Steigt mit dem Nahostkrieg die Terrorgefahr in Europa?

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Israel-Gaza-KonfliktSteigt mit dem Nahostkrieg die Terrorgefahr in Europa?

In Frankreich herrscht die höchste Terrorwarnstufe. Deutschland befürchtet antisemitische Übergriffe. Und auch in der Schweiz steigt die Verunsicherung. Experten ordnen die Gefahrenlage ein. 

Nach den Angriffen der Hamas in Israel werden jüdische Einrichtungen in Deutschland stärker geschützt. (Im Bild: Polizisten vor einer Synagoge in Berlin)
Im Norden Frankreichs greift am Freitag ein radikaler Islamist eine Schule an und tötet einen Lehrer. 
Am Samstag gehen in Frankreich bei bekannten Sehenswürdigkeiten, wie dem Louvre, Bombendrohungen ein.
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Nach den Angriffen der Hamas in Israel werden jüdische Einrichtungen in Deutschland stärker geschützt. (Im Bild: Polizisten vor einer Synagoge in Berlin)

IMAGO/epd

Darum gehts

  • Nach den Angriff der Hamas auf Israel steigt auch in Europa die Angst vor Terroranschlägen.

  • Gefährdet seien besonders jüdische Einrichtungen, sagen Terrorexperten.

  • Obwohl das Risiko für Terroranschläge in der Schweiz kleiner sei als in anderen Ländern, sei auch hierzulande die Gefahr gestiegen.

Islamistisch motivierter Messerangriff an einer Schule und Drohungen gegen zwei der berühmtesten Sehenswürdigkeiten des Landes: In Frankreich herrscht seit Freitag die höchste Terror-Warnstufe. Innenminister Gérald Darmanin sprach von einer «dschihadistischen Atmosphäre» im Land seit dem Beginn des Krieges zwischen der Hamas und Israel. Seit Kriegsbeginn seien knapp 190 antisemitische Straftaten registriert worden. Deutschland hat wegen befürchteter antisemitischer Übergriffe den Schutz von jüdischen und israelischen Einrichtungen weiter verstärkt. 

Auch in der Schweiz ist die Verunsicherung spürbar. Das zeigt ein Blick vor Zürcher Synagogen und Geschäften: Alleine vor einer Synagoge standen am Samstag fünf Polizisten. Laut der Stadtpolizei Zürich wurde die Patrouillentätigkeit bei jüdischen Einrichtungen erhöht. Gemäss dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund ist die Lage in der Schweiz stabil, aber sehr angespannt. Mit jeder neuen Eskalation im Nahen Osten steige die Gefahr für Jüdinnen und Juden. Zwei Terrorexperten erklären, wie sich die Bedrohungslage in Europa in der letzten Woche verschärft hat.

Sind jüdische Menschen in Europa derzeit stärker gefährdet?

«Das Risiko, dass jüdische Menschen Gewalt erfahren, ist in den letzten Tagen stark gestiegen», sagt Johannes Saal, Dschihadismus- und Terrorexperte an der Universität Luzern. «Es ist denkbar, dass solange der Krieg anhält, jüdische Personen und Einrichtungen ins Visier von gewaltbereiten Gruppierungen und Einzeltätern geraten.» Daneben sind laut Terrorexperten Peter Neumann vom King’s College in London vor allem auch Ausschreitungen oder Gewaltausbrüche am Rande von pro-palästinensischen Demonstrationen zu befürchten.

Sind auch Terroranschläge denkbar?

Beide Experten sind sich einig: Im Moment gebe es keine Anzeichen für grössere Netzwerke, die in Europa Terroranschläge planen. Die Gefahr gehe wie in den letzten Jahren eher von Einzeltätern und wenig organisierten Kleingruppen aus. Durch den Krieg im Nahen Osten würden Dschihadisten, die derzeit in Europa schlummern, wieder aktiviert, sagt Neumann. «Sie haben sozusagen ein Thema gefunden, dem sie sich anschliessen können.» Je länger der Krieg dauert, desto höher ist die Gefahr, dass in Europa Terroranschläge ausgeübt werden. 

Ist es denkbar, dass die Hamas auch in Europa Anschläge verübt?

Laut Neumann ist das unrealistisch. Im Unterschied zum IS oder Al-Qaida habe die Hamas immer nur Israel als Feindbild gehabt. «Die Hamas hat immer gesagt, sie verübe keine Anschläge ausserhalb des Nahen Ostens. Dass sich das ändert, glaube ich nicht.»

Ist die Gefahr von Anschlägen auch in der Schweiz gewachsen?

Die Gefahr sei in allen westeuropäischen Ländern erhöht, sagt Neumann. Auch in der Schweiz seien Ausschreitungen, Gewaltakte oder Anschläge möglich. Aus verschiedenen Gründen sei das Risiko im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Grossbritannien aber kleiner, sagt Saal: Einerseits sei die muslimische Bevölkerung in der Schweiz anders zusammengesetzt. «Hier leben zum Beispiel viel weniger Palästinenserinnen und Palästinenser. Zudem kennen wir hierzulande das Problem von Parallelgesellschaften weniger.» Andererseits rangiere die Schweiz als neutraler Staat auf der Liste der von Dschihadisten verhassten Ländern auch nicht zuoberst. «Staaten wie die USA, Grossbritannien oder Frankreich sind viel stärker im Fokus.» 

Was müssen die europäischen Länder oder die Schweiz jetzt tun?

Es reiche nicht aus, Hassprediger in Moscheen oder bestimmte radikale Gruppen im Auge zu behalten, sagt Neumann. «Die Sicherheitsbehörden müssen die Aufmerksamkeit stärker auf Radikalisierungstendenzen online richten. Viele junge Menschen radikalisieren sich zum Beispiel über Telegram.» In der Schweiz plädiert Saal für ein Verbot von Hamas: «Das hätte eine Signalwirkung. Wenn das Sammeln von Spendengeldern in ganz Europa verboten wäre, würde die Terrororganisation geschwächt.» Wichtig sei zudem die Prävention in Form von Aufklärung über den Nahostkonflikt oder das Vermitteln religiöser Toleranz in Schulen.

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