KontroverseIst die Gender-Debatte überflüssig? Das sagt eine Feministin dazu
Drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer halten die Debatte über gendergerechte Sprache für unwichtig. Eine Feministin hält dagegen und kritisiert öffentlichkeitswirksame Hetze.
Darum gehts
Die Debatte über gendergerechte Sprache lässt viele Menschen kalt.
Drei Viertel geben an, nicht oder eher nicht auf eine gendergerechte Sprache zu achten.
Für die Feministin und Linguistin Alessandra Widmer ist die Debatte konstruiert. «Die Zahlen zeigen, dass sich viele Menschen im privaten Gebrauch durchaus mit inklusiver Sprache auseinandersetzen.»
Sie kritisiert, dass öffentlichkeitswirksam gegen gendergerechte Sprache und alle, die beim generischen Maskulinum nicht mitgemeint sind, gehetzt werde.
Die Debatte zur gendergerechten Sprache ist für viele Menschen nicht wichtig, wie eine Umfrage von 20 Minuten und Tamedia in Zusammenarbeit mit Leewas zeigt. Gleichzeitig verwendet aber nur ein Viertel der Befragten beim Schreiben und Sprechen das generische Maskulinum, nennt also konsequent nur die männliche Form. «Das zeigt, dass die Mehrheit der Menschen in ihrem privaten Gebrauch sich sehr wohl mit gendergerechter Sprache auseinandersetzt», sagt Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation (LOS) und Feministin.
Für sie ist die Debatte um gendergerechte Sprache konstruiert und medial aufgebauscht: «Es wird viel darüber gestritten, dabei belegen wissenschaftliche Erkenntnisse längst, dass die Sprache einen Effekt darauf hat, wie Menschen wahrgenommen werden. Wird die weibliche Form mitgenannt, führt das nachweislich zur Wahrnehmung und Sichtbarkeit der Frauen und fördert damit die Gleichstellung.»
«Uns an etwas Neues zu gewöhnen, ist immer schwierig»
Dass einige sich über die grosse Aufmerksamkeit, die die gendergerechte Sprache in den letzten Jahren erhalten hat, aufregen, hat für die Feministin mehrere Gründe. Einerseits habe Sprache sehr viel mit uns selbst zu tun: «Wenn in unsere Sprache eingegriffen wird und wir uns an etwas Neues gewöhnen müssen, ist das immer schwierig. Das ist auch bei anderen Themen so, aber Sprache hat viel mit Identität zu tun. Deshalb fallen die Reaktionen hier oft emotionaler aus.»
«Das gezielte Schüren von Abneigung ist ein Angriff auf alle, die mit dem generischen Maskulinum nicht mitgemeint sind.»
Andererseits werde der Kampf gegen «Woke-Wahnsinn» und «Gender-Terror» aktiv betrieben, etwa von der SVP. «Hier wird gezielt Empörung bewirtschaftet, um Stimmen zu gewinnen.» Und letztlich stehen solche Aktionen für weit mehr als nur eine Kritik an der Sprache oder einem Satzzeichen wie dem Genderstern: «Dieses gezielte Schüren von Abneigung ist ein Angriff auf alle, die mit dem generischen Maskulinum nicht mitgemeint sind.»
«Öffentlichkeitswirksame Hetze funktioniert nur, wenn die Medien aufspringen»
Auch den Medien komme hier eine wichtige Rolle zu: «Sich mit öffentlichkeitswirksamer Hetze zu positionieren funktioniert nur, wenn die Medien aufspringen. Es wäre wünschenswert, dass die Verantwortlichen sich jeweils besser überlegen, wem solche Berichterstattung nützt – und vor allem, für wen sie unter Umständen enormen Schaden anrichten kann.»
Interessiert dich die Gender-Debatte?
Trotz der teils aufgeheizten Stimmung in Diskussionen rund um Genderthemen ist Widmer optimistisch: «Sprache befindet sich ständig im Wandel und Minderheiten oder diskriminierte Gruppen müssen weiter für ihre Anliegen einstehen.» Widmer ist überzeugt: «Gendergerechte Sprache wird sich letztlich in der einen oder anderen Form durchsetzen. Denn die Grundsätze dahinter sind Inklusion, Teilhabe und Gleichberechtigung aller. Und dafür steht die Mehrheit der Schweizer Gesellschaft.»
«Ich glaube nicht, dass es eine universelle Lösung für gendergerechte und inklusive Sprache geben wird. Das muss auch nicht das Ziel sein.»
Damit das geschieht, brauche es aber weiteren Einsatz für die Sichtbarkeit von Frauen und trans Menschen in der Sprache. «Es ist ein grosser Unterschied, ob Betroffene sagen, dass eine Formulierung sie diskriminiert oder ob jemand findet, das sei jetzt sprachlich nicht so schön und man finde es unnötig. Diese Argumente dürfen nicht gleich viel Gewicht bekommen.»
«Alle sollen eine informierte Entscheidung treffen können»
Das Ziel müsse letztlich sein, dass alle eine informierte Entscheidung über den eigenen Sprachgebrauch treffen können. «Ich glaube nicht, dass es eine universelle Lösung für gendergerechte und inklusive Sprache geben wird. Das muss auch nicht das Ziel sein. Sprache ist etwas, das durch unser Handeln Wirklichkeit schafft. Bei Gender-Themen geht es deshalb auch um sehr viel mehr als nur den Sprachgebrauch. Dieses Thema darf nicht isoliert betrachtet werden.»
«Ich bin überzeugt, dass wir eine Form der Sprache finden werden, die alle anspricht und sichtbar macht und von allen akzeptiert wird.»
Dass drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer sich im eigenen Sprachgebrauch aktiv mit inklusiver Sprache befassen, ist für Widmer dennoch ein gutes Zeichen. «Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir in der Gleichstellung weiter Fortschritte machen, auch eine Form der Sprache finden werden, die alle anspricht und sichtbar macht, zugänglich ist und von einer Mehrheit akzeptiert wird.» Dass bis dahin weiter über den Genderstern gestritten werde, gehöre dazu: «Inklusive Sprache befindet sich erst in einem andauernden Entstehungsprozess.»
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