Ersthelferin erzählt«Nach der Katastrophe steigt die Gefahr von Plünderungen und Unruhen»
Linda Hornisberger hat schon viele Menschen aus Trümmern gerettet. 20 Minuten erzählt sie, wie ein solcher Einsatz abläuft und worauf es in den ersten Stunden ankommt.
Darum gehts
Verheerende Erdbeben in der Türkei und Nordsyrien kosteten bereits über 2400 Menschenleben, die Zahlen werden laufend nach oben korrigiert.
Ein 80-köpfiges Team aus der Schweiz machte sich am Montagabend auf den Weg, um bei der Suche nach Verschütteten und der Versorgung der Überlebenden zu helfen.
Eine, die schon viele Verschüttete nach Katastrophen aus Trümmern gerettet hat, ist Linda Hornisberger von Redog.
Sie erklärt, worauf es in den ersten Stunden und Tagen nach einer solchen Katastrophe ankommt, und wie Erstretter mit dem Elend und der Verzweiflung umgehen.
Ob in Fukushima, Albanien oder Nepal: Linda Hornisberger von Redog hat schon viele Einsätze in Gebieten geleitet, die von einem Erdbeben betroffen waren. 20 Minuten erreicht Hornisberger, als sie gerade am Flughafen Kloten ankommt, um ihr Team für den Flug in die Türkei vorzubereiten. Dort und in Nordsyrien haben mehrere Erdbeben bis am frühen Montagabend über 2500 Menschenleben gekostet.
«In den ersten Stunden nach einem solchen Grossereignis herrscht das pure Chaos», erzählt Hornisberger. «Da trifft man auf Mütter, die ihre Tochter suchen und Väter, die den Nachbarn unter schweren Steinen hervorziehen wollen. Es kann Nachbeben geben, teils stürzen weitere Gebäude ein, die Menschen sind verzweifelt.» Diese erste Phase sei völlig unübersichtlich.
«Wir müssen einfach funktionieren»
Solche Zustände seien auch für Hornisberger und ihr Team, die Hundestaffeln von Redog, herausfordernd. «Wir kommen an und wollen helfen, dafür sind wir ausgebildet. Doch bevor wir in ein Gebäude können, muss gewährleistet sein, dass es nicht mehr einsturzgefährdet ist. Es hat niemand etwas davon, wenn wir eine Person halb aus den Trümmern befreien und dann werden die Rettungskräfte selber verschüttet.»
Die Hundeführer und ihre Tiere müssen laut Hornisberger unter schwierigen Bedingungen einfach funktionieren. «In einer Situation, wie jetzt in der Türkei, entscheiden Stunden und Minuten über Leben und Tod. Viele Menschen liegen verletzt unter den Trümmern, sie drohen zu erfrieren oder zu verbluten. In erster Linie geht es darum, in dem uns zugeteilten Schadensgebiet so viele Menschen aus den Trümmern zu retten, wie möglich.»
«Bringt nichts, wenn sie nach der Bergung sterben»
Gerade der Moment, in dem eine Person geborgen wird, sei heikel, sagt Hornisberger. «Diese Menschen sind oft gesundheitlich instabil. Wir haben deshalb immer auch zwei Mediziner dabei, die eine Erstversorgung vornehmen könnten. Es bringt nichts, wenn wir die Menschen bergen, sie dann aber vor der Übergabe ans Spital sterben.»
Ist ein Patient oder eine Patientin an die medizinischen Fachkräfte übergeben, geht es für Hornisberger und ihr Team zurück in die Trümmer, um weitere Menschen zu bergen. «Bei einer Katastrophe von der Grössenordnung wie jetzt in der Türkei gehen wir von einem Einsatz von sieben bis zehn Tagen aus», sagt Hornisberger. Das gehe an die Substanz. «Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.»
Um sich von dem ganzen Elend nicht übermannen zu lassen, helfen laut Hornisberger die Hunde. «Sie helfen uns, mit dem klarzukommen, was wir sehen und erleben, das ist ein grosser Vorteil.» Auch Gespräche über das Erlebte könnten Erleichterung bringen. «Trotzdem ist immer ein Psychologe auf Abruf bereit, falls jemand vor Ort oder zurück in der Schweiz Unterstützung braucht.»
«Gefahr von Menschenrechtsverletzungen steigt»
Die Unterstützung im Katastrophengebiet geht nach der Erstrettung weiter, wie Natalie Wenger, Pressesprecherin bei Amnesty International, weiss: «Solche Katastrophen bringen oft Unterbrüche in der Strom- und Wasserversorgung mit sich. Das ist gerade im Winter katastrophal für die Bevölkerung.» Die türkische Regierung und die internationale Gemeinschaft müssten nun zügig Notunterkünfte aufbauen und die Bevölkerung mit dem Nötigsten zum Überleben versorgen.
Doch damit ist es laut Wenger nicht getan: «Gerade die Menschen im Norden Syriens haben schon sehr viel durchgemacht, sie litten unter dem Krieg und viele leben unter der Armutsgrenze. Diese Katastrophe kann zu zusätzlichen Traumata und sehr tragischen Schicksalen führen. Und sie erhöht auch die Gefahr für Menschenrechtsverletzungen, weil in Gebieten, die zuvor schon instabil waren, nach solchen Katastrophen weitere Unruhen aufflackern können, etwa in Form von Plünderungen.»
Für Amnesty ist es deshalb zentral, dass Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen jetzt schnell Zugang zu allen betroffenen Gebieten erhalten. «Es darf nicht sein, dass gewisse Bevölkerungsgruppen aus ethischen, politischen oder religiösen Gründen nicht dieselbe Unterstützung erhalten. Das verstiesse gegen die Menschenrechte. Sollten wir Hinweise darauf erhalten, werden wir aktiv werden.»
Hunderettungsteams arbeiten ehrenamtlich
Redog ist ein Verein mit rund 750 Freiwilligen und rund 600 Hunden, die ausgebildet sind, vermisste und verschüttete Menschen zu finden. Denn die Hundenase ist das zuverlässigste Ortungsmittel, um menschliche Witterung unter Trümmern oder in unübersichtlichem Gelände und im Wald zu lokalisieren. In den Trainings unterrichten erfahrene und einsatzbereite Hundeführerinnen und Hundeführer. Einen Teil der Kosten für Auslandeinsätze wie jenen in die Türkei bezahlt der Verein aus der eigenen Tasche, weshalb er auf Spenden angewiesen ist.
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