Illegale Adoptionen«Von Kindern wurde gesprochen, als ob sie eine Ware wären»
Eine neue Studie zeigt, dass das Ausmass der illegalen Adoptionen in die Schweiz grösser war als angenommen. Und wie man bei den Behörden damals über Kindeswohl dachte.
Darum gehts
Der Bundesrat liess Adoptionen aus zehn Herkunftsländern untersuchen. Das Resultat: Es kam noch öfter zu illegalen Adoptionen als bisher angenommen.
Der Bundesrat drückt gegenüber den Betroffenen sein Bedauern aus.
Der Bericht zeigt auch, wie die Behörden damals über Familien und Kindeswohl dachten.
Bisher bekannt war, dass es bei Adoptionen aus Sri Lanka ab den Siebzigerjahren gravierende Missstände gab. Dazu hatte der Bundesrat schon vor drei Jahren einen Bericht vorgelegt. Inzwischen hat die Landesregierung die Adoptionspraxis in die Schweiz aus zehn weiteren Ländern untersuchen lassen. Das Resultat liegt nun vor: Auch aus Bangladesh, Brasilien, Chile, Guatemala, Indien, Kolumbien, Korea, Libanon, Peru und Rumänien wurden ab den Siebziger- bis in die Neunzigerjahre Tausende Kinder auf illegale Art importiert. Die genaue Zahl lässt sich laut der Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) nicht eruieren.
Der Bundesrat informierte am Freitag über die neusten Erkenntnisse und drückte sein Bedauern aus. Die Behörden hätten ihre Verantwortung gegenüber den betroffenen Kindern und ihren Familien nicht genügend wahrgenommen, diese Versäumnisse prägten das Leben der adoptierten Kinder bis heute, heisst es in der Medienmitteilung.
Kenntnisse liefen in Bern zusammen
In der Studie werden auch die Zustände von damals beschrieben: Bei den Bundesbehörden in Bern seien die Kenntnisse über illegale Adoptionen zu verschiedenen Herkunftsländern zusammengelaufen. Dennoch sahen sich die Berner Behörden jeweils nur für einen Teil der Abläufe zuständig, wenn etwas falsch lief. Ausschlaggebend für diese Haltung seien einerseits die komplexen Verfahren mit vielen Involvierten gewesen. Zweitens habe mehrheitlich die Überzeugung vorgeherrscht, dass es den adoptierten Kindern in der Schweiz besser gehe als im Herkunftsland. Drittens hätten die Behörden die Interessen der adoptionswilligen Paare höher gewichtet als die Interessen der Adoptivkinder. Und sie hätten aus Angst vor negativer Presse nicht als unmenschliche Beamte dastehen wollen, welche die Kinder zurückschickten.
Das Kindeswohl, welches im Zivilgesetzbuch ein zentraler Rechtsbegriff war, sei oft herangezogen worden und zeige Wertewandel zwischen damals und heute betreffend Vorstellungen von intakter Familie. «Kinder hatten Objektstatus. Oftmals wurde von ihnen gesprochen, als ob sie eine Ware wären. Etwa dann, wenn von Kinderimport die Rede war, oder subtiler, wenn Adoptiveltern Wünsche zu Eigenschaften der Kinder formulierten», heisst es in der Studie.
Bundesrat will internationales Recht ändern
Solche Unregelmässigkeiten dürfe es nicht mehr geben, schreibt der Bundesrat. Eine unabhängige Expertengruppe im Auftrag des Bundes sei zum Schluss gekommen, dass mit einer Revision des internationalen Adoptionsrechts das Missbrauchspotenzial gesenkt werden könne. Der Bundesrat habe die Expertengruppe beauftragt, bis Ende 2024 vertiefte Abklärungen vorzulegen. Ausserdem treffe sich Justizministerin Elisabeth Baume-Schneider in der ersten Jahreshälfte 2024 mit Vertretern von Bund und Kantonen zu einem Austausch, dabei gehe es um die Unterstützung der Betroffenen bei der Herkunftssuche.
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