrem gelten, weil das in der Bevölkerung, aber auch in der SVP nicht gutgeheissen wird. Und die Junge Tat sucht aber immer wieder Annäherung zur SVP.»

Dass die Flyer von einer Einzelperson gestaltet und in Umlauf gebracht worden sind, kann er sich nicht vorstellen. «Rechtsextreme Personen sind in der Schweiz vernetzt und wissen gegenseitig gewöhnlich Bescheid über solche Aktionen.»

Was sagt die Junge Tat zu den Flyern?

Die Junge Tat bestreitet auf Anfrage von 20 Minuten, die Flyer verfasst und in Umlauf gebracht zu haben. Allerdings distanziert sie sich nicht von dessen Inhalt. «Die Forderung nach einer rückwirkenden Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist gerecht und demokratisch – nicht rassistisch.» Man könne den Unmut der Autoren sehr gut verstehen, lehne aber die Androhung von Krawallen ab.

Die Junge Tat bestreitet, hinter dem Flyer zu stecken, findet aber dessen Inhalt gut.

Die Junge Tat bestreitet, hinter dem Flyer zu stecken, findet aber dessen Inhalt gut.

Screenshot Junge Tat

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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