Innovationsführer Schweiz: KI-Potenzial ungenutzt?

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KI-Readiness«Chefs fehlt der Mut»: Wird Schweizer Wirtschaft bei KI abgehängt?

Die Schweiz gilt als innovativstes Land der Welt – hinkt aber laut einer Cisco-Studien bei KI hinterher. Führende Wissenschaftler im Land erklären, warum das geballte Wissen nicht in den Unternehmen ankommt.

Die Schweiz gilt als innovativstes Land der Welt – in Sachen KI-Readiness hinken Unternehmen hierzulande allerdings hinterher.
Beim Swiss AI Dinner im Zürcher Zunfthaus Zur Meisten kamen dieses Jahr führende Wissenschaftler im Bereich KI zusammen.
Auch Jakob Uszereit, der mit seiner Forschung den Grundstein für Large Language Models bildete, war zugeschaltet.
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Die Schweiz gilt als innovativstes Land der Welt – in Sachen KI-Readiness hinken Unternehmen hierzulande allerdings hinterher.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Die Schweiz gilt als innovativstes Land, hinkt aber bei der KI-Nutzung hinterher.

  • Laut Cisco-Studie fehlt es Schweizer Unternehmen an «KI Readiness».

  • Führende Wissenschaftler sehen fehlenden Mut bei Chefs als Hauptgrund.

  • Experten warnen: Unternehmen könnten den Anschluss verlieren, wenn sie nicht handeln.

Gleich zwei Studien sollen es belegen: Die Schweizer Wirtschaft wird, was die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) anbelangt, ihrer Vorreiterrolle als innovativstes Land der Welt (globaler Innovationsindex) und KI-Hotspot nicht gerecht. In einer Studie der UNO landete sie nur auf Rang 36. Und auch die Softwarefirma Cisco fand heraus: Schweizer Unternehmen hinken in der sogenannten «KI Readiness» im internationalen Vergleich deutlich hinterher.

Beim Mindfire AI Gala Dinner kommen führende Wissenschaftler zusammen

An Manpower und geistigem Know-how mangelt es dagegen nicht. Die Forschung im Bereich KI wird an renommierten Universitäten wie der ETH, Universität Zürich, ZHAW und der Hochschule Luzern massgeblich vorangetrieben. Woran liegt es also, dass dieses Wissen nicht durchsickert? Um dieser Frage nachzugehen, war 20 Minuten am Swiss AI Gala Dinner dabei. Beim 3-Gänge-Menü und Rotwein diskutierten führende Wissenschaftler aus den Bereichen Neurowissenschaften, KI und Robotik über die Zukunft von AI. Die Kulisse dafür: Die ehrwürdigen Hallen des Zunfthauses zur Meisen.

Der Pflegeroboter «Robody» soll Pflegediensten die Arbeit erleichtern.

20min

Bevor es allerdings zu Tisch ging, wurden bei einem Apéro die neuesten Trends vorgestellt: So zum Beispiel die Apple-Vision-Pro-Brille oder der Pflegeroboter Robody, der die Schweizer Pflege revolutionieren soll. Wer an diesem Abend mit dabei ist, bekommt schnell den Eindruck: Hier ist die Crème de la Crème der Szene versammelt – darunter zum Beispiel der Robotik-Professor Davide Scaramuzza,  EPFL-KI- Direktor und Epidemiologe Marcel Salathé und der Neurowissenschaftler und Speaker Henning Beck. Sie sind der Einladung von KI-Pionier Pascal Kaufmann anlässlich der Bekanntgabe des Gewinners des globalen AI Awards gefolgt. Auch mit dabei: «Robody», der Roboter, der die Schweizer Pflege revolutionieren soll.

Fehlt den Wirtschaftsbossen der Mut?

Fragt man in die Runde, was die Gründe für die schwache KI-Performance in Schweizer Unternehmen ist, bekommt man unterschiedliche Antworten: Laut dem Dozenten und Leiter des ETH AI-Centers Alexander Ilic liegt es nicht an der Technologie, sondern daran, dass ihre Bedeutung bei vielen Chefs noch nicht angekommen ist. «Viele von ihnen sind viel zu abwartend. Sie glauben: KI ist nur ein Hype, der vorübergeht. Beim Internet dachten das damals auch viele.» Ilic ist überzeugt: Die Schweiz kann ihren Reichtum noch weiter ausbauen, wenn sie KI richtig nutzt. «Vielen Chefs fehlt dafür aber der Mut.»

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit die Schweiz bei KI führend wird?

Das Problem liege aber auch auf politischer Ebene, meint der ETH-Dozent: «Die Schweiz hat nach dem Release von ChatGPT fast als einziges europäisches Land ihre AI-Strategie nicht angepasst.» Hierzulande brauche es oft viel zu lange, um Veränderungen voranzutreiben. Eine Begründung dafür: der Föderalismus. «Hier ist alles einfach dezentraler.» Dennoch glaube er, dass es im Vergleich zu anderen Ländern dennoch schneller gehe als anderswo. «Ausserdem darf man nicht vergessen, dass die Schweiz den weltbesten KI-Supercomputer besitzt.»

Für Unternehmen kann es irgendwann zu spät sein

Direkt neben Ilic sitzt Gastgeber und KI-Pionier Pascal Kaufmann. Er hat eine andere Theorie dazu, warum man in vielen Unternehmen eher zögerlich auf die neue Technologie reagiert: «In der Schweiz ist der Wohlstand auf einem sehr hohen Niveau. Dementsprechend hat man auch viel zu verlieren. Das Bedürfnis nach Besitzstandswahrung ist gross.» Er ist überzeugt: Schweizer Unternehmen müssten finanziell noch mehr unter Druck geraten und der Konkurrenzdruck noch weiter steigen, damit sie in die Gänge kämen und sich für die neuen Technologie schneller öffneten.

Ähnlich sieht es der Neurowissenschaftler Marc-Oliver Gewaltig, der sich der Diskussion im Laufe des Abends anschliesst. «Es dauert immer relativ lange, bis wissenschaftliche Ergebnisse in der Wirtschaft ankommen, bei KI ist das nicht anders.» Ausserdem reiche es für ein Unternehmen nicht, einfach nur eine neue Technologie anwenden zu wollen – hierfür müssten erst wichtige Arbeitsabläufe angepasst werden. «Das passiert aber nur, wenn klar ist, dass die Neuerung auch mehr Umsatz bringt. Bei Innovationen kann man sich da aber nie sicher sein.» Deswegen scheuten viele Unternehmen das Risiko, so Gewaltig. «In der Zeit, die es braucht, um Sicherheit zu erlangen, können Start-ups so gross werden, dass es für das lange bestehende Unternehmen zu spät ist.»

Behind the scenes

Für diesen Bericht waren die 20-Minuten-AI-Botschafterin Selena Calleri und Redaktorin Letizia Vecchio beim Swiss AI Gala Dinner, das am 4.12. im Zürcher Zunfthaus zur Meisen stattfand. Sie sind dafür einer Einladung des Gastgebers Pascal Kaufmann als Jurypräsident des Mindfire Swiss AI Award gefolgt. Kaufmann war es ein Anliegen, nach dem 20-Minuten-Bericht über die erwähnte Cisco-Studie aufzuzeigen, dass die Schweiz auf Seiten der Wissenschaft und innerhalb von Tech-Start-ups in AI viele fähige und hochkarätige Köpfe hat.

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