«Ein Freund von mir wurde gerade zum Präsidenten von Georgien gewählt»

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Micheil Kawelaschwili«Ein Freund von mir wurde gerade zum Präsidenten von Georgien gewählt»

Der 53-jährige Micheil Kawelaschwili wird Georgiens neuer Präsident – und auch in der Schweizer Sportwelt ist er kein Unbekannter. Doch seine Wahl spaltet das Land.

Ein langjähriger Weggefährte von Micheil Kawelaschwili ist Giuseppe Laisa (links) – seit über 20 Jahren sind sie befreundet.
Sie kennen sich aus der Zeit als Kawelaschwili in der Schweiz Fussball spielte.
Laisa beschreibt Kawelaschwili als einen durchsetzungsstarken Menschen: «Er ist ein ehrgeiziger und korrekter Typ – hilfsbereit, zuverlässig und hartnäckig.»
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Ein langjähriger Weggefährte von Micheil Kawelaschwili ist Giuseppe Laisa (links) – seit über 20 Jahren sind sie befreundet.

Giuseppe Laisa

Darum gehts

  • Der ehemalige Fussballer Micheil Kawelaschwili ist neuer Präsident Georgiens.

  • Seine Wahl ist umstritten. Pro-europäische Proteste halten an.

  • Kawelaschwili ist bekannt für seine ultrarechten Ansichten.

  • 20 Minuten hat mit Giuseppe Laisa gesprochen, der Kawelaschwili seit über 20 Jahren kennt.

Micheil Kawelaschwili (53) ist das neue neue Staatsoberhaupt Georgiens. Ungeachtet anhaltender pro-europäischer Proteste in Georgien hat die Wahlversammlung den Kandidaten der Regierungspartei Georgischer Traum zum neuen Präsidenten gewählt.

Kawelaschwili wurde 1971 in der Kleinstadt Bolnissi im Südwesten der damaligen Sowjetrepublik Georgien geboren. Vor seiner politischen Karriere war er in den 90er-Jahren als Mittelstürmer in der Fussballwelt bekannt.

«Wir haben oft gemeinsam Spiele geschaut»

Ein langjähriger Freund Kawelaschwilis ist Giuseppe Laisa – seit über 20 Jahren sind sie befreundet. «Ein Freund von mir wurde gerade zum Präsidenten von Georgien gewählt», sagt er nicht ohne Stolz zu 20 Minuten. Die beiden haben sich kennengelernt, als Kawelaschwili in der Schweiz lebte und beim FC Basel spielte, so Laisa weiter.

Die beiden verbinde vor allem die Liebe zum Fussball: «Wir haben uns oft gemeinsam Spiele angeschaut.» Während dieser Zeit sei das politische Interesse Kawelaschwilis noch nicht so ausgeprägt gewesen. «Erst später, als er in Georgien aktiv wurde, ist mir klar geworden, wie sehr ihm seine Landsleute am Herzen liegen», sagt Laisa.

Giuseppe Laisa und Micheil Kawelaschwili sind seit über 20 Jahren befreundet.

Giuseppe Laisa und Micheil Kawelaschwili sind seit über 20 Jahren befreundet.

Privat

«Er ist ein ehrgeiziger und korrekter Typ – hilfsbereit, zuverlässig und hartnäckig», sagt Laisa über seinen langjährigen Freund. «Er hat sich immer durchgesetzt, egal ob im Fussball oder in der Politik. Er kämpft für seine Ziele, bis er sie erreicht hat.» Laisa und Kawelaschwilis seien trotz der Entfernung im ständigen Austausch und würden sich regelmässig schreiben und telefonieren – gerade am Samstagmorgen habe er seinem langjährigen Freund zum neuen Posten gratuliert.

Micheil Kawelaschwili: Vom Fussballplatz in die Politik

Vor allem Schweizer Fussballfans kennen ihn: Kawelaschwili spielte unter anderem für den FC Zürich, den FC Luzern, den FC Sion, den FC Aarau, die Grasshoppers und den FC Basel. Jahre später ging er in die Politik. 2015 wurde Kawelaschwili von der Wahl zum Präsidenten des georgischen Fussballverbands ausgeschlossen, weil er nicht über eine Hochschulausbildung verfügte – eine Voraussetzung für dieses Amt.

Seit 2016 sitzt er für die Partei «Georgischer Traum» im Parlament. 2022 gründete er zusammen mit anderen Abgeordneten der Partei eine eigene Fraktion mit dem Namen «Volksmacht» – eine anti-westliche Gruppe, die sich offiziell von der Regierungspartei absonderte, aber allgemein als deren Anhängsel angesehen wurde. Kawelaschwilis politische Ansichten entsprechen ultrarechten Ideologien.

Proteste in Georgien

In Georgien gehen seit mehr als zwei Wochen täglich Tausende Menschen gegen den russlandfreundlichen Kurs der Regierungspartei auf die Strasse. Die jüngste Welle dieser pro-europäischen Proteste war Ende November durch die Ankündigung der Regierung ausgelöst worden, den angestrebten EU-Beitritt Georgiens bis 2028 zurückzustellen.

Der 53-Jährige ist dafür bekannt, Gegner mit unflätigen Schimpfwörtern zu überziehen und behauptet, westliche Länder wollten Georgien in den Ukraine-Krieg hineinziehen. Zudem warf er dem Westen vor, «so viele Menschen wie möglich» dazu bringen zu wollen, der «LGBTQ-Ideologie gegenüber neutral oder tolerant» zu sein. Diese «verteidigt angeblich die Schwachen, aber ist in Wahrheit ein Akt gegen die Menschlichkeit».

Kawelaschwilis Nominierung für das Amt des Präsidenten sorgte bei vielen Menschen in Georgien für Empörung – insbesondere bei den pro-europäischen Demonstranten, die seit mehr als zwei Wochen täglich gegen die russlandfreundliche Politik der Regierung demonstrieren.

Rückhalt von mächtigem Oligarchen

Hinter dem Aufstieg von Kawelaschwili steht Oligarch Bidsina Iwanischwili. Der mächtigste Mann im Land hat sich mit Kawelaschwili offenbar einen Präsidenten installiert, der ihm nicht gefährlich werden kann. Anders als frühere Präsidenten, die sich von Iwanischwili lossagten, gilt Kawelaschwili als treuer Gefolgsmann. Der Oligarch bezeichnet den für seine schimpfwörtergeladenen Tiraden und LGBTQ-feindlichen Aussagen bekannten Kawelaschwili als «Verkörperung eines georgischen Mannes».

Anfang Dezember kam es in der georgischen Hauptstadt Tiflis zu gewaltsamen Protesten. Die Polizei löste die Demos gewaltsam auf. Sie setzte Wasserwerfer und Tränengas ein.

Kawelaschwilis Wahl zum Präsidenten fand ohne die Zustimmung der breiten Bevölkerung statt. Statt einer Direktwahl wurde er von einer handverlesenen Versammlung aus Parlamentsabgeordneten und Lokalpolitikern bestimmt. Die Opposition boykottierte die Wahl und wirft der Regierung Manipulation vor.

Die scheidende Präsidentin Salome Surabischwili weigert sich derweil, das Amt an ihren Nachfolger zu übergeben. Die frühere französische Diplomatin wurde zur Symbolfigur der Protestbewegung und bleibt für viele Georgier die wahre Präsidentin. Doch die Regierung macht Druck: Kawelaschwili soll schnellstmöglich ins Amt eingeführt werden.

Mit Material von DPA und AFP.

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