Hundetrainer«Viele haben schlicht keine Ahnung, wie man Hunde erzieht»
Ein Rottweiler fiel über Khaled (5) und Zahra (7) her, verletzte den Knaben schwer. Für zwei Experten ist klar: Schuld an den zunehmenden Beissvorfällen sind überforderte Halter und ahnungslose Trainer.
Darum gehts
Khaled (5) und Zahra (7) waren am spielen, als ein Rottweiler über sie herfiel.
Der Hund wütete regelrecht, verletzte Khaled schwer am Arm, ebenso seine Mutter und später gar eine Polizistin.
Beissvorfälle mit Hunden nehmen in der Schweiz zu. Für die Hundetrainer Carlo Schafroth und Gabriela Frei Gees gibt es klare Schuldige: überforderte Hundehalter, ahnungslose Trainer und eine Gesellschaft, die Hunde mit Leckerli belohnen will, statt sie zu erziehen.
Ein einjähriger Rottweiler hat in Adlikon ZH Kinder, später auch Erwachsene und eine Polizistin angegriffen. Carlo Schafroth und Gabriela Frei Gees sind beide Hundetrainer, die auch mit Problemhunden arbeiten. Für sie ist klar: Sowohl bei den Hundehaltern als auch bei den Hundetrainern läuft heute einiges schief.
«Wenn ein Hund so auf Kinder losgeht, war es bestimmt nicht das erste Mal, dass er solche Verhaltensweisen gezeigt hat», sagt Schafroth. Er sieht darum klar ein Verschulden bei den Haltern: «Auch wenn sie das Tier erst kurz haben: Wer einen Rottweiler hat und noch nicht genau weiss, was für ein Wesen der Hund hat, ist dafür verantwortlich, dass der Hund richtig gesichert ist und nicht einfach abhauen kann.»
«Einem Hund muss man sehr klar Grenzen aufzeigen»
Überhaupt hätten Hundehalter heute oft völlig falsche Vorstellung davon, wie man einen Hund erzieht. Dass es in der Schweiz immer häufiger zu Bissvorfällen kommt, daran sind laut den Experten aber auch die Hundetrainer schuld: «Jeder kann sich heute Hundetrainer nennen. Viele haben aber schlicht keine Ahnung davon, wie man einen Hund richtig sozialisiert», sagt Schafroth. «Man will den Hunden mit Leckerli Sitz, Fuss und Platz beibringen. Doch einem Hund, gerade wenn er von Rasse und Züchtung her eine gewisse Veranlagung hat, muss man auch sehr klar Grenzen aufzeigen.»
«Unter den vielen unseriösen Hundeschulen leiden am Ende die Halter.»
Unter den vielen unseriösen Hundeschulen leiden laut Frei am Ende die Halter: «Zu uns kommen oft Menschen, die mit ihren Hunden schon bei vier, fünf, sechs Hundetrainern gewesen sind, deren Hunde aber ein zunehmende problematisches Verhalten an den Tag legen. Wir nehmen uns dann den Hunden an und versuchen, herauszufinden, wieso sie so ein Verhalten an den Tag legen. Doch dafür muss man die Körpersprache der Hunde verstehen, was die allermeisten Trainer in der Schweiz leider nicht können.»
«Jeder kann sich Hundetrainer nennen, aber die meisten haben keine Ahnung»
Frei kritisiert, dass jeder sich Hundetrainer nennen könne und es keine einheitlichen Ausbildungen gebe für die Trainer. «Ich bin überzeugt. Sie können heute eine Hundeschule auftun und morgen werden Sie die ersten Kunden haben – völlig unabhängig, wie viel Sie tatsächlich von Hunden verstehen. Der Bedarf ist riesig. Und mit den vielen unqualifizierten Hundeschulen nehmen die Probleme durch schlecht sozialisierte Hunde und überforderte Halter zu.» Es gehe sogar noch weiter, sagt Frei: «Wenn unsere Kunden sich ihrem Hund gegenüber auch einmal autoritär zeigen und ihm – selbstverständlich gewaltfrei – Grenzen aufzeigen, werden sie dafür angezeigt. Es ist völlig absurd.»
«Früher hat man beim Züchten auf das Wesen der Tiere geschaut, das ist heute vielen egal.»
Dazu kommt laut Schafroth das Problem der Züchter: «Früher hat man auf das Wesen der Hunde geschaut bei der Verpaarung. Heute geht es oft nur noch darum, wie der Hund aussieht oder ob er bei einer Meisterschaft gewonnen hat. So hat man am Ende zwar sehr schöne Hunde, die aber teils schwierige Wesen haben. Wenn die Züchter sie nicht loswerden, landen diese Hunde dann etwa bei einem älteren Ehepaar. Das kann gar nicht gutgehen.»
«Wir haben einige Rassen jahrhundertelang aufs Jagen abgerichtet»
Einige Hunderassen sind laut dem Experten jahrhundertelang darauf abgerichtet worden, Jagdhunde zu sein. «Nur, weil das jetzt nicht mehr im Trend ist und die Menschen lieber Kuschelhunde hätten, ändern sie nicht einfach ihr so lange antrainiertes Wesen.» Einig sind sich die Experten auch darin, dass die Art und Weise, wie die Menschen heute Hunde erzögen, einem allgemeinen Trend in der Gesellschaft folgten: «Antiautoritäre Erziehung ist in. Jeder soll tun können, was er will, und zur Belohnung gibts ein Leckerli. Aber wenn sie Hunderassen, die jahrhundertelang anders gezüchtet und abgerichtet worden sind, so erziehen – ja dann müssen sie sich nicht wundern, wenn sie ihnen irgendwann in den Arsch beissen», sagt Schafroth.
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