Rede von Julija Nawalnaja in St. Gallen am Symposium

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Julija Nawalnaja«Vielleicht ist Putin grün: Er rettet Tiger und reitet halbnackt auf Pferden»

Julija Nawalnaja, die Witwe des verstorbenen russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny, spricht am St. Gallen Symposium über Putin und über Freiheit.

Julia Nawalnaja hielt am Freitag in St. Gallen am Symposium eine Rede.
Im Talk mit Ali Aslan sprach sie über ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes.
Blumen liegen in dem Borisowskoje-Friedhof in Moskau auf dem Grab von Kremlgegner Alexei Nawalny.
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Julia Nawalnaja hielt am Freitag in St. Gallen am Symposium eine Rede.

20min/sr

Darum gehts

  • Julia Nawalnaja, die Witwe von Russlands Kritiker Alexei Nawalny, hielt am St. Gallen Symposium eine Rede und nahm an einem Talk teil.

  • Sie sprach darüber, wie Putin der Opposition das Leben schwer macht und grundsätzlich verhindert, dass Leute am politischen Leben teilhaben.

  • Ein Diktator müsse alles tun, damit sich Menschen nicht für Politik interessierten.

  • Sanktionen gegen Russland hält sie teilweise für kontraproduktiv.

  • Ihr Fazit zu Putin: Einerseits ist er Präsident, andererseits ist er ein Mafiaboss.

Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny starb im Februar in russischer Gefangenschaft. Seine Frau hielt auf dem St. Gallen Symposium an der HSG am Freitag eine Rede und sprach über Putin und seinen Umgang mit Oppositionellen: «Er schickt sie in Gefängnisse, ins Exil oder tötet sie.»

«Warum hatte Putin so viel Angst vor meinem Mann?», fragt sie. Und: «Was kann die Welt lernen von der Erfahrung Russlands?»

«Ist Putin rechts, links oder sogar grün?»

«Wie ist Putin? Ist er links oder rechts?», stellt Nawalnaja an einem anderen Punkt der Rede ins Zentrum. Für rechts spreche seine Wirtschaftspolitik. Für links, dass es – jedenfalls formal – kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung gebe. «Vielleicht ist er sogar grün, er rettet Tiger und reitet halbnackt auf Pferden», stellt die Witwe in den Raum. Putin tue alles, um an der Macht zu bleiben.

Putin hasst Einmischung

«Putin verhindert, dass andere Menschen in der Politik aktiv werden.» Ihm sei es wichtig, dass man sich nicht in seine Aktivitäten einmische. Ihr Mann Alexei habe Menschen dazu aufgerufen, an Protesten teilzunehmen, sich einzumischen, sich für ihre Interessen einzusetzen. Nawalny habe Innovationen eingeführt, um mehr Menschen zu erreichen, und wollte junge Menschen in Politik engagieren. In den Augen von Putin sei dies das grosse Problem gewesen, weswegen er Nawalny gehasst habe und ihn aus dem Weg räumen wollte.

«Du kannst im Business aktiv sein, auf Festivals gehen, aber bloss nicht in die Politik»

Ihr Mann habe Politik interessant machen wollen für Millionen von Menschen. «Ein Diktator, der für immer an der Macht bleiben möchte, muss alles tun, damit Menschen sich nicht für Politik interessieren», sagt Nawalnaja. Putin habe das Interesse junger Menschen an vielen Dingen geweckt, aber nicht an Politik. «Du kannst im Business aktiv sein, auf Festivals gehen, aber bloss nicht in die Politik.»

An das junge Publikum gerichtet sagt sie: «Wenn jemand sagt, dass du zu jung für die Politik bist, dann ist das ein Zeichen für eine Diktatur. Wenn jemand sagt, die Politik sei ein dreckiges Geschäft, dann wollen sie dich nur von der Politik abhalten.» Doch man solle sich als junger Mensch nicht davon abhalten lassen: «Wenn du den Wunsch hast, in der Politik aktiv zu sein, dann tu es!»

Nawalnaja erfährt in München vom Tod

Im Talk mit Ali Aslan spricht Nawalnaja über den Moment, als sie vom Tod ihres Mannes erfuhr, während ihres Aufenthalts bei der Sicherheitskonferenz in München. Sie sah eine Headline auf einem Bildschirm und wusste nicht, ob sie es glauben solle oder nicht. «Ich konnte anfangs nicht vertrauen, ob es stimmt.» Sie hatte dann spontan auf der Sicherheitskonferenz eine Rede gehalten.

Nawalnaja sagt, sie habe gesehen, wie deprimiert die Unterstützer ihres Mannes in Russland waren. «Es war mir sehr wichtig, sie in diesem Moment zu unterstützen.» Was würde Alexei an meiner Stelle machen, habe sie sich gefragt. «Es würde dasselbe machen – weitermachen.»

«Einige Sanktionen können Putin sogar helfen»

«Was ist das Effektivste, was die freie Welt machen könnte, um Russland zu helfen?», fragt der Moderator Aslan. «Es ist für den Westen schwierig, Putin zu verstehen», antwortet Nawalnaja. Im Westen gebe es kein Verständnis, wie man mit Putin kommunizieren könne. Einerseits sei er Präsident, andererseits ein Mafiaboss. Sanktionen findet sie wichtig. «Aber ich finde nicht, dass alle Sanktionen wirklich funktionieren.» Sie würden Putin sogar teilweise helfen, um zu zeigen, wie «böse» der Westen sei, denn einige Sanktionen würden vor allem die normale russische Bevölkerung treffen.

«Ich lebe seit langem kein besonders sicheres Leben»

Ihre Sicherheit könnte tatsächlich ein Problem sein, sagt Nawalnaja. «Es gab mehrere Anschlagsversuche auf meinen Mann. Ich lebe seit langem kein besonders sicheres Leben.» Wahrscheinlich lebe sie jetzt ein noch unsichereres Leben. «Ich könnte mir Sorgen über alles machen, aber das möchte ich nicht.»

Ob sie bei ihren Entscheidungen oft an Alexei denke, fragt der Moderator Nawalnaja. «Wenn ich jedes Mal denken würde, was Alexei denken würde, dann wären das ständig problematische Situationen. Es ist jetzt so weit, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe», antwortet sie.

--> Lies hier die Einschätzung zur Rede von Gulnaz Partschefeld, Russland-Expertin und Lehrbeauftragte für Kulturgeschichte Osteuropas

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